Die verheerenden Überschwemmungen in Nepal haben inzwischen mehr als 1.000 Menschen das Leben gekostet. Doch die Katastrophe betrifft nicht nur Nepal. Experten sehen darin auch eine deutliche Warnung für das benachbarte Indien.
Beide Länder teilen sich ein riesiges Flusssystem, dessen Ursprünge im Himalaya liegen. Dabei ist der Zusammenhang komplizierter als die einfache Vorstellung, dass Hochwasser aus Nepal automatisch nach Indien weiterfließt. Entscheidend sind Regenmengen, Flusspegel, Deiche, Entwässerungssysteme und die Bebauung auf beiden Seiten der Grenze.
Mehr als 6.000 Flüsse und Bäche fließen durch Nepal
Nepal besitzt mehr als 6.000 Flüsse und Bäche. Die meisten entwässern Richtung Süden nach Indien und schließlich in den Ganges.
Besonders bedeutend sind drei große Flusssysteme: der Kosi im Osten, der Gandaki – in Indien Gandak genannt – im Zentrum sowie der Karnali, der in Indien als Ghaghara bekannt ist. Hinzu kommt der Mahakali beziehungsweise Sharda entlang der westlichen Grenze.
Daneben gibt es kleinere Flüsse wie Bagmati, Kamala, Rapti und Babai. Gerade sie können besonders gefährlich werden, weil ihre Einzugsgebiete klein und steil sind und Hochwasser deshalb sehr schnell entstehen kann.
Nach Angaben des International Centre for Integrated Mountain Development fließen sieben bis neun größere Flüsse aus Nepal in die indische Ebene und tragen dort regelmäßig zu Überschwemmungen bei.
Bihar trägt das größte Risiko
Besonders gefährdet ist der indische Bundesstaat Bihar.
Rund drei Viertel des nördlichen Bihar gelten offiziell als hochwassergefährdet. Fast alle großen Flüsse, die dort Überschwemmungen verursachen, entspringen in Nepal.
Berüchtigt ist vor allem der Kosi, der nicht ohne Grund den Beinamen „Sorrow of Bihar“ – der „Kummer Bihars“ – trägt. Hinzu kommen Gandak, Bagmati und Kamala.
Aber Bihar ist nicht allein betroffen. Auch der Osten von Uttar Pradesh ist durch Ghaghara, Rapti und Gandak gefährdet. Uttarakhand teilt sich mit Nepal das Mahakali-Sharda-System, während Nordbengalen unter anderem vom Mechi und Mahananda beeinflusst wird.
Hochwasser in Nepal bedeutet nicht automatisch Katastrophe in Indien
Hydrologen unterscheiden drei entscheidende Faktoren.
Zunächst kommt es darauf an, wo und wie stark es regnet. Besonders gefährliche Hochwasserspitzen können nicht nur im Hochgebirge entstehen, sondern auch weiter unten in den Siwalik-, Chure- und Terai-Regionen.
Dann entscheidet die Beschaffenheit der Flüsse. Wenn sie das Gebirge verlassen, verändert sich das Gefälle abrupt. Große Mengen Sediment werden abgelagert, Flussarme können sich verlagern und das Wasser breitet sich über die Ebenen aus.
Schließlich kommt es darauf an, welche Bedingungen das Wasser in Indien vorfindet: Wie viel hat dort bereits geregnet? Wie hoch steht der Ganges? In welchem Zustand befinden sich Deiche und Staustufen? Und können Straßen, Bahnlinien oder Siedlungen den natürlichen Abfluss behindern?
Die Kosi-Katastrophe von 2008 zeigt das Problem
Ein besonders drastisches Beispiel liefert das Jahr 2008.
Damals starben in Bihar fast 400 Menschen, nachdem der Kosi einen Deich in Nepal durchbrochen hatte.
Bemerkenswert ist: Es handelte sich offenbar gar nicht um ein außergewöhnlich großes Hochwasser.
Nach Angaben des Geowissenschaftlers Rajiv Sinha vom Indian Institute of Technology in Kanpur führte der Fluss damals lediglich etwa ein Zehntel der Wassermenge, die sein Flussbett grundsätzlich hätte aufnehmen können.
Das eigentliche Problem waren jahrzehntealte und unzureichend gewartete Deiche. Ein Experte beschreibt das damalige Versagen deshalb als „strukturell, nicht hydrologisch“.
Im Ernstfall bleiben manchmal nur wenige Stunden
Bei gewöhnlichem Monsunhochwasser kann Indien nach Einschätzung der Experten ungefähr zwölf Stunden bis zwei Tage Vorwarnzeit haben.
Vom nepalesischen Gebirgsrand benötigt das Wasser über Kosi und Gandak ungefähr einen Tag bis in die Ebenen Bihars.
Doch bei Sturzfluten sieht die Situation völlig anders aus.
Hochwasser aus den Chure-Flüssen kann innerhalb weniger Stunden eintreffen. Bei einem brechenden natürlichen Staudamm nach einem Erdrutsch oder bei gewaltigen Schuttströmen kann es noch schneller gehen.
Während der aktuellen Katastrophe benötigte die Flutwelle aus Rasuwa laut Bericht nur rund siebeneinhalb Stunden bis Triveni nahe der indischen Grenze.
