Kopfschütteln im Marchfeld: Ardo macht das Werk dicht – und die Politik darf mit ihrem Hilfspaket wieder nach Hause gehen
Da bemühen sich Bund und Land um den Erhalt eines wichtigen Lebensmittelstandorts, da wird über öffentliche Unterstützung und Rettungsmöglichkeiten gesprochen – und am Ende kommt aus Belgien ein freundliches, aber unmissverständliches Nein. Der Tiefkühlgemüsehersteller Ardo will sein Werk im niederösterreichischen Groß-Enzersdorf schließen. Ein angebotenes Hilfspaket der österreichischen Politik lehnt der Konzern offiziell ab. Für Beschäftigte und Gemüsebauern im Marchfeld ist das eine bittere Nachricht. Und man darf sich durchaus fragen, wie es so weit kommen konnte.
Ein Brief aus Belgien – und die Hoffnung ist dahin
Man stelle sich das einmal vor: Die österreichische Bundesregierung und das Land Niederösterreich versuchen, einen Produktionsstandort zu erhalten. Schließlich geht es nicht um irgendeine Fabrik, sondern um einen Betrieb, der heimisches Gemüse verarbeitet und damit Teil einer regionalen Wertschöpfungskette ist.
Es wird gesprochen, gerechnet und nach Lösungen gesucht.
Und dann erklärt die belgische Ardo-Gruppe, dass auch öffentliche Unterstützung an der wirtschaftlichen Situation des Standorts nichts Grundlegendes ändern würde.
Nach einem der österreichischen Nachrichtenagentur APA vorliegenden Schreiben hält das Unternehmen es nicht für sinnvoll, einen strukturell unrentablen Betrieb durch staatliche Hilfen künstlich am Leben zu erhalten.
Ardo verweist zudem auf mögliche rechtliche und finanzielle Risiken.
Auch einen Verkauf des Werks bewertet der Konzern nicht als realistische Alternative.
Stattdessen soll die Schließung vorangetrieben werden.
Immerhin verspricht Ardo, einem fairen Sozialplan höchste Priorität einzuräumen.
Das ist wichtig für die Betroffenen. Es ist aber kein Ersatz für dauerhaft sichere Arbeitsplätze.
Fünf Millionen Euro Verlust pro Jahr – seit 2023
Ganz so einfach darf man es sich mit der Empörung allerdings nicht machen.
Denn die wirtschaftlichen Zahlen, die Ardo vorlegt, sind erheblich.
Seit 2023 soll das Werk in Groß-Enzersdorf im Durchschnitt jährlich rund fünf Millionen Euro Verlust verursacht haben.
Nach Angaben des Konzerns wurden seit der Übernahme des Standorts im Jahr 2008 bereits etwa 50 Millionen Euro investiert.
Damit lässt sich zumindest nachvollziehen, warum die Unternehmensführung keine Bereitschaft zeigt, weiteres Geld ohne überzeugende wirtschaftliche Perspektive bereitzustellen.
Doch genau hier beginnt das eigentliche Problem.
Wie kann ein Standort über Jahre hinweg derart an Wettbewerbsfähigkeit verlieren, ohne dass rechtzeitig eine tragfähige Zukunftslösung gefunden wird?
Warum wird erst dann hektisch über Rettungspakete gesprochen, wenn die Schließungsentscheidung praktisch schon auf dem Tisch liegt?
Und welche Möglichkeiten wurden in den vergangenen Jahren geprüft, um die Produktionskosten zu senken oder das Geschäftsmodell anzupassen?
Diese Fragen verdienen Antworten.
112 Millionen Euro für die Zukunft – oder 66 Millionen für Spinat
Besonders ernüchternd sind die Investitionssummen, die Ardo nennt.
Für eine Fortführung des bisherigen Betriebs wären demnach rund 112 Millionen Euro notwendig.
Selbst eine auf Spinat spezialisierte Produktion würde nach Unternehmensangaben Investitionen von etwa 66 Millionen Euro erfordern.
Das sind keine Beträge, die sich mit einer kurzfristigen Finanzspritze und ein paar freundlichen Pressekonferenzen erledigen lassen.
Es handelt sich um grundlegende Investitionsentscheidungen.
Ardo hält beide Varianten für wirtschaftlich nicht darstellbar.
Natürlich kann ein privates Unternehmen nicht dazu verpflichtet werden, dauerhaft Verluste zu tragen.
Aber ebenso wenig darf die Politik einfach zur Tagesordnung übergehen, wenn ein regional bedeutender Produktionsstandort verschwindet.
Denn mit einer Werksschließung geht es nicht nur um die Bilanz eines Konzerns.
Es geht auch um die Menschen, die dort arbeiten, um landwirtschaftliche Betriebe und um die Zukunft der heimischen Lebensmittelverarbeitung.
Österreich zu teuer? Dann haben wir ein grundsätzliches Problem
Ardo führt als wesentliche Gründe für die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit die Kosten am Standort Österreich an.
Energie, Arbeitskräfte und Rohstoffe seien hier deutlich teurer als in zahlreichen anderen europäischen Regionen.
Das ist eine bemerkenswerte Aussage.
Denn sie betrifft nicht nur dieses eine Werk.
Wenn selbst die industrielle Verarbeitung regional angebauten Gemüses im eigenen Land wirtschaftlich kaum noch tragfähig erscheint, sollte das die Verantwortlichen in der Wirtschaftspolitik aufhorchen lassen.
Ein Land kann auf Dauer nicht ausschließlich davon leben, hochwertige Lebensmittel zu erzeugen, wenn die anschließende Verarbeitung andernorts günstiger ist.
