Na servas, Wien hat wieder einmal eine Lösung gefunden.
Für Kinder unter 14 Jahren, die wiederholt schwere Straftaten begehen, gibt es seit Mitte Juli eine sogenannte „Auszeit-WG“. Sechs Wochen sollen die jungen Bewohner dort verbringen, bei Bedarf noch einmal sechs Wochen länger.
Das klingt ein bisserl wie bei einem kaputten Haushaltsgerät:
Hinstellen, zurücksetzen, sechs Wochen warten – und dann funktioniert’s hoffentlich wieder.
Nur handelt es sich hier halt nicht um einen WLAN-Router, sondern um Kinder, die oft jahrelange Probleme, Bindungsstörungen, Gewalt, Vernachlässigung und gescheiterte Beziehungen mitbringen.
Eine Million Euro und 17 Seiten Hoffnung
Das Pilotprojekt kostet fast eine Million Euro im Jahr. Das dazugehörige Papier umfasst offenbar 17 Seiten.
Jetzt muss ein Konzept nicht automatisch besser sein, nur weil es 400 Seiten hat. Aber bei einer geschlossenen Einrichtung für besonders belastete Kinder wäre ein bisserl mehr als ein erweitertes Handout vielleicht doch beruhigend.
Der Kinder- und Jugendpsychiater Patrick Frottier sagt, das Papier entspreche „nicht einmal im Ansatz“ einem Konzept für eine Einrichtung dieser Tragweite.
Das ist keine besonders diplomatische Bewertung.
Auf Wienerisch könnte man sagen:
Das Konzept ist ungefähr so fertig wie eine Baustelle nach der Spatenstichfeier.
Die zuständige Stelle erklärt wiederum, es handle sich womöglich gar nicht um das vollständige Konzept, sondern nur um Unterlagen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Na dann ist ja fast alles gut.
Nur wäre es hilfreich zu wissen, wo sich das richtige Konzept befindet. Vielleicht in einem anderen Ordner. Vielleicht in einer anderen Magistratsabteilung. Vielleicht materialisiert es sich gemeinsam mit den fehlenden Fachkräften.
Sechs Wochen gegen jahrelange Probleme
Frottier hält es für naiv zu glauben, man könne innerhalb von sechs Wochen eine relevante Veränderung erreichen – besonders dann, wenn der Erfolg daran gemessen wird, ob ein Kind weniger Straftaten begeht.
Das klingt leider plausibel.
Ein Kind wird nicht zum Intensivtäter, weil es einmal schlecht geschlafen und beim Frühstück das falsche Müsli bekommen hat. Hinter solchem Verhalten stehen häufig lange Entwicklungen.
Und dann soll eine sechswöchige Auszeit reichen?
Man kann in sechs Wochen einen Führerscheinkurs machen, ein bisserl Italienisch lernen oder den Vorsatz aufgeben, jeden Tag joggen zu gehen.
Aber schwere Verhaltensprobleme, Bindungsstörungen und Gewaltmuster?
Das wird knapp.
Auch drei Monate seien bei dieser Gruppe regelmäßig nicht genug, sagt Frottier. Gleichzeitig dürfte eine Verlängerung häufiger notwendig sein als ursprünglich dargestellt.
Das bedeutet: weniger Plätze, weniger betreute Kinder und höhere Erwartungen an eine Einrichtung, deren fachliche Grundlage bereits vor dem Start heftig kritisiert wird.
Bindung aufbauen – und dann wieder Tschüss sagen
Besonders nachdenklich macht die Kritik an der kurzen Aufenthaltsdauer.
Kinder mit Bindungsstörungen brauchen verlässliche Beziehungen. Genau das soll ihnen die Einrichtung offenbar anbieten: intensive Betreuung, Struktur und Bezugspersonen.
Nach sechs oder spätestens zwölf Wochen heißt es dann aber möglicherweise:
„So, jetzt war’s schön. Alles Gute weiterhin.“
Das kann bei Kindern, die bereits viele Beziehungsabbrüche erlebt haben, erneut Schaden verursachen.
Man baut Vertrauen auf, schafft Nähe und beendet diese Beziehung kurz darauf wieder. Das ist ein bisserl wie ein Rettungsring, der nach sechs Wochen automatisch die Luft auslässt.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, was während des Aufenthalts passiert.
Entscheidend ist auch: Was kommt danach?
Wer begleitet das Kind weiter? Wer bleibt verlässlich? Wer unterstützt Familie, Schule und Umfeld? Und wer übernimmt Verantwortung, wenn die kurze Auszeit keine dauerhafte Veränderung bewirkt?
Festhalten als pädagogisches Werkzeug?
Auch der vorgesehene Umgang mit körperlichen Interventionen sorgt für Kritik.
Frottier warnt davor, Praktiken wie das Festhalten von Kindern auf Grundlage kurzer Kurse einzusetzen. Ohne langjährige Ausbildung und regelmäßiges Training könne das für Kinder und Personal gefährlich sein.
Das ist eigentlich keine überraschende Erkenntnis.
Wer ein hochbelastetes, aggressives oder panisches Kind körperlich festhält, greift massiv in dessen Rechte und körperliche Integrität ein. Das darf keine Methode sein, die man nach einem Wochenendseminar beherrscht wie einen Feuerlöscher.
Die Frage ist nicht, ob Mitarbeiter in gefährlichen Situationen handeln müssen. Natürlich müssen sie das.
Aber dafür braucht es klare rechtliche Grenzen, umfassende Ausbildung, externe Kontrolle und genaue Dokumentation. Und vor allem ein Konzept, das nicht aus Festhalten, Türzusperren und Hoffen besteht.
