Carney regiert jetzt durch – aber der Weg zur Mehrheit bleibt umstritten

Carney regiert jetzt durch – aber der Weg zur Mehrheit bleibt umstritten

Veröffentlicht

Mittwoch, 15.04.2026
von Red. TB

Mark Carney hat es geschafft: Aus einer liberalen Minderheitsregierung ist in Kanada nun eine knappe Parlamentsmehrheit geworden. Der Premier spricht von einem Vertrauensbeweis der Wählerinnen und Wähler, die Opposition von politischem Opportunismus und Hinterzimmerdeals. Beides ist nicht völlig falsch. Fest steht: Carney kann nun deutlich freier regieren – und wird sich künftig noch direkter an seinen Ergebnissen messen lassen müssen.

Nach drei erfolgreichen Nachwahlen und mehreren Übertritten aus den Reihen der Opposition verfügen die Liberalen jetzt über 174 der 343 Sitze im Unterhaus – gerade genug für eine absolute Mehrheit. Für Carney ist das ein strategischer Durchbruch. Seine Regierung braucht vorerst keine Stimmen aus der Opposition mehr, um Gesetze zu verabschieden. Eine vorgezogene Neuwahl dürfte damit bis 2029 vom Tisch sein.

Der Premier wertete das Ergebnis erwartungsgemäß als Bestätigung seines Kurses. Die Kanadier hätten seiner neuen Regierung Vertrauen geschenkt, erklärte Carney. Man nehme diese Unterstützung mit Demut, Entschlossenheit und einem klaren Bewusstsein für die Verantwortung an. Das klingt staatsmännisch – und ist politisch klug formuliert. Denn Carney weiß: Mit einer Mehrheit steigen nicht nur die Möglichkeiten, sondern auch die Erwartungen.

Die drei Nachwahlen fanden in zwei Wahlkreisen im Großraum Toronto sowie im Québec-Wahlkreis Terrebonne statt. In allen drei Fällen setzten sich liberale Kandidatinnen durch. Besonders bemerkenswert war das Ergebnis in Terrebonne: Dort gewann Tatiana Auguste diesmal deutlich mit mehr als 700 Stimmen Vorsprung – nachdem sie den Wahlkreis bei der Wahl 2025 zunächst mit nur einer einzigen Stimme gewonnen hatte. Dieses damalige Ergebnis war später vom Obersten Gericht wegen eines Fehlers bei einer Briefwahlstimme aufgehoben worden. Aus einem juristischen Kuriosum wurde nun ein klarer Sieg.

Ganz ohne Beigeschmack ist die neue Mehrheit allerdings nicht zustande gekommen. Schon in den vergangenen Monaten hatten sich fünf Abgeordnete aus Oppositionsparteien den Liberalen angeschlossen – vier aus dem konservativen Lager, einer aus der NDP. Genau diese Überläufer machten aus einer stabilisierten Minderheit nun eine regierungsfähige Mehrheit. Historisch ist das durchaus bemerkenswert: Noch nie in Kanada wurde eine Mehrheitsregierung auf Bundesebene in dieser Form durch eine Kombination aus Nachwahlen und Fraktionswechseln geschaffen.

Carney verteidigt dieses Vorgehen naturgemäß. Man sei froh über die Unterstützung und arbeite nun gemeinsam am Regierungsprogramm, sagte er. Politisch ist das legitim. Moralisch ist es komplizierter. Denn jeder Seitenwechsel wirft automatisch die Frage auf, ob hier Überzeugung oder Karriereplanung am Werk war. Der Premier kann sich auf parlamentarische Mathematik berufen – die Opposition dagegen auf das Unbehagen vieler Wähler, wenn Mandate plötzlich politisch neu sortiert werden.

Genau dort setzt Oppositionsführer Pierre Poilievre an. Der konservative Parteichef wirft Carney vor, sich seine Mehrheit nicht durch einen klaren Wahlsieg im ganzen Land erarbeitet zu haben, sondern durch „Hinterzimmerdeals“ mit Abgeordneten, die ihre Wähler verraten hätten. Carney wolle Macht ohne echte Rechenschaftspflicht, lautet sein Vorwurf. Das ist erwartbar scharf, aber nicht völlig wirkungslos. Denn der Premier hat nun zwar eine Mehrheit – doch sie trägt nicht den klassischen Glanz eines triumphalen Wahlsiegs, sondern eher den Charakter eines sauber kalkulierten Machtgewinns.

Für Carney selbst dürfte das letztlich zweitrangig sein. Er hat, was jeder Regierungschef will: parlamentarische Kontrolle. Und damit beginnt die eigentliche Arbeit. Seine Agenda ist ambitioniert. Er will die Wirtschaft stärken, Kanada in einem zunehmend schwierigen Verhältnis zu den USA strategisch neu aufstellen, mehr Wohnraum schaffen, die Verteidigung ausbauen und das Land zur „Energie-Supermacht“ entwickeln. Das klingt groß, teuer und konfliktträchtig.

Passend dazu kündigte Carney bereits als erstes Signal eine vorübergehende Aussetzung der Bundessteuer auf Diesel und Benzin an – ein Schritt, der angesichts steigender Energiepreise infolge des Iran-Krieges innenpolitisch nachvollziehbar ist. Pikant ist nur: Genau eine solche Maßnahme hatten zuvor auch die Konservativen gefordert. Wenn Regierungen Vorschläge der Opposition übernehmen, nennen sie das selten Kopie – meist heißt es dann pragmatische Führung.

Der größere Kontext macht Carneys Erfolg noch interessanter. Noch vor dem Rückzug Justin Trudeaus Anfang 2025 sah es für die Liberalen düster aus. Die Partei wirkte erschöpft, ausgelaugt und politisch überdehnt. Erst Trudeaus Abgang öffnete Carney den Weg an die Parteispitze – und erst unter ihm begann sich das Blatt zu wenden. Die zunächst erreichte Minderheitsregierung im Frühjahr 2025 war bereits ein Achtungserfolg. Dass daraus nun eine Mehrheit wurde, ist zweifellos ein beachtliches Comeback.

Trotzdem bleibt ein entscheidender Punkt: Jetzt gibt es keine Ausreden mehr. Wer mit einer Minderheit regiert, kann auf Blockaden verweisen. Wer mit Mehrheit regiert, nur noch auf sich selbst. Carney hat sich den politischen Spielraum verschafft, den er wollte. Nun muss er liefern – bei Wirtschaft, Wohnraum, Verteidigung, Energie und beim Umgang mit einem nervösen Nachbarn im Weißen Haus.

Die Liberalen feiern Stabilität. Die Konservativen sprechen von taktischer Machtsicherung. Die Wahrheit liegt vermutlich dazwischen. Mark Carney hat das System nicht gebrochen, aber sehr geschickt genutzt. Das ist politisch professionell – und demokratisch nur so lange überzeugend, wie daraus am Ende auch tatsächlich bessere Politik wird.

Kurz gesagt:
Carney hat jetzt die Mehrheit.
Ab sofort zählt nicht mehr, wie er sie bekommen hat – sondern was er daraus macht.

Bildnachweis:

jorono (CC0), Pixabay

von Autor: Red. TB
am: Mittwoch, 15.04.2026

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