Wer derzeit in Vorarlberg ein gelbes Band an einem Obstbaum entdeckt, muss nicht die Polizei rufen. Im Gegenteil: Zugreifen ist ausdrücklich erwünscht.
Das Band bedeutet, dass Äpfel, Birnen, Zwetschgen oder anderes Obst kostenlos gepflückt werden dürfen. Ganz ohne Kaufvertrag, Kundenkonto oder versteckte Servicegebühr. Ein geradezu revolutionäres Konzept.
Hinter der Aktion steckt der einfache Gedanke, Lebensmittel nicht verfaulen zu lassen, während andere Menschen im Supermarkt für drei Äpfel den Gegenwert eines Kleinwagens bezahlen.
Obst sucht Abnehmer
Viele Gartenbesitzer stehen jedes Jahr vor demselben Problem: Der Baum produziert mehr Obst, als eine durchschnittliche Familie essen, einkochen, verschenken und heimlich bei den Nachbarn abladen kann.
Manche Menschen können die Ernte aus gesundheitlichen Gründen nicht selbst einbringen. Andere haben schlicht keine Lust, mehrere Wochen lang auf einer Leiter zu stehen und anschließend 140 Gläser Apfelmus zu beschriften.
Damit das Obst nicht ungenutzt auf dem Boden landet und dort Wespenkongresse finanziert, gibt es die Obstbörse des Vereins Obst- und Gartenkultur Vorarlberg.
Das Motto lautet „Vermitteln statt wegwerfen“. Menschen mit zu viel Obst werden mit Menschen zusammengebracht, die gerne welches hätten. Im Grunde eine Partnerbörse – nur mit Birnen und deutlich weniger enttäuschenden Profilbildern.
Eine Karte führt zur Ernte
Auf der Website des Vereins zeigt eine interaktive Karte, wo Obst angeboten wird und wer als Ansprechpartner zur Verfügung steht.
Wann gepflückt werden darf, wie viel Obst vorhanden ist und ob eine Gegenleistung erwartet wird, klären Besitzer und Interessenten selbst.
Denkbar sind Geld, ein Glas Marmelade, Hilfe beim Ernten oder die seltene gesellschaftliche Leistung, nach dem Pflücken nicht sämtliche Äste abzubrechen.
Das gelbe Band ersetzt die schriftliche Anfrage
Noch unkomplizierter funktioniert die Aktion „Gelbes Band“. Wer seinen Baum oder Strauch entsprechend markiert, signalisiert: Die Früchte dürfen ohne vorherige Rücksprache geerntet werden.
Natürlich gelten Regeln. Schließlich würde aus einer freundlichen Initiative sonst innerhalb weniger Stunden der Obst-Wilde-Westen.
Erlaubt sind nur haushaltsübliche Mengen für den Eigenbedarf. Ein Apfel für die Jause ist also in Ordnung. Mit einem Lastwagen vorzufahren und anschließend einen regionalen Fruchthandel zu eröffnen, eher nicht.
Auch Leitern und andere Aufstiegshilfen sind tabu. Gepflückt werden darf nur, was vom Boden aus erreichbar ist. Das soll verhindern, dass besonders ehrgeizige Erntehelfer mit Kletterausrüstung, Hebebühne und professionellem Logistikteam anrücken.
Bitte den Baum nicht zerlegen
Bäume und Sträucher müssen schonend behandelt werden. Äste dürfen nicht abgerissen und die Rinde nicht beschädigt werden.
Das klingt selbstverständlich, muss aber offenbar ausdrücklich erwähnt werden. Denn wo kostenloses Obst angeboten wird, ist der Weg von „Danke für die Äpfel“ zu „Leider steht jetzt nur noch der Stamm“ manchmal erstaunlich kurz.
An der Aktion beteiligen sich unter anderem die Gemeinden Weiler, Wolfurt und Bludesch.
Das gelbe Band zeigt damit, wie einfach Lebensmittelrettung sein kann: Obstbesitzer geben frei, was sie selbst nicht benötigen, andere Menschen ernten es und am Ende landet weniger im Müll.
Oder noch einfacher gesagt: Sehen Sie ein gelbes Band, dürfen Sie pflücken.
Aber bitte nur die Früchte – nicht gleich den ganzen Baum


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