Wo ist das Schutzkonzept?
Der Berufsverband der Sozialen Arbeit bemängelt, dass ein ausreichendes Schutzkonzept für die Kinder fehle. Auch die Machtdynamik in einer geschlossenen Einrichtung werde nicht genügend behandelt.
Das ist ein zentraler Punkt.
Ein Elfjähriger, der sein Handy abgeben muss und stattdessen ein Gerät mit einigen eingespeicherten Telefonnummern bekommt, soll sich im Fall eines Übergriffs selbst an die Kinder- und Jugendanwaltschaft wenden.
Theoretisch klingt das sauber.
Praktisch müsste das Kind zunächst verstehen, dass ein Übergriff stattgefunden hat, den Mut haben, sich gegen Erwachsene zu stellen, und einer unbekannten Person am Telefon vertrauen.
Das ist schon für viele Erwachsene schwer.
Von einem elfjährigen Kind zu erwarten, es werde im Ernstfall souverän zum Beschwerdemanagement greifen, ist ungefähr so realistisch wie die Annahme, ein Wiener werde bei einer Verspätung der Straßenbahn ruhig und sachlich bleiben.
Kinder in geschlossenen Einrichtungen brauchen unabhängige Vertrauenspersonen, regelmäßige persönliche Kontrollen und einfache Beschwerdewege. Nicht nur eine Telefonnummer im Handy.
Erst der letzte Schritt, dann die ersten?
Die Volksanwaltschaft kritisiert, Wien mache hier den letzten Schritt, bevor alle vorherigen Möglichkeiten ausgeschöpft worden seien.
Auch das ist schwer von der Hand zu weisen.
Bevor man ein Kind geschlossen unterbringt, müsste man fragen:
Gab es rechtzeitig Unterstützung für die Familie? Genügend Therapieplätze? Intensive ambulante Betreuung? Hilfe in der Schule? Verlässliche Bezugspersonen? Krisenintervention, bevor aus einer Krise eine Dauerlage wurde?
Oder wurde wieder einmal so lange gespart, verschoben und zwischen Zuständigkeiten weitergereicht, bis nur noch die teuerste und härteste Maßnahme übrig blieb?
Österreichische Sozialpolitik funktioniert leider mitunter wie eine schlecht gewartete Heizung:
Jahrelang wird nichts gemacht. Wenn es dann im Winter friert, kauft man einen besonders teuren Heizstrahler und nennt das Pilotprojekt.
Die Politik verteidigt das Projekt
Das Büro von Vizebürgermeisterin Bettina Emmerling betont, die Umsetzungsstrategie sei geprüft und genehmigt worden. Das Konzept sei auf Grundlage der gesetzlichen Bestimmungen und in Abstimmung mit der MA 11 entstanden.
Das mag formal stimmen.
Aber eine Genehmigung ist noch kein Beweis dafür, dass eine Maßnahme fachlich optimal ist. Auch ein abgestempeltes Papier kann Lücken haben.
Die Stadt hat mit der Einrichtung Neuland betreten. Gerade dann wäre es vernünftig gewesen, Fachleute aus Kinderpsychiatrie, Sozialarbeit, Pädagogik, Kinderrechten und Gewaltschutz früh und sichtbar einzubinden.
Nicht erst, wenn das Projekt bereits läuft und die Kritik öffentlich wird.
Keine einfache Lösung
Man darf die andere Seite nicht vergessen: Es gibt Kinder unter 14 Jahren, die wiederholt schwere Delikte begehen und bei denen bisherige Hilfen offenbar nicht ausgereicht haben.
Auch andere Kinder, Familien, Lehrer und Sozialarbeiter haben ein Recht auf Schutz. Es wäre zu einfach, jede geschlossene Maßnahme grundsätzlich abzulehnen und so zu tun, als könne man jedes Problem mit einem zusätzlichen Gesprächskreis lösen.
Aber gerade weil die Situation so schwierig ist, braucht es ein fachlich besonders starkes Konzept.
Eine geschlossene Tür ersetzt keine Therapie.
Eine Auszeit ersetzt keine langfristige Beziehung.
Und sechs Wochen Struktur ersetzen nicht die jahrelange Arbeit, die davor versäumt oder nicht ausreichend finanziert wurde.
Fazit
Die „Auszeit-WG“ soll besonders belastete Kinder auffangen, Grenzen setzen und weitere Straftaten verhindern. Das Ziel ist nachvollziehbar.
Aber derzeit entsteht der Eindruck, Wien habe zuerst die Einrichtung eröffnet und diskutiere nun, ob das fachliche Fundament stabil genug ist.
Das ist ein bisserl wie ein Haus, bei dem die Bewohner schon einziehen, während draußen noch jemand fragt, ob eigentlich ein Fundament vorhanden ist.
Vielleicht kann das Projekt einzelnen Kindern helfen. Vielleicht schaffen engagierte Mitarbeiter trotz aller Schwächen gute Beziehungen und neue Perspektiven.
Aber Hoffnung ist noch kein Konzept.
Wer fast eine Million Euro im Jahr ausgibt und Kinder gegen ihren Willen unterbringt, muss mehr liefern als gute Absichten, kurze Schulungen und die Aussicht, nach sechs Wochen werde schon irgendetwas besser sein.
Denn diese Kinder brauchen keine politische Beruhigungspille.
Sie brauchen Schutz, Fachlichkeit, Zeit und Menschen, die nicht nach zwölf Wochen wieder verschwinden.


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