Es gibt Einladungen zum Abendessen, bei denen man hofft, dass der Wein gut ist. Und es gibt Einladungen, bei denen man schon nach zehn Minuten merkt: Der Wein wird nicht reichen.
Olivia Wildes neue Komödie „The Invite“ gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Vier Erwachsene sitzen gemeinsam am Tisch, essen Schinken, trinken Alkohol und zerlegen nebenbei ihre Beziehungen in handliche Einzelteile.
Serviert werden Vorspeise, Hauptgang und emotionaler Totalschaden.
Früher Klavier, heute Rückenschmerzen
Joe und Angela sind seit 15 Jahren ein Paar. Früher saßen sie lachend am Klavier, spielten vierhändig und scheiterten romantisch an einem Musikstück. Heute scheitern sie eher aneinander.
Joe, gespielt von Seth Rogen, ist Musikprofessor, ehemaliger Indie-Musiker und professioneller Grantler. Seine große Zeit liegt hinter ihm, sein Rücken ebenfalls. Nach der Fahrt mit dem Klapprad legt er sich erschöpft auf den Boden und wirkt wie ein Mann, der nicht nur körperlich, sondern auch emotional dringend einen Orthopäden bräuchte.
Angela, gespielt von Olivia Wilde, dekoriert unterdessen die Wohnung, kauft Blumen, Schinken und einen neuen Teppich. Denn die Nachbarn kommen zum Essen.
Joe wusste davon nichts.
Seine Reaktion: „Wir laden doch nie Leute ein.“
Ein Satz, der gleichzeitig Überraschung, Angst und den Zustand der Ehe zusammenfasst.
Schuhe aus, Gefühle raus
Schon bei der Begrüßung wird klar, dass zwischen Angela und Joe nicht nur die Romantik verschwunden ist. Auch Höflichkeit, Geduld und wahrscheinlich mehrere gemeinsame Zukunftspläne gelten als vermisst.
Statt eines Kusses gibt es die Anweisung: „Schuhe aus!“
So beginnt ein Abend, an dem später praktisch alles ausgezogen wird – nur nicht unbedingt die Kleidung. Vor allem Seelen, Lebenslügen und verdrängte Sehnsüchte landen auf dem Tisch.
Die geheimnisvollen Nachbarn Pina und Hawk erscheinen zunächst wie das perfekte Gegenmodell.
Sie sind selbstbewusst, entspannt und offenbar mit sich und ihrer Beziehung im Reinen. Also genau jene Menschen, die man in einer Ehekrise keinesfalls zum Abendessen einladen sollte.
Die Nachbarn aus der Beziehungs-Hölle
Pina, gespielt von Penélope Cruz, ist Sexualtherapeutin. Schon dieser Beruf sorgt bei Joe für jene Gesichtszüge, die Menschen normalerweise zeigen, wenn sie erfahren, dass die Steuerprüfung bereits begonnen hat.
Im Laufe des Abends spricht Pina über Tantra, Sexualität und Perimenopause. Angela hört interessiert zu, Joe möchte vermutlich am liebsten mitsamt dem neuen Teppich verschwinden.
Hawk, gespielt von Edward Norton, ist Feuerwehrmann, souverän, gelassen und begeistert davon, wenn Konflikte offen ausgetragen werden.
„Wir lieben es, wenn Konflikte ausgetragen werden“, sagt er.
Ein Satz, der in einer sichtbar brüchigen Ehe ungefähr so beruhigend wirkt wie: „Wir lieben Explosionen“ in einer Tankstelle.
Ein Dinner ohne Sicherheitsabstand
Was als harmloses Nachbarschaftsessen beginnt, entwickelt sich rasch zu einer Mischung aus Paartherapie, Verhör und emotionalem Hindernislauf.
Alte Enttäuschungen kommen hoch. Heimliche Wünsche werden ausgesprochen. Kleine Lügen wachsen plötzlich zu beachtlicher Größe. Und jede scheinbar harmlose Bemerkung besitzt das Potenzial, eine Ehe endgültig in Brand zu setzen.
Der Film bewegt sich dabei zwischen Fremdscham und Selbsterkenntnis. Man lacht über die Figuren – bis man plötzlich merkt, dass einem manche Sätze verdächtig bekannt vorkommen.
Dann lacht man etwas leiser.
Vier Menschen, keine Fluchtmöglichkeit
Die große Stärke von „The Invite“ liegt in seiner Besetzung.
Seth Rogen spielt den sarkastischen Brummbären, der sein früheres Leben betrauert und jeden neuen Gedanken zunächst als persönliche Provokation auffasst.
Olivia Wilde verkörpert Angela als liebenswerte Chaotin, die spürt, dass ihr Leben irgendwo falsch abgebogen ist, aber noch nicht weiß, wie sie zurück auf die richtige Strecke kommt.
Penélope Cruz tritt als selbstbewusste Frau auf, die über Sexualität spricht, als würde sie das Wetter erklären.
Edward Norton gibt den entspannten Nachbarn, der sogar Ehekrisen wirken lässt wie ein interessantes Hobby.
Gemeinsam ergeben sie ein Quartett, bei dem man froh ist, nicht selbst eingeladen worden zu sein.
Die große Frage: Wer ist für das eigene Glück zuständig?
Hinter allen Pointen steckt eine ernste Frage: Wie viel Verantwortung trägt man selbst für das eigene Glück, wenn das eigene Leben längst untrennbar mit dem eines anderen verbunden ist?
Oder einfacher gesagt:
Wann ist der Partner schuld – und wann hat man selbst seit Jahren nichts verändert?
„The Invite“ liefert darauf keine gemütliche Antwort. Der Film zeigt vielmehr, wie Beziehungen langsam brüchig werden können: nicht durch einen einzigen großen Skandal, sondern durch Müdigkeit, Enttäuschung, Gewohnheit und zu viele unausgesprochene Sätze.
Fazit: Ein Abendessen, das man nicht vergisst
Olivia Wilde gelingt mit ihrer dritten Regiearbeit eine kluge, moderne und ausgesprochen unterhaltsame Beziehungskomödie.
„The Invite“ ist lustig, weil die Dialoge präzise sind. Unangenehm, weil vieles wahr klingt. Und überraschend berührend, weil hinter dem Spott echte Sehnsucht steckt.
Der Film ist ideal für Menschen, die über ihre eigenen Beziehungen lachen können.
Und für alle anderen ebenfalls.
Sie wissen es nur noch nicht.
Am Donnerstag startet „The Invite“ in den heimischen Kinos. Wer danach mit dem eigenen Partner essen geht, sollte vorsichtshalber ein neutrales Thema wählen.
Zum Beispiel das Wetter.
Oder die Steuererklärung.
Nur bitte nicht Tantra.


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