Der Regenschirmmord von London: Wie Georgi Markow mit Rizin getötet wurde

Der Regenschirmmord von London: Wie Georgi Markow mit Rizin getötet wurde

Veröffentlicht

Mittwoch, 09.09.2026
von Red. TB

Am 7. September 1978 wartete der bulgarische Schriftsteller und Regimekritiker Georgi Markow an einer Bushaltestelle auf der Londoner Waterloo Bridge. Plötzlich spürte er einen Stich im Oberschenkel. Als er sich umdrehte, stand hinter ihm ein Mann, der sich entschuldigte und einen Regenschirm aufgehoben haben soll.

Vier Tage später war Markow tot. Die Ärzte gingen zunächst von einer Blutvergiftung aus. Bald entdeckten Ermittler jedoch Hinweise auf ein sorgfältig geplantes Attentat, dessen ungewöhnliche Technik auf die Beteiligung eines staatlichen Geheimdienstes hindeutete.

Bei der Untersuchung von Markows Leiche fanden britische Spezialisten in seinem Oberschenkel ein winziges Metallkügelchen. Es war kaum größer als ein Stecknadelkopf und besaß vier äußerst feine Bohrungen. Nach Einschätzung der Forensiker hatten diese eine minimale Menge eines hochgiftigen Stoffes enthalten.

Wissenschaftler der britischen Forschungseinrichtung Porton Down kamen zu dem Ergebnis, dass vermutlich Rizin verwendet worden war. Das Gift wird aus den Samen des Wunderbaums gewonnen und kann bereits in sehr kleinen Mengen tödlich wirken. Einen vergleichbaren Mordfall mit Rizin hatte es in Großbritannien zuvor nicht gegeben.

Die Ermittler stellten zudem eine Verbindung zu einem ähnlichen Anschlag in Frankreich her. Nur zehn Tage vor Markows Tod hatte der bulgarische Exilant Wladimir Kostow beim Verlassen der Pariser Metro einen stechenden Schmerz im Rücken gespürt. Er entwickelte hohes Fieber, erholte sich aber nach drei Tagen.

Nachdem Kostow vom Tod Markows erfahren hatte, ließ er seinen Rücken röntgen. Dabei wurde ebenfalls ein winziges Metallobjekt entdeckt. Ein Chirurg entfernte das Geschoss unter strengen Sicherheitsvorkehrungen. Anschließend übernahm Scotland Yard die Untersuchung.

Metallurgen stellten fest, dass beide Kügelchen praktisch identisch waren. Sie wogen gleich viel, besaßen Bohrungen an denselben Stellen und bestanden aus einer seltenen Platin-Iridium-Legierung, die vom menschlichen Körper kaum abgestoßen wird. In Kostows Gewebe fanden die Wissenschaftler außerdem Antikörper gegen Rizin. Vermutlich überlebte er, weil nicht genügend Gift aus dem Geschoss ausgetreten war.

Die ausgefeilte Konstruktion und die zeitliche Nähe der beiden Angriffe bestärkten die Ermittler in der Annahme, dass ein staatlicher Geheimdienst hinter den Anschlägen stand.

Markow war in Bulgarien zunächst ein erfolgreicher Schriftsteller und Dramatiker gewesen. Er bewegte sich zeitweise in der Nähe der politischen Führung, wandte sich später jedoch vom kommunistischen Regime ab. Im Jahr 1969 verließ er das Land und ließ sich schließlich in Großbritannien nieder.

Dort arbeitete er für den BBC World Service und Radio Free Europe. In seinen Sendungen berichtete er über Machtmissbrauch, Korruption, Vetternwirtschaft und das abgeschottete Leben der bulgarischen Führung. Besonders seine Reihe über persönliche Begegnungen mit Staatschef Todor Schiwkow soll in Sofia für erheblichen Ärger gesorgt haben.

Markows Ehefrau Annabel berichtete später, ihr Mann sei Monate vor dem Anschlag von einem unbekannten Bulgaren gewarnt worden. Dieser habe erklärt, auf höchster politischer Ebene sei beschlossen worden, Markow wegen seiner kritischen Radiosendungen zu töten.

Auch Markows Bruder Nikola gab an, bereits im September 1977 einen ähnlichen Anruf erhalten zu haben. Ein Unbekannter habe ihm mitgeteilt, Georgi solle bei der ersten Gelegenheit vergiftet werden. Der dafür vorgesehene Stoff oder Krankheitserreger sei angeblich bereits nach Westeuropa gebracht worden.

Die bulgarische Regierung bestritt offiziell, dass Markows Sendungen eine besondere Wirkung gehabt hätten. Weggefährten berichteten jedoch, Schiwkow sei vor allem über die Beiträge verärgert gewesen, die seine eigene Person und das Leben innerhalb der Machtelite behandelten.

Bulgarien war damals eng mit der Sowjetunion verbunden. Der frühere bulgarische Geheimdienstoffizier Stefan Sverdlow erklärte 1979 gegenüber der BBC, die einzelnen Abteilungen des bulgarischen Staatssicherheitsdienstes seien von KGB-Beratern überwacht worden. Ein derart aufwendiger Anschlag sei seiner Ansicht nach ohne Kenntnis Moskaus kaum vorstellbar gewesen.

Auch Nikolai Chochlow, der früher eine Mordabteilung des sowjetischen Geheimdienstes geleitet hatte, sah in der außergewöhnlich komplizierten Methode einen Hinweis auf eine Operation mit Unterstützung hoher staatlicher Stellen. Auffällig war zudem, dass der tödliche Angriff auf Markow am Geburtstag Schiwkows verübt wurde.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde bekannt, dass der KGB tatsächlich einen präparierten Regenschirm entwickelt hatte, mit dem sich giftgefüllte Kügelchen in den Körper eines Opfers schießen ließen. Später erklärten zwei übergelaufene KGB-Offiziere, der sowjetische Geheimdienst habe bei der Ermordung geholfen. Ausgeführt worden sei sie demnach von einem italienischen Kriminellen mit dem Decknamen „Piccadilly“.

Gerichtlich bewiesen wurde diese Darstellung jedoch nie. Wegen des Mordes an Georgi Markow wurde niemand angeklagt. Bulgarien stellte seine Ermittlungen 2013 ein, weil kein Tatverdächtiger mehr ermittelt werden konnte. In Großbritannien gilt der Fall weiterhin als ungeklärt.

Das mutmaßliche Attentat sollte nach Einschätzung früherer Geheimdienstmitarbeiter nicht nur Markow zum Schweigen bringen. Es habe zugleich eine Botschaft an andere Regimegegner im Ausland senden sollen: Weder große Entfernung noch der Schutz westlicher Staaten könne sie vor dem Zugriff eines Geheimdienstes bewahren.

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von Autor: Red. TB
am: Mittwoch, 09.09.2026

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