Die kurze Hoffnung auf eine Entspannung zwischen den USA und Iran ist praktisch verflogen. In der Nacht zum Mittwoch haben beide Seiten erneut massive Angriffe gemeldet. Gleichzeitig bleibt die Lage in der Ukraine dramatisch, die Spannungen zwischen China und Taiwan wachsen weiter – und an den Finanzmärkten schlägt die neue Unsicherheit bereits deutlich durch.
USA greifen Iran massiv an – Teheran schlägt zurück
Die gefährlichste Entwicklung der Nacht kommt erneut aus dem Nahen Osten.
Das US-Militär erklärte, eine neue Angriffswelle gegen Ziele der iranischen Revolutionsgarden abgeschlossen zu haben. Nach Angaben des US-Zentralkommandos wurden unter anderem Luftverteidigungsstellungen, Radaranlagen, maritime Einrichtungen, Kommunikationsanlagen und Fähigkeiten zum Verlegen von Seeminen angegriffen.
Iran reagierte mit Raketen- und Drohnenangriffen.
Teheran erklärte, amerikanische Einrichtungen in Jordanien und im Irak angegriffen zu haben. Iranische Medien berichteten außerdem über einen Angriff auf Bahrain.
Die iranischen Revolutionsgarden behaupteten, bei einem Angriff in Jordanien zahlreiche US-Soldaten getötet zu haben. Dafür gibt es bislang jedoch keine Bestätigung. Zwei amerikanische Regierungsvertreter erklärten gegenüber Reuters vielmehr, nach ersten Erkenntnissen seien keine US-Soldaten ums Leben gekommen.
Jordanien meldete, dass 13 ballistische Raketen in seinen Luftraum eingedrungen seien. Zehn davon seien abgefangen worden. Bahrain erklärte ebenfalls, iranische Drohnen zerstört zu haben.
Damit ist aus der vergleichsweise ruhigen Phase der vergangenen Wochen wieder eine offene militärische Konfrontation geworden.
Berichte über Tote bei Hochzeit in Iran
Besonders schwere Vorwürfe kommen aus Iran.
Nach Angaben des iranischen Roten Halbmonds wurden bei einem Angriff auf eine Hochzeitsfeier nahe Sirik an der Küste der Straße von Hormus fünf Menschen getötet und 50 verletzt.
Unter den Todesopfern soll sich ein vierjähriges Kind befinden.
Andere iranische Angaben sprechen sogar von 68 Verletzten.
Die USA haben sich bislang nicht offiziell zu diesem konkreten Vorfall geäußert. Deshalb lässt sich derzeit nicht unabhängig bestätigen, was genau die Explosion verursacht hat.
Teheran kündigte als Reaktion auf die jüngsten Angriffe weitere Vergeltung an.
Trump droht Iran mit noch härteren Angriffen
Auch aus Washington kommen keine Signale der Entspannung.
US-Präsident Donald Trump zeigte sich nach den Angriffen ausgesprochen konfrontativ und erklärte, die amerikanische Position sei inzwischen deutlich stärker.
Iran wiederum warnte die USA und deren Verbündete vor weiteren Militäraktionen und kündigte für diesen Fall noch umfangreichere Gegenangriffe an.
Damit wächst die Gefahr, dass auch andere Staaten der Region stärker in den Konflikt hineingezogen werden.
Besonders Jordanien, Bahrain, Kuwait und der Irak geraten unter Druck, weil sich dort amerikanische Einrichtungen befinden oder iranische Raketen und Drohnen ihren Luftraum durchqueren.
Straße von Hormus wird erneut zum weltweiten Krisenherd
Das vielleicht größte wirtschaftliche Risiko liegt wenige Kilometer vor der iranischen Küste.
Die Straße von Hormus gehört zu den wichtigsten Energierouten der Welt. Vor Beginn des Konflikts wurde durch die Meerenge ungefähr ein Fünftel des weltweit verbrauchten Öls transportiert.
Die iranischen Revolutionsgarden drohen nun mit weiteren Einschränkungen für den Schiffsverkehr.
Nachdem bereits Tanker angegriffen worden waren, wächst damit die Sorge vor zusätzlichen Lieferausfällen.
Ölpreis steigt auf mehr als 95 Dollar
Die Finanzmärkte reagieren bereits.
Der Preis für ein Barrel Brent-Rohöl stieg am frühen Mittwoch um knapp ein Prozent auf rund 95,52 Dollar.
