23. Oktober 2026 – Redaktion diebewertung.at
Es sind Berichte, die einem den Atem stocken lassen. Ärzte, die unter Bombenbeschuss operieren. Schwerverletzte, die auf dem Weg ins Krankenhaus durch Drohnenangriffe getötet werden. Medizinisches Personal, das verschleppt, bedroht oder ermordet wird. Und Krankenhäuser, die ausgerechnet dort zerstört werden, wo Menschen eigentlich Schutz und Hilfe finden sollten.
Eine umfangreiche Recherche der britischen BBC zeichnet ein erschütterndes Bild der Ereignisse in der sudanesischen Stadt El Fasher in der Region Darfur. Demnach gibt es zahlreiche Hinweise darauf, dass Kämpfer der paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) während der monatelangen Belagerung und nach der Einnahme der Stadt gezielt medizinische Einrichtungen angegriffen haben.
Die Vorwürfe wiegen schwer. Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, bezeichnete die Erkenntnisse als zutiefst beunruhigend. Wiederholte Angriffe auf zivile Einrichtungen und Krankenhäuser könnten schwere Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht und möglicherweise Kriegsverbrechen darstellen.
Die RSF weist die Anschuldigungen zurück.
Mindestens 43 Angriffe auf Krankenhäuser und medizinische Einrichtungen
Die Untersuchung dokumentiert mindestens 43 einzelne Angriffe auf Krankenhäuser und andere medizinische Einrichtungen zwischen Mai 2024 und Oktober 2025. Einige Gebäude wurden mehrfach getroffen.
Noch erschütternder ist die Bilanz beim medizinischen Personal. Nach den zusammengetragenen Daten wurden zwischen April 2023 und Oktober 2025 mindestens 55 Beschäftigte des Gesundheitswesens getötet, 120 verletzt und zehn weitere verschleppt oder gelten als gewaltsam verschwunden.
Hinter diesen Zahlen stehen Menschen, die unter lebensgefährlichen Bedingungen versucht haben, anderen das Leben zu retten.
Ärzte und Pflegekräfte, die trotz fehlender Medikamente, zerstörter Operationssäle und ständiger Angriffe weiterarbeiteten. Menschen, die wussten, dass sie bei jedem Einsatz selbst sterben könnten.
Der Chirurg Muhamed Suliman, der während der Belagerung in El Fasher tätig war, schilderte gegenüber der BBC, dass die Angriffe seiner Einschätzung nach darauf abzielten, Krankenhäuser funktionsunfähig zu machen.
Seine Erklärung ist erschreckend: Wenn eine Stadt keine medizinische Versorgung mehr hat, wird das Überleben für die Bevölkerung zunehmend unmöglich.
Ein Krankenhaus nach dem anderen wurde zerstört
Bereits kurz nach Beginn des sudanesischen Bürgerkriegs im April 2023 mussten mehrere medizinische Einrichtungen ihren Betrieb einstellen.
Die Versorgung konzentrierte sich zunehmend auf das South Hospital, das zeitweise zu den letzten Einrichtungen gehörte, in denen noch chirurgische Eingriffe möglich waren.
Im Mai und Juni 2024 wurde auch dieses Krankenhaus wiederholt beschossen.
Am 8. Juni drangen RSF-Kämpfer nach Aussagen von Augenzeugen in das Gebäude ein. Viele Beschäftigte flohen. Der damalige Krankenhausdirektor, Chirurg Izzeldin Ahmed Dawaud Asow, berichtete, er sei von bewaffneten Männern mit Gewehrkolben geschlagen und rassistisch beleidigt worden.
Er überlebte nach eigenen Angaben nur, weil er sich tot stellte.
Als er später zurückkehrte, fand er nach seiner Schilderung tote Patienten und zerstörte medizinische Geräte vor.
Das Krankenhaus musste schließen.
Die RSF bestreitet, medizinische Einrichtungen gezielt angegriffen zu haben. Ein Vertreter der von ihr unterstützten Verwaltung behauptete, das South Hospital sei militärisch genutzt worden. Unabhängige Belege für diese konkrete Behauptung konnte die BBC nicht finden.
