Der anhaltende Konflikt im Nahen Osten hinterlässt zunehmend sichtbare Spuren in der Umwelt. Beschädigte und zerstörte Öltanker sowie getroffene Energieanlagen sorgen dafür, dass immer mehr Öl in die Gewässer des Persischen Golfs und des Arabischen Meeres gelangt. Wissenschaftler, die die Region mithilfe von Satellitenbildern beobachten, warnen vor möglichen Folgen für empfindliche Küstengebiete, Korallenriffe, Mangroven und zahlreiche Tierarten.
Nach Angaben von Forschern zeigen aktuelle Satellitenaufnahmen deutlich mehr Ölteppiche als in vergleichbaren Zeiträumen ohne militärische Auseinandersetzungen. Brian Barnes vom College of Marine Science der University of South Florida erklärte, die von Ölverschmutzungen betroffene Fläche liege derzeit ungefähr doppelt so hoch wie in den Monaten zuvor. An Tagen mit guten Satellitenaufnahmen seien regelmäßig mehrere kleinere und teilweise auch größere Ölteppiche zu erkennen.
Besonders betroffen ist die Straße von Hormus. Dort wurden seit Ende August mehr als ein Dutzend Tanker beschädigt oder zerstört. Öl tritt unter anderem aus gestrandeten oder gesunkenen Schiffen sowie aus beschädigter Infrastruktur aus. Auch Wissenschaftler der Virginia Tech berichten von einem deutlichen Anstieg der festgestellten Ölverschmutzung im Persischen Golf im Vergleich zum Vorjahr.
Ein besonders schwerwiegender Vorfall betrifft den Tanker „Caroline Bezengi“. Das Schiff lief Ende Juni vor der Ostküste Omans auf Grund. Die Region gilt als ökologisch besonders wertvoll und umfasst unter anderem das Al-Hallaniyyat-Archipel und die Insel Masirah. Dort befinden sich wichtige Lebensräume für Seevögel, Korallenriffe, Fischbestände und bedrohte Meerestiere.
Der Tanker soll bis zu 800.000 Barrel Öl oder mehr transportiert haben. Zeitweise wurde der von ihm ausgehende Ölteppich auf eine Fläche von etwa 400 bis 600 Quadratkilometern geschätzt. Die tatsächliche Ölmenge im Wasser lässt sich allein anhand dieser Fläche jedoch nicht bestimmen. Entscheidend ist nach Einschätzung der Wissenschaftler vor allem, wo das Öl an Land oder in empfindliche Ökosysteme gelangt. Schon vergleichsweise geringe Mengen können in Mangrovenwäldern, Korallenhabitaten oder Laichgebieten erhebliche Schäden verursachen.
Besondere Sorgen bereiten den Forschern die Auswirkungen auf Meeresschildkröten. Die Strände Omans gehören zu den bedeutenden Nistgebieten der Unechten Karettschildkröte. Auch die vom Aussterben bedrohte Echte Karettschildkröte kommt dort vor. Insgesamt leben fünf der weltweit sieben bekannten Meeresschildkrötenarten in diesen Gewässern. Öl kann in den Sand eindringen und dort die in Nestern liegenden Eier und Embryonen schädigen.
Auch eine seltene Population von Buckelwalen ist gefährdet. Vor der Küste Omans lebt eine kleine Gruppe von schätzungsweise rund 80 Tieren. Sie gilt als die einzige bekannte Buckelwalpopulation weltweit, die nicht regelmäßig weite Wanderungen unternimmt. Ihr Lebensraum befindet sich ebenfalls in der Nähe der von der Verschmutzung betroffenen Gebiete.
Weitere Ölverschmutzungen wurden entlang der südlichen Küste Irans sowie an der Ostküste Omans festgestellt. Auf der iranischen Insel Qeshm gelangte Öl an Land. Zudem erreichte ein Ölteppich die geschützten Hara-Mangrovenwälder an der Nordküste des Persischen Golfs. Mangroven gelten als besonders anfällig, weil sich Schadstoffe in ihrem dichten Wurzelwerk festsetzen und dort lange verbleiben können, selbst wenn an der Wasseroberfläche kein Öl mehr sichtbar ist.
Wie groß die tatsächlichen Schäden für Natur und Tierwelt sind, lässt sich bislang nur schwer einschätzen. Strömungen und Wind können Öl über große Entfernungen transportieren. Dadurch muss die ökologische Belastung nicht auf den unmittelbaren Ort eines Tankerunglücks oder einer beschädigten Anlage begrenzt bleiben. Wissenschaftler gehen davon aus, dass das vollständige Ausmaß der Folgen möglicherweise erst nach Monaten oder sogar Jahren sichtbar werden wird.
Satellitenaufnahmen spielen bei der Untersuchung derzeit eine besonders wichtige Rolle, weil Messungen vor Ort in Konfliktgebieten nur eingeschränkt oder unter hohen Risiken möglich sind. Sie ermöglichen wiederholte Beobachtungen großer Meeresflächen, können jedoch nicht alle Fragen beantworten. So lässt sich anhand der Bilder beispielsweise nicht zuverlässig bestimmen, wie dick eine Ölschicht ist oder welche chemische Zusammensetzung sie besitzt. Auch Wetterbedingungen und Meeresströmungen beeinflussen, wie gut Öl auf den Aufnahmen erkannt werden kann.
Nach Einschätzung der Forscher könnten die Folgen der Verschmutzungen noch lange nach dem Ende der Kämpfe spürbar bleiben. Schäden an Mangroven, Korallen, Fischbeständen und anderen empfindlichen Lebensräumen können sich über viele Jahre entwickeln. Die langfristigen ökologischen Auswirkungen des Konflikts werden deshalb vermutlich erst deutlich werden, wenn umfassendere Untersuchungen vor Ort wieder möglich sind.


0 Kommentare