Die Haltbarkeit britischer Regierungschefs
Es gibt Bananen, die halten länger.
Großbritannien steht offenbar vor dem nächsten Premierministerwechsel. Keir Starmer könnte nach Medienberichten bereits am Montag seinen Rückzug ankündigen. Offiziell kämpft er noch. Inoffiziell wirken inzwischen viele Labour-Abgeordnete wie Gäste einer Abschiedsfeier, die nur noch darauf warten, dass der Gastgeber endlich das Licht ausmacht.
Dabei war Starmer einst als Hoffnungsträger angetreten. Er sollte Stabilität bringen, die Partei einen und das Land nach Jahren politischer Turbulenzen beruhigen.
Heute diskutiert Westminster vor allem darüber, wie schnell sein Nachfolger einziehen könnte.
Der Mann, der schon vorher Bescheid wusste
Besonders unerquicklich verlief das Wochenende für Starmer wegen eines Mannes, der weder Labour-Mitglied noch britischer Staatsbürger ist.
Donald Trump erklärte auf seiner Plattform bereits, Starmer werde zurücktreten.
Noch bevor Starmer selbst eine Entscheidung verkündet hatte.
Man muss sich das vorstellen:
Der amerikanische Präsident informiert die Welt über den möglichen Rücktritt des britischen Premierministers, während dieser noch mit Beratern darüber nachdenkt.
Diplomatisch nennt man so etwas ungewöhnlich.
Politisch nennt man es eine öffentliche Ohrfeige.
Flucht nach Chequers
Starmer verbrachte das Wochenende auf seinem Landsitz Chequers.
Offiziell zum Nachdenken.
Inoffiziell vermutlich auch deshalb, weil es schwierig wird, in London einen ruhigen Raum zu finden, wenn die eigene Partei bereits über die Nachfolge diskutiert.
Währenddessen veröffentlichte der Premier einen harmlosen Vatertagsgruß.
Eine bemerkenswerte Szene:
Das politische Establishment diskutiert über sein mögliches Ende, und Starmer schreibt über Familienglück.
Vielleicht war es Gelassenheit.
Vielleicht Zweckoptimismus.
Vielleicht beides.
Die Partei hat sich bereits verabschiedet
Das eigentliche Problem sitzt allerdings nicht im Weißen Haus, sondern in den eigenen Reihen.
Mehr als hundert Labour-Abgeordnete sollen inzwischen seinen Rücktritt fordern.
Minister wenden sich ab.
Verbündete verschwinden.
Rivalen positionieren sich.
Kurz gesagt: Die klassische Vorstufe einer politischen Beerdigung.
In Westminster gilt seit Jahrzehnten eine einfache Regel:
Nicht die Opposition stürzt einen Premierminister.
Die eigene Partei tut es.
Burnham wartet schon im Vorzimmer
Der Mann der Stunde heißt Andy Burnham.
Der ehemalige Bürgermeister von Manchester gewann die Nachwahl in Makerfield und wird inzwischen von vielen Labour-Abgeordneten als Retter der Partei gehandelt.
Burnham macht dabei alles richtig.
Er wirkt geduldig.
Er wirkt staatsmännisch.
Und vor allem wirkt er wie jemand, der die Umzugskartons bereits bestellt hat, aber höflicherweise noch wartet, bis der aktuelle Bewohner ausgezogen ist.
Das eigentliche Problem heißt Großbritannien
So verführerisch es ist, die Krise allein Starmer anzulasten – die Wahrheit reicht tiefer.
Seit dem Brexit verschleißt Großbritannien Premierminister in einem Tempo, das selbst italienische Regierungen beeindruckt.
David Cameron.
Theresa May.
Boris Johnson.
Liz Truss.
Rishi Sunak.
Keir Starmer.
Sechs Regierungschefs in zehn Jahren.
Manche Fußballvereine arbeiten mit mehr Kontinuität.
Die Krise bleibt
Jeder neue Premier versprach Stabilität.
Jeder neue Premier versprach einen Neustart.
Jeder neue Premier versprach, die Spaltung des Landes zu überwinden.
Und jeder scheiterte letztlich an denselben Problemen:
Migration.
Wirtschaft.
Inflation.
Wachstum.
Wohnungsnot.
Vertrauensverlust.
Die Namen wechseln.
Die Krisen bleiben.
Das britische Erfolgsmodell
Sollte Starmer tatsächlich zurücktreten, wäre das nicht das Ende der Krise.
Es wäre lediglich das nächste Kapitel.
Großbritannien hat in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte politische Spezialität entwickelt:
Das Land tauscht regelmäßig den Premierminister aus und wundert sich anschließend, warum die Probleme immer noch da sind.
Vielleicht liegt die Antwort nicht im Bewohner der Downing Street.
Vielleicht liegt sie längst vor der Haustür.


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