Operationen im Dunkeln, Schutzräume aus Stahlcontainern
Nach der Schließung des South Hospital verlagerte sich die medizinische Versorgung zunehmend in das Saudi Maternity Hospital.
Doch auch dieses Krankenhaus geriet immer wieder unter Beschuss.
Ärzte berichteten von Tagen, an denen das Gebäude bis zu 25-mal getroffen worden sei. Neben Artillerie seien auch Drohnen eingesetzt worden.
Das medizinische Personal versuchte, sich mit Sandsäcken zu schützen. Aus Stahlcontainern wurden unterirdische Behandlungsräume geschaffen. Notoperationen fanden teilweise in provisorischen Einrichtungen statt.
Die Bedingungen waren kaum vorstellbar.
Trotzdem arbeiteten die Ärzte weiter.
Ein besonders bewegendes Beispiel zeigt, unter welchem Druck sie standen: Bei einem Eingriff wurde das Gebäude durch eine Explosion erschüttert. Mitarbeiter flohen in Panik, während der behandelnde Chirurg nach eigener Aussage bei seinem Patienten blieb.
In einem anderen Fall rettete offenbar eine zufällige Entscheidung einem Patienten das Leben. Ein Operationsraum wurde kurz vor einem geplanten Eingriff geräumt, weil er zunächst gereinigt werden sollte. Wenig später wurde der Raum durch Beschuss zerstört.
Selbst der Transport von Verletzten wurde zur tödlichen Gefahr
Besonders schwer zu ertragen sind die Schilderungen über Angriffe auf Menschen, die bereits verletzt waren und dringend medizinische Hilfe benötigten.
Am 15. März 2025 sollen Menschen, die Verwundete zu einer provisorischen Krankenstation transportierten, von einer Drohne verfolgt worden sein.
Als sie das Gebäude erreichten, schlug die Drohne nach Angaben eines Arztes zu. Neun Menschen kamen ums Leben.
Am 17. August 2025 soll ein weiterer Drohnenangriff einen Eselskarren getroffen haben, mit dem Patienten transportiert wurden, weil keine funktionierenden Krankenwagen mehr zur Verfügung standen.
Dabei starben nach der Zeugenaussage zwei Patienten und der Fahrer.
Diese Schilderungen sind Bestandteil der journalistischen Untersuchung. Eine abschließende unabhängige gerichtliche Feststellung zu den einzelnen Vorfällen liegt nicht vor.
Dennoch vermitteln die Berichte ein erschütterndes Bild davon, wie selbst die Suche nach medizinischer Hilfe zur Lebensgefahr werden konnte.
Mehr als 460 mutmaßliche Opfer bei Angriff auf Krankenhaus
Einen besonders tragischen Höhepunkt erreichte die Gewalt im Oktober 2025.
Am 25. Oktober sollen RSF-Kämpfer das Saudi Hospital gestürmt haben. Im Zusammenhang mit dem Angriff gibt es Berichte über ein Massaker, bei dem mehr als 460 Patienten und Begleitpersonen getötet worden sein sollen.
Die Weltgesundheitsorganisation verurteilte die gemeldeten Tötungen. Satellitenaufnahmen lieferten Hinweise auf zahlreiche Leichen im Krankenhausbereich.
Die RSF bestreitet, dass ein solches Massaker stattgefunden habe.
Die genaue Zahl der Opfer und sämtliche Umstände müssen weiterhin unabhängig aufgeklärt werden.
Unabhängig davon verdeutlichen die Berichte das Ausmaß der humanitären Katastrophe, die sich während der Kämpfe in El Fasher abgespielt hat.
Ärzte berichten von Gefangenschaft und Todesdrohungen
Die Recherchen werfen außerdem Fragen nach dem Schicksal medizinischer Beschäftigter auf, die während der Kämpfe festgenommen wurden.
Vertreter der RSF-nahen Verwaltung behaupten, medizinisches Personal sei befreit worden und habe sich anschließend freiwillig an der Versorgung beteiligt.
Ein betroffener Arzt schilderte jedoch eine völlig andere Situation.
