Es ist eine bemerkenswerte politische und gesellschaftliche Leistung: Ein Messerangriff eines einzelnen Mannes endet in Belfast damit, dass ganze Straßenzüge brennen, Familien aus ihren Häusern fliehen und die halbe Stadt im Ausnahmezustand versetzt wird.
Auslöser war der brutale Angriff auf Stephen Ogilvy, der dabei ein Auge verlor und schwere Verletzungen erlitt. Der mutmaßliche Täter, ein 30-jähriger Sudanese mit Flüchtlingsstatus, sitzt inzwischen wegen versuchten Mordes in Untersuchungshaft.
Doch während Polizei und Justiz eigentlich genau für solche Fälle existieren, beschlossen einige Bürger offenbar, den Rechtsstaat vorsorglich durch eine spontane Mischung aus Brandstiftung, Straßenschlachten und kollektiver Schuldzuweisung zu ersetzen.
Das Ergebnis: ausgebrannte Häuser, zerstörte Geschäfte und Menschen mit Migrationshintergrund, die plötzlich feststellen mussten, dass sie für die Taten eines Mannes persönlich haften sollen. Eine bemerkenswerte Innovation des Strafrechts.
Selbst die Familie des Opfers zeigte mehr Vernunft als viele selbsternannte Verteidiger der Gemeinschaft. Sie erklärte ausdrücklich, dass Gewalt und Unruhen nicht willkommen seien und friedlicher Protest der einzige Weg nach vorne sei.
Doch Vernunft hat in aufgeheizten Debatten bekanntlich einen schweren Stand.
Während Politiker zur Besonnenheit aufriefen, Bus- und Bahnverkehr eingestellt wurden und zusätzliche Polizeikräfte aufmarschierten, begann die übliche Diskussion über Migration, Integration und gesellschaftliche Spannungen. Themen, über die man selbstverständlich reden kann und reden muss.
Nur fällt auf, dass viele offenbar nicht zwischen einer politischen Debatte und dem Anzünden fremder Häuser unterscheiden können.
Besonders bizarr wirkt die Logik, nach der man gegen Kriminalität protestiert, indem man neue Straftaten begeht. Frei nach dem Motto: „Wir wollen mehr Sicherheit – deshalb werfen wir jetzt Steine.“
Die Zahlen zeigen tatsächlich einen deutlichen Anstieg rassistisch motivierter Vorfälle in Nordirland. Genau deshalb dürfte es wenig hilfreich sein, wenn Menschen nun Listen mit Wohnadressen von Minderheiten verbreiten oder Familien einschüchtern.
Am Ende bleibt ein trauriges Bild: Ein schwer verletztes Opfer im Krankenhaus, eine Stadt unter Polizeischutz, abgesagte Veranstaltungen, geschlossene Verkehrsverbindungen und eine Debatte, die immer weiter von der eigentlichen Tat abrückt.
Der Täter muss vor Gericht verantwortet werden. Nicht seine Nachbarn. Nicht die sudanesische Gemeinschaft. Nicht der türkische Friseur an der Ecke.
Eigentlich keine komplizierte Erkenntnis.
Offenbar aber kompliziert genug, um eine ganze Stadt daran erinnern zu müssen


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