US-Öl der Sorte WTI verteuerte sich auf etwa 91,02 Dollar.
Schon am Dienstag waren beide Sorten um mehr als vier Dollar gestiegen.
Damit wird der Krieg zunehmend auch für Menschen weit außerhalb des Nahen Ostens spürbar. Bleiben Öl- und Gaspreise länger hoch, könnten Benzin, Diesel, Transporte und zahlreiche industrielle Produkte teurer werden.
Das wiederum würde den Inflationsdruck in Europa, Asien und Nordamerika verstärken.
Ukraine: Putin erklärt Russland zum Sieger auf dem Schlachtfeld
Auch im Ukrainekrieg gibt es keinerlei Zeichen für eine schnelle Entspannung.
Russlands Präsident Wladimir Putin erklärte, sein Land befinde sich militärisch auf der Siegerstraße.
Nach seinen Angaben nahmen russische Streitkräfte allein im August rund 270 Quadratkilometer in der Region Donezk ein.
Putin bezeichnete die ukrainische Führung zugleich als „Terroristen“ und stellte Verhandlungen mit ihr infrage. Gleichzeitig ließ er die Tür für konkrete Gespräche grundsätzlich offen, sofern sich neue Voraussetzungen dafür ergeben sollten.
Die Angaben über russische Geländegewinne stammen von der russischen Führung und sind deshalb entsprechend einzuordnen.
Kiew nach schwerer Angriffswelle unter Schock
Die russischen Äußerungen folgen auf eine der schwersten Angriffswellen gegen die ukrainische Hauptstadt seit längerer Zeit.
Kiew wurde mehr als zwölf Stunden lang mit Raketen und Drohnen angegriffen.
Nach ukrainischen Angaben kamen mindestens zwölf Menschen ums Leben. Unter den Toten waren sechs Eisenbahnmitarbeiter und ein indischer Staatsbürger.
Mehr als ein Dutzend Menschen wurden verletzt, darunter Kinder.
Besonders bedrückend: Die Angriffe trafen die Ukraine ausgerechnet zum Beginn des neuen Schuljahres.
Für Millionen ukrainische Kinder beginnt damit bereits das fünfte Schuljahr seit Beginn der russischen Großinvasion – vielerorts gehören Luftalarm und Unterricht in Schutzräumen inzwischen zum Alltag.
Deutschland und Russland geraten ebenfalls härter aneinander
Parallel verschärft sich der Konflikt zwischen Berlin und Moskau.
Deutschland macht Russland für den versuchten Drohnenanschlag auf den Flughafen Leipzig/Halle verantwortlich und hat Strafmaßnahmen angekündigt.
Russland weist die Anschuldigungen zurück.
Putin bezeichnete die deutschen Maßnahmen nun als schweren Fehler.
Damit verschlechtert sich das ohnehin extrem belastete deutsch-russische Verhältnis noch einmal deutlich.
China erhöht den Druck rund um Taiwan
Auch in Ostasien bleibt die Sicherheitslage angespannt.
Taiwan warnt davor, dass China seine militärische Kontrolle über die Luft- und Seegebiete rund um die Insel systematisch ausweite.
Zusätzlichen Streit gibt es beim Pacific Islands Forum in Palau.
China protestiert gegen die Teilnahme Taiwans und erklärte, Taiwan sei nicht berechtigt, an dem Treffen teilzunehmen.
Peking drohte mit nicht näher bezeichneten „Konsequenzen“.
Der Streit zeigt erneut, wie stark der chinesisch-taiwanische Konflikt inzwischen auch die diplomatischen Beziehungen kleinerer Staaten im Pazifik beeinflusst.
Japan könnte die Zinsen erneut erhöhen
Auch aus Japan kommt eine wirtschaftlich wichtige Nachricht.
Der Gouverneur der Bank of Japan, Kazuo Ueda, hat weitere Zinserhöhungen ausdrücklich in Aussicht gestellt.
Bereits im Juni war der japanische Leitzins auf ein 31-Jahres-Hoch von einem Prozent angehoben worden.
Nun soll bei der Sitzung am 17. und 18. September erneut über die Inflationsrisiken diskutiert werden.
Interessanterweise spielt dabei auch der Krieg im Nahen Osten eine Rolle. Steigende Energiepreise könnten Japans Inflation zusätzlich anheizen.
Auch der schwache Yen bleibt ein Problem.