Nach seiner Aussage wurde er gezwungen, in einem von der RSF veröffentlichten Video aufzutreten. Er habe befürchten müssen, bei abweichenden Aussagen erschossen zu werden.
Andere medizinische Beschäftigte berichteten von Gefangenschaft und katastrophalen hygienischen Zuständen.
In einem provisorischen Gefängnis soll eine Cholera-Epidemie ausgebrochen sein. Ein Arzt berichtete, an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen jeweils etwa 50 tote Gefangene vorgefunden zu haben.
Auch diese Aussagen bedürfen weiterer unabhängiger Aufklärung.
Nicht nur die RSF steht in der Kritik
Der sudanesische Bürgerkrieg begann im April 2023 und wird zwischen den regulären Streitkräften des Landes und der paramilitärischen RSF ausgetragen.
Beide Konfliktparteien werden für Angriffe auf medizinische Einrichtungen verantwortlich gemacht.
Im März 2026 verurteilte die Weltgesundheitsorganisation beispielsweise einen Angriff auf ein Krankenhaus in Al-Daein im Osten Darfurs, bei dem zahlreiche Menschen starben.
Für diesen Angriff wurden die sudanesischen Streitkräfte verantwortlich gemacht. Diese bestreiten eine Beteiligung.
Die Verantwortung für mögliche Kriegsverbrechen muss daher für sämtliche Konfliktparteien untersucht werden.
Das humanitäre Völkerrecht schützt Krankenhäuser, Patienten und medizinisches Personal grundsätzlich unabhängig davon, auf welcher Seite eines Konflikts sie sich befinden.
Wenn Krankenhäuser zu Schlachtfeldern werden, verliert die Menschlichkeit
Was in El Fasher geschehen sein soll, geht weit über die Zerstörung einzelner Gebäude hinaus.
Ein Krankenhaus ist nicht einfach eine Immobilie. Es ist ein Ort der Hoffnung.
Dort werden Kinder geboren. Dort kämpfen Ärzte um das Leben schwerverletzter Menschen. Dort suchen Eltern Hilfe für ihre kranken Kinder. Dort sollten Menschen zumindest für einen Augenblick vor der Gewalt des Krieges geschützt sein.
Wenn Krankenhäuser wiederholt angegriffen werden, trifft das deshalb nicht nur die unmittelbar betroffenen Patienten und Beschäftigten.
Es zerstört die medizinische Versorgung einer ganzen Bevölkerung.
Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte sieht die neuen Rechercheergebnisse im Einklang mit Erkenntnissen seines Büros. Auch die Weltgesundheitsorganisation beschreibt die Ereignisse in El Fasher als eines der schwerwiegendsten Beispiele für die Folgen des sudanesischen Konflikts für das Gesundheitswesen.
Unser Kommentar: Die Welt darf dieses Leid nicht vergessen
Während internationale Schlagzeilen häufig von anderen Kriegen und politischen Krisen bestimmt werden, spielt sich im Sudan seit Jahren eine humanitäre Katastrophe ab.
Menschen sterben durch Bomben, Hunger, Krankheiten und fehlende medizinische Versorgung.
Besonders bedrückend ist die Vorstellung, dass Ärzte, die unter Lebensgefahr versuchen, Menschen zu retten, selbst zum Ziel von Angriffen werden könnten.
Die Vorwürfe müssen unabhängig untersucht werden. Verantwortliche für nachgewiesene Kriegsverbrechen müssen zur Rechenschaft gezogen werden, unabhängig davon, welcher Konfliktpartei sie angehören.
Vor allem aber braucht die sudanesische Zivilbevölkerung dringend Schutz, medizinische Hilfe und eine Perspektive auf Frieden.
Denn hinter jeder Opferzahl steht ein Mensch. Eine Familie. Ein Leben, das nicht einfach vergessen werden darf.
Ein Krieg ist schon grausam genug. Wenn aber selbst Krankenhäuser keinen Schutz mehr bieten, ist eine Grenze erreicht, die die internationale Gemeinschaft niemals als Normalität hinnehmen darf.
Redaktion diebewertung. at 23. Oktober 2026


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