Schließlich entsteht ein wesentlicher Teil der Wertschöpfung erst durch Verarbeitung, Verpackung und Vermarktung.
Verschwindet dieser Teil aus einer Region, verliert sie wirtschaftliche Substanz.
Dazu kommt eine Frage, die angesichts internationaler Lieferketten zunehmend wichtiger wird: Wie viel eigene Lebensmittelproduktion und -verarbeitung möchte Österreich langfristig überhaupt erhalten?
Wer regionale Lebensmittel fordert, muss auch die Bedingungen schaffen, unter denen sie wirtschaftlich hergestellt werden können.
Und was wird aus den Bauern im Marchfeld?
Besonders problematisch könnte die Werksschließung für jene landwirtschaftlichen Betriebe werden, die Gemüse für die industrielle Tiefkühlverarbeitung anbauen.
Das Marchfeld gehört zu den bedeutenden Gemüseanbauregionen Österreichs.
Eine verlässliche Verarbeitung in der Nähe ist für landwirtschaftliche Erzeuger von erheblichem Vorteil.
Lange Transportwege verursachen Kosten und erschweren die Planung.
Fällt ein wichtiger Abnehmer weg, müssen neue Vermarktungsmöglichkeiten gefunden werden.
Das kann den Anbau bestimmter Kulturen wirtschaftlich unattraktiver machen.
Allerdings steht noch nicht fest, dass sämtliche betroffenen Gemüsebauern dauerhaft ihre Absatzmöglichkeiten verlieren werden.
Genau deshalb sind jetzt tragfähige Alternativen so wichtig.
Efko als Hoffnungsträger? Noch ist nichts entschieden
Nach Bekanntwerden der Schließungspläne wurde über eine mögliche neue österreichische Lösung diskutiert.
Dabei fiel auch der Name des oberösterreichischen Gemüseverarbeiters efko.
Gemeinsam mit Schneider’s Gemüseland und der Erzeugerorganisation Tiefkühlgemüse könnten möglicherweise neue Strukturen zur Verarbeitung heimischer Produkte entstehen.
Doch hier ist Vorsicht angebracht.
Efko hat ausdrücklich erklärt, dass noch offen sei, ob und in welcher Form sich das Unternehmen an einer solchen Lösung beteiligen werde.
Geschäftsführer Thomas Krahofer betonte zwar die Bedeutung einer Zukunftsperspektive für den Anbau und die Verarbeitung von Obst und Gemüse in Österreich.
Eine verbindliche Zusage für einen neuen Produktionsbetrieb ist das jedoch nicht.
Mit anderen Worten: Es wird weiter nach Lösungen gesucht.
Aber eine fertige Lösung gibt es bisher nicht.
Am Ende zahlen die Menschen den Preis
Bei all den Zahlen, Investitionsrechnungen und politischen Stellungnahmen gerät leicht in Vergessenheit, worum es eigentlich geht.
Hinter einem Werk stehen Beschäftigte und ihre Familien.
Menschen, die über Jahre zur Arbeit gegangen sind, ihre Aufgaben erfüllt und darauf vertraut haben, dass es ihren Arbeitsplatz auch künftig geben wird.
Eine Werksschließung bedeutet für sie nicht nur einen Eintrag in einer Konzernbilanz.
Sie bedeutet berufliche Unsicherheit und möglicherweise die Notwendigkeit, sich vollständig neu orientieren zu müssen.
Ein guter Sozialplan kann Härten abfedern.
Er kann jedoch den Verlust eines Arbeitsplatzes nicht ungeschehen machen.
Und auch die regionale Landwirtschaft braucht mehr als unverbindliche Hoffnung.
Sie benötigt Planungssicherheit für die kommenden Anbaujahre.
Mein Fazit: Viel Verständnis für wirtschaftliche Zahlen – aber wenig Verständnis für diese Entwicklung
Ja, ein Unternehmen darf einen dauerhaft defizitären Standort schließen.
Ja, staatliche Hilfen sind kein Allheilmittel.
Und nein, es wäre wirtschaftspolitisch nicht verantwortungsvoll, öffentliche Gelder ohne tragfähiges Zukunftskonzept in einen Betrieb zu stecken.
Trotzdem kann man über diese Entwicklung nur den Kopf schütteln.
Ein bedeutender Standort der heimischen Gemüseverarbeitung steht vor dem Aus, Investitionen in zweistelliger Millionenhöhe reichen angeblich nicht aus, und die Politik kann das Ende trotz ihres Hilfsangebots offenbar nicht mehr verhindern.
Das ist eine schlechte Nachricht für das Marchfeld.
Und es ist ein Warnsignal für den Wirtschaftsstandort Österreich.
Denn wenn regionale Produktion und Verarbeitung auseinanderbrechen, hilft es wenig, anschließend in Sonntagsreden die Bedeutung heimischer Lebensmittel zu beschwören.
Jetzt müssen Bund, Land, Landwirtschaft und mögliche neue Betreiber versuchen, zumindest eine wirtschaftlich tragfähige Nachfolgelösung auf die Beine zu stellen.
Die Mitarbeiter brauchen Klarheit. Die Bauern brauchen Perspektiven.
Und die Politik sollte sich eine grundsätzliche Frage stellen:
Was nützt uns die schönste Werbung für regionale Lebensmittel, wenn wir es wirtschaftlich immer weniger schaffen, sie auch im eigenen Land zu verarbeiten?
Ein kopfschüttelnder Kommentar für diebewertung.de


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