An den Finanzmärkten wird deshalb inzwischen mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einer weiteren Zinserhöhung gerechnet.
Japan und Südkorea rücken bei Energieversorgung zusammen
Die Krise im Nahen Osten führt gleichzeitig zu einer bemerkenswerten Annäherung zweier wichtiger asiatischer Volkswirtschaften.
Japan und Südkorea haben erstmals offiziell über die Umsetzung einer gemeinsamen Lieferkettenpartnerschaft beraten.
Im Mittelpunkt steht die Versorgung mit Flüssigerdgas, Erdöl und Ölprodukten im Krisenfall.
Beide Staaten sind stark von Energieimporten abhängig. Eine größere Störung der Lieferungen aus dem Nahen Osten würde sie deshalb besonders treffen.
Dass Tokio und Seoul ihre Notfallversorgung stärker koordinieren wollen, zeigt, wie ernst die geopolitischen Risiken inzwischen genommen werden.
Kanada: Carneys Liberale verteidigen ihre Mehrheit
Auch aus Kanada gibt es eine wichtige politische Entwicklung.
Die Liberale Partei von Premierminister Mark Carney gewann drei Nachwahlen und konnte damit ihre knappe Mehrheit im Parlament verteidigen.
Die Abstimmungen wurden auch als Stimmungstest für Carneys Umgang mit den wachsenden Spannungen mit den USA betrachtet.
US-Präsident Trump hatte zuletzt neue Zölle gegen kanadische Waren verhängt und mit seiner Entscheidung, den Lake Ontario in den USA offiziell als „Lake America“ zu bezeichnen, zusätzlichen Streit ausgelöst.
Eine aktuelle Reuters/Ipsos-Umfrage zeigt allerdings, dass eine Mehrheit der Amerikaner sowohl die neuen Kanada-Zölle als auch die Umbenennung ablehnt.
Selbst Apple Maps heißt jetzt „Lake America“
Kurios, aber politisch durchaus brisant: Apple hat auf seinen Karten in den USA inzwischen die von Trump angeordnete Bezeichnung „Lake America“ übernommen.
Außerhalb der USA bleibt die Bezeichnung Lake Ontario beziehungsweise eine Kombination beider Namen bestehen.
Was zunächst wie eine kuriose Namensfrage klingt, ist inzwischen Teil des politischen Konflikts zwischen Washington und Ottawa geworden.
Die Weltwirtschaft bekommt die Krisen zu spüren
Die verschiedenen Konflikte beginnen sich immer stärker gegenseitig zu verstärken.
Der Krieg zwischen den USA und Iran treibt die Energiepreise.
Höhere Energiepreise erhöhen den Inflationsdruck.
Höhere Inflation wiederum erhöht die Wahrscheinlichkeit steigender Zinsen.
Gleichzeitig belasten Handelskonflikte zwischen den USA und wichtigen Partnern wie Kanada oder China den Welthandel.
In der Eurozone ist die Inflation im August bereits wieder über drei Prozent gestiegen.
Auch an den asiatischen Börsen begann der Mittwoch schwach. Zusätzlich zu den geopolitischen Risiken belasten steigende Renditen an den internationalen Anleihemärkten die Stimmung.
Der gefährlichste Punkt liegt derzeit im Nahen Osten
Unter all diesen Entwicklungen ragt eine Nachricht deutlich heraus: die erneute direkte militärische Konfrontation zwischen den USA und Iran.
Noch vor wenigen Tagen bestand zumindest die Hoffnung, dass sich die monatelange Auseinandersetzung langsam in Richtung wirtschaftlichen und diplomatischen Drucks verlagern könnte.
Diese Hoffnung hat sich vorerst zerschlagen.
Amerikanische Kampfflugzeuge greifen iranische Einrichtungen an. Iran feuert Raketen und Drohnen auf amerikanische Stützpunkte. Jordanien fängt ballistische Raketen ab. Bahrain meldet iranische Drohnen. Und rund um die Straße von Hormus steht gleichzeitig eine der wichtigsten Handelsrouten der Welt unter Druck.
Damit ist die internationale Lage am Mittwochmorgen deutlich gefährlicher als noch vor 24 Stunden.
Die entscheidende Frage der nächsten Stunden lautet deshalb nicht mehr nur, ob USA und Iran weiter eskalieren – sondern wie viele weitere Staaten in diese Eskalation hineingezogen werden.


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