Millionen Menschen glaubten jahrelang, sie würden gemütlich auf der Jagd nach Pikachu durch Parks und Innenstädte spazieren. Tatsächlich könnte sich nun herausstellen: Pikachu war nur der Köder – und die Spieler selbst waren das eigentliche Sammelobjekt.
Während Trainer begeistert „Schnapp sie dir alle!“ riefen, dachte sich irgendwo ein Datenanalyst offenbar: „Gute Idee. Machen wir.“
Zehn Jahre lang liefen Menschen freiwillig mit gezücktem Smartphone durch die Gegend, fotografierten Straßen, Plätze, Gebäude und Hinterhöfe. Für seltene Pokémon wurde sogar durch Regen, Schnee und beinahe über Autobahnen marschiert. Was für die Spieler ein Abenteuer war, entwickelte sich für Unternehmen zu einer der größten kostenlosen Vermessungsaktionen der Weltgeschichte.
Jetzt wird bekannt: Die dabei gesammelten Daten könnten künftig sogar beim Training künstlicher Intelligenz und der Navigation von Drohnen helfen.
Mit anderen Worten: Kevin aus Castrop-Rauxel wollte 2018 eigentlich nur ein Shiny Glurak fangen. Stattdessen hat er möglicherweise dazu beigetragen, dass künftig autonome Systeme selbst dann den Weg finden, wenn GPS ausfällt.
Respekt.
Besonders beeindruckend ist die Dimension. Rund 30 Milliarden Umgebungsscans sollen entstanden sein. Kolumbus entdeckte Amerika. Magellan umrundete die Erde. Pokémon-Go-Spieler kartierten freiwillig jede Bushaltestelle zwischen Flensburg und Feuerland.
Natürlich heißt es von Unternehmensseite, alles sei datenschutzkonform gewesen. Die Nutzer hätten zugestimmt. Das stimmt vermutlich sogar.
Denn wer liest schon 387 Seiten Nutzungsbedingungen?
Irgendwo zwischen „Wir dürfen Ihre Daten speichern“ und „Wir verkaufen Ihre Seele nicht an Außerirdische“ stand wahrscheinlich auch der Satz: „Nebenbei könnten Ihre Spaziergänge irgendwann militärisch interessante Anwendungen ermöglichen.“
Man klickte auf „Akzeptieren“ und weiter ging die Jagd nach Bisasam.
Am Ende bleibt eine historische Erkenntnis: Die Menschheit hat es geschafft, Millionen Menschen dazu zu bringen, freiwillig die Welt zu kartieren, ohne ihnen einen Cent zu zahlen.
Man musste ihnen lediglich versprechen, dass hinter der nächsten Straßenecke vielleicht ein Relaxo wartet.
Das wahre legendäre Pokémon war offenbar nie Mewtu.
Es war die perfekte Datensammlung.


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