Indien und Nepal tauschen bereits Daten aus
Beide Länder verfügen grundsätzlich über ein gemeinsames Warnsystem.
Nepals Behörde für Hydrologie und Meteorologie übermittelt Niederschlags- und Pegeldaten in Echtzeit an Indiens Central Water Commission. Diese Informationen werden anschließend für Hochwasserprognosen verwendet.
Experten sehen allerdings weiterhin erhebliche Lücken.
In besonders schnell reagierenden Einzugsgebieten gibt es zu wenige Messstationen. Außerdem fehlt ein einheitliches Prognosemodell beider Länder. Informationen über den Zustand von Deichen, Veränderungen der Flussläufe und Sedimentablagerungen werden ebenfalls nur begrenzt ausgetauscht.
Und selbst die beste Prognose nützt wenig, wenn die Warnung nicht rechtzeitig bei den Menschen ankommt.
Ein Experte bringt das Problem auf den Punkt: Eine Warnung, die ein Verwaltungsbüro erreicht, hat noch lange nicht die Familie erreicht, deren Haus unmittelbar von der Flut bedroht ist.
Ein verbreiteter Irrtum: „Nepal lässt Wasser nach Indien ab“
Nach Ansicht der Wissenschaftler hält sich in Indien ein falsches Bild besonders hartnäckig: Nepal öffne bei Hochwasser einfach seine Schleusen und lasse Wasser Richtung Indien ab.
Dafür fehlen jedoch bereits die entsprechenden großen Speicherkapazitäten.
Nepals wichtigster Speichersee Kulekhani fasst weniger als ein Zehntel Kubikkilometer Wasser. Die Staustufen am Kosi und Gandak werden zudem von Indien betrieben.
Wenn große Wassermassen die Grenze erreichen, liegt das deshalb überwiegend daran, dass weiter flussaufwärts enorme Regenmengen gefallen sind – und nicht daran, dass Nepal ein Schleusentor geöffnet hat.
Gleichzeitig stammt tatsächlich ein erheblicher Teil des Wassers, das Nord-Bihar und den Osten Uttar Pradeshs überschwemmen kann, aus Niederschlägen in Nepal.
Rund 40 Prozent des durchschnittlichen jährlichen Abflusses des Ganges kommen aus Nepal; in der Trockenzeit ist der Anteil noch größer.
Die eigentliche Gefahr lauert im Himalaya
Für Experten liegt die wichtigste Warnung der aktuellen Katastrophe deshalb nicht bei einem einzelnen Fluss.
Das größere Problem sind extreme Ereignisse im Himalaya, bei denen Wasser, Felsen, Eis und riesige Mengen Schlamm und Geröll zusammenkommen.
Solche Ereignisse unterscheiden sich grundlegend von einem gewöhnlichen Hochwasser.
Bei einer klassischen Überschwemmung ist Wasser die dominierende Kraft. Vermischt sich dieses Wasser jedoch mit großen Mengen Sediment und Geröll, kann eine extrem energiereiche Masse entstehen, die auf ihrem Weg nahezu alles mitreißt.
Indien hat solche Katastrophen selbst erlebt.
2021 brach im nordindischen Chamoli ein großer Teil eines Gletschers ab. Eine gewaltige Mischung aus Wasser und Geröll raste durch das Tal, tötete rund 200 Menschen und beschädigte Wasserkraftanlagen.
2025 wurden bei einer Sturzflut in Dharali Teile eines Dorfes meterhoch unter Geröll begraben.
Klimawandel verschärft die Risiken
Hinzu kommt der Klimawandel.
Nach Einschätzung der im Bericht zitierten Experten erwärmt sich die Himalaya-Region schneller als der globale Durchschnitt. Eine wärmere Atmosphäre kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen, während der Monsun zunehmend große Regenmengen innerhalb kürzerer Zeit bringen kann.
Gleichzeitig wachsen die Gefahren im Hochgebirge. Tauender Permafrost, Ausbrüche von Gletscherseen sowie Fels- und Eislawinen könnten häufiger auftreten.
Mehr Extremereignisse bedeuten außerdem mehr Erdrutsche und Sedimente in den Flüssen. Dadurch können sich Flussbetten erhöhen und gleichzeitig weniger Wasser aufnehmen.
Nepal und Indien sitzen im selben Flusssystem
Die Katastrophe zeigt deshalb vor allem eines: Eine politische Grenze kann Hochwasser nicht aufhalten.
Nepal liegt flussaufwärts, Indien flussabwärts – aber beide Länder sind Teil desselben hydrologischen Systems.
Die entscheidende Antwort besteht nach Einschätzung der Experten deshalb nicht darin, Schuldzuweisungen auszutauschen.
Nepal und Indien brauchen bessere gemeinsame Messsysteme, schnellere Warnungen, verlässlichere Prognosen und eine grenzüberschreitende Planung ihrer Flüsse.
Denn wenn sich im Himalaya innerhalb weniger Stunden Wasser, Eis, Felsen und Geröll zu einer gewaltigen Flutwelle verbinden, bleibt für politische Diskussionen hinterher genügend Zeit.
Für eine rechtzeitige Warnung dagegen manchmal nur wenige Stunden.


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