Fall Wienwert: Freispruch für Nevrivy – Fußballtickets offenbar neue Währung der Freundschaftspflege

Fall Wienwert: Freispruch für Nevrivy – Fußballtickets offenbar neue Währung der Freundschaftspflege

Veröffentlicht

Freitag, 08.05.2026
von Red. TB

Es war wieder einmal ein großer Tag für die österreichische Justiz und die gepflegte Wiener Freunderlwirtschaft. Der Donaustädter SPÖ-Bezirksvorsteher Ernst Nevrivy wurde im Wienwert-Prozess freigesprochen. Die Vorwürfe: Verletzung des Amtsgeheimnisses und Bestechlichkeit. Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig – man will die Spannung ja hochhalten.

Im Zentrum stand die durchaus kreative Frage, ob ein interner Aktenvermerk über eine geplante Remisenerweiterung der Wiener Linien tatsächlich geheim war oder eher schon als gemütlicher Gesprächsstoff unter Immobilienfreunden galt.

Grundstücksspekulation mit freundlicher Unterstützung

Laut WKStA soll Nevrivy dem damaligen Wienwert-Chef Stefan Gruze Informationen über einen geplanten Standort zugespielt haben. Gruze kaufte daraufhin das Grundstück und verkaufte es wenig später mit sattem Gewinn an die Wiener Linien weiter. Schaden für die Stadt Wien laut Anklage: rund 850.000 Euro.

Aber offenbar war das alles weniger Korruption als vielmehr gelebte Freundschaft.

Denn laut Gericht war entscheidend, dass die Wiener Linien ohnehin schon Interesse am Grundstück signalisiert hatten. Damit sei das Ganze praktisch fast schon Smalltalk gewesen und kein Amtsgeheimnis mehr.

Oder wie man in Wien vermutlich sagen würde: „Des woa eh scho ka Geheimnis mehr.“

VIP-Tickets als Ausdruck tiefer Verbundenheit

Im Gegenzug soll Nevrivy mehrere VIP-Tickets für Fußballspiele erhalten haben – darunter Wiener Derby und Nationalteam-Spiele. Zusätzlich soll Wienwert auch noch die Band „Wiener Wahnsinn“ gesponsert haben, die beim Bezirksvorsteher offenbar besonders beliebt ist.

Der Richter erkannte darin jedoch nichts Strafbares. Unter Freunden seien Einladungen eben üblich.

Das dürfte künftig viele Compliance-Abteilungen interessieren: Fußballtickets als Zeichen ehrlicher Zuneigung und keinesfalls als Vorteilnahme.

Immerhin gab es noch einen pädagogischen Hinweis vom Richter: „Gscheit war’s ned.“

Ein Satz, der vermutlich irgendwann über dem Eingang zahlreicher österreichischer Untersuchungsausschüsse hängen könnte.

Erinnerungslücken inklusive

Besonders charmant verlief auch die Zeugenaussage eines Mitglieds der Band Wiener Wahnsinn. An Details des Sponsorings konnte man sich naturgemäß kaum erinnern. Offenbar eine ansteckende Krankheit im Umfeld größerer Wirtschafts- und Politcausen.

Auch der ehemalige Wienwert-Chef Gruze durfte sich über einen Freispruch in diesem Teilaspekt freuen – wobei gegen ihn im großen Wienwert-Komplex noch weitere Verfahren laufen.

Geheime Informationen, die offenbar jeder kannte

Die Verteidigung argumentierte erfolgreich, dass ohnehin viele Personen von den Ausbauplänen wussten. Immobilienunternehmen seien bei Sitzungen dabei gewesen, und überhaupt sei es „illusorisch“, ein solches Projekt geheim halten zu wollen.

Eine Mitarbeiterin der Wiener Linien sah das zwar etwas anders und erklärte vor Gericht, man habe intern ständig betont, die Informationen vertraulich zu behandeln. Wirklich geholfen hat das am Ende aber offenbar nicht.

Denn zwischen „streng geheim“ und „eh schon jeder gewusst“ liegen in Österreich manchmal nur ein paar VIP-Tickets und ein Fußballabend.

Freunderlwirtschaft bleibt kulturelles Erbe

Der Fall zeigt einmal mehr die faszinierende österreichische Grauzone zwischen Korruption, Netzwerkpflege und gesellschaftlicher Gemütlichkeit.

Solange man befreundet ist, gemeinsam Fußball schaut und vielleicht noch eine Band sponsert, scheint vieles weniger problematisch zu wirken.

Oder anders formuliert: In Wien nennt man manches eben nicht Bestechung, sondern Beziehungspflege mit Catering.

Bildnachweis:

Daniel_B_photos (CC0), Pixabay

von Autor: Red. TB
am: Freitag, 08.05.2026

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