Viktor Orban ist zurück. Also nicht zurück an der Macht, Gott bewahre – aber zurück vor Mikrofonen. Und das ist ja schon mal die halbe Miete, wenn man 16 Jahre lang daran gewöhnt war, dass Mikrofone nicht nachfragen, sondern artig mitschreiben.
Am Mittwoch trat der frühere ungarische Ministerpräsident erstmals seit seiner Wahlniederlage wieder vor die Presse. Diesmal nicht als Regierungschef, sondern als Oppositionschef. Für Orban vermutlich ein ähnlich natürlicher Zustand wie für einen Löwen ein Praktikum im Streichelzoo.
Und was macht ein Mann, der gerade demokratisch abgewählt wurde? Genau: Er ruft zum „nationalen Widerstand“ auf. Nicht etwa gegen Hunger, Inflation oder schlechte Stadionwürstchen, sondern gegen die neue TISZA-Regierung von Ministerpräsident Peter Magyar.
Orban warf der Regierung vor, in Ungarn ein „autoritäres Regime“ errichtet zu haben. Das ist ungefähr so, als würde der Erfinder der Dauerbaustelle plötzlich einen Vortrag über freie Fahrt halten.
Denn Orban hatte in seinen 16 Jahren im Amt wirklich ganze Arbeit geleistet. Medien, Universitäten, staatliche Institutionen, Verfassungsgericht, Generalstaatsanwaltschaft – alles wurde so liebevoll umgebaut, dass man fast von politischem Heimwerken sprechen könnte. Nur eben mit Zweidrittelmehrheit, Betonmischer und sehr wenig Lüftung.
Jetzt aber entdeckt Orban plötzlich sein Herz für den demokratischen Rechtsstaat. Offenbar lag es die ganze Zeit irgendwo hinten in der Schublade, zwischen alten EU-Briefen, eingefrorenen Fördergeldern und Bedienungsanleitungen für Machtapparate.
Besonders empört zeigte sich der FIDESZ-Chef über die Absetzung des Präsidenten Tamas Sulyok. Der war 2024 von Orbans Leuten ins Amt gewählt worden und wurde nun von der neuen Regierung wegen schweren Vertrauensverlusts abberufen. Für Orban ist Sulyok „das letzte legitime Staatsoberhaupt“.
Übersetzung: legitim ist, wer früher von FIDESZ ausgesucht wurde.
Als Nachfolger hatte Peter Magyar zunächst die Schachgroßmeisterin Judit Polgar vorgeschlagen. Die lehnte ab. Verständlich. Wer jahrelang gegen Weltklassespieler gespielt hat, muss sich nicht freiwillig in ein politisches Spiel setzen, in dem jeder Bauer behauptet, er sei eigentlich König.
Auch der Generalstaatsanwalt Gabor Balint Nagy trat zurück. Er war unter Orban ernannt worden und fühlte sich von Magyar angegriffen, nachdem dieser ihn als Orbans „Marionette“ bezeichnet hatte. Das muss hart sein. Niemand möchte gern Marionette genannt werden – schon gar nicht, wenn im Hintergrund noch die Fäden quietschen.
Dann kam auch noch die Sache mit den FIDESZ-Servern. Die Staatsanwaltschaft ließ Büros durchsuchen und Server beschlagnahmen. Es geht um Ermittlungen wegen Veruntreuung und anderer Straftaten beim Nationalen Kulturfonds während Orbans Regierungszeit. Orban findet das empörend. Eine rivalisierende politische Kraft dürfe doch nicht einfach Server einer Partei beschlagnahmen lassen.
Stimmt. Früher hätte man so etwas wahrscheinlich viel eleganter gelöst: mit einem befreundeten Behördenleiter, drei Aktenordnern weniger und einer Pressemitteilung über nationale Stabilität.
Orban sprach schließlich vom Beginn eines neuen „Zeitalters der Tyrannei“. Das ist ein großer Satz. Besonders aus dem Mund eines Mannes, dessen Regierungszeit in Brüssel regelmäßig für Stirnrunzeln, Vertragsverletzungsverfahren und eingefrorene Milliarden sorgte.
Man muss ihm aber lassen: Dramaturgie kann er. Andere Politiker verlieren eine Wahl und sagen, sie wollten das Ergebnis analysieren. Orban verliert eine Wahl und erklärt direkt den historischen Ausnahmezustand. Wo andere eine Pressekonferenz geben, liefert er das Hörbuch „Ich war’s nicht – Band 16“.
Währenddessen nutzt Magyar seine Zweidrittelmehrheit, um Orbans alte Machtarchitektur zurückzubauen. Das ist natürlich aus Sicht des Architekten eine Frechheit. Da mauert man jahrelang liebevoll demokratische Hinterausgänge zu, und dann kommt der Nachmieter mit Abrissgenehmigung.
Magyar will Korruption bekämpfen, Ungarn wieder näher an europäische Grundsätze führen und ab September eine Debatte über eine neue Verfassung starten. Am Ende soll das Volk abstimmen. Für Orban dürfte das schon wieder verdächtig nach Demokratie klingen – und zwar nach der Sorte, bei der das Ergebnis vorher nicht feststeht.
Auch seine Reise in die USA zur Fußballweltmeisterschaft verteidigte Orban. Dort habe er wichtige, aber nicht öffentliche Gespräche geführt. Natürlich. Die wirklich wichtigen Gespräche sind immer die, von denen niemand weiß, mit wem sie stattfanden, worum es ging und warum sie ausgerechnet beim Fußball geführt werden mussten.
Am Ende bleibt ein Bild mit viel Komik und noch mehr politischer Ironie: Viktor Orban steht vor der Presse, beklagt Machtmissbrauch, warnt vor Tyrannei und ruft den Widerstand aus – während hinter ihm der eigene politische Werkzeugkasten langsam von der neuen Regierung beschlagnahmt wird.
Ungarn erlebt also eine bemerkenswerte Wendung: Der Mann, der jahrelang die Spielregeln schrieb, beschwert sich nun, dass jemand anders mit dem Stift weitermacht. Und plötzlich klingt ausgerechnet Viktor Orban wie ein Demokrat auf Entzug.
Oder anders gesagt: Wenn Machtverlust weh tut, nennt man es offenbar „nationalen Widerstand“.


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