Ceuta-Krise: Schuld sind Russland, Israel, TikTok – nur Marokko natürlich nicht

Ceuta-Krise: Schuld sind Russland, Israel, TikTok – nur Marokko natürlich nicht

Veröffentlicht

Dienstag, 01.09.2026
von Red. TB

In Spanien wird derzeit wieder einmal die politische Königsdisziplin betrieben: die Suche nach dem Schuldigen.

Ministerpräsident Pedro Sánchez sieht hinter der großen Bewegung von Migranten Richtung Ceuta Ende Juli Hinweise auf eine gezielte Desinformationskampagne. Als mögliche Urheber nennt er Netzwerke aus Russland und Israel, die gemeinsam mit rechtsextremen Gruppen Falschmeldungen über soziale Medien verbreitet haben sollen.

Marokko?

Nein, Marokko war es nach Ansicht von Sánchez ganz bestimmt nicht.

Spekulationen über eine Beteiligung des Nachbarlandes wies der spanische Regierungschef „entschieden zurück“.

Damit wäre zumindest ein Verdächtiger schon einmal offiziell aus dem politischen Krimi gestrichen.

Instagram und TikTok als neue Grenzöffner

Nach Darstellung von Sánchez sollen auf Plattformen wie Instagram und TikTok falsche Meldungen verbreitet worden sein, wonach Migranten, die Ceuta auf dem Seeweg erreichten, anschließend in Spanien bleiben dürften.

Man muss sich das einmal vorstellen:

Früher brauchte man für geopolitische Einflussnahme Geheimdienste, Agenten, Funkgeräte und konspirative Treffen in dunklen Hinterzimmern.

Heute offenbar:

Smartphone raus.

TikTok öffnen.

Video hochladen.

Weltpolitik erledigt.

Wenn das so weitergeht, findet der nächste internationale Konflikt wahrscheinlich zwischen zwei Tanzvideos und einer Werbung für Nahrungsergänzungsmittel statt.

Russland UND Israel?

Besonders bemerkenswert ist die ungewöhnliche Kombination.

Russische und israelische Netzwerke sollen laut Sánchez gemeinsam mit rechtsextremen Gruppen an der Verbreitung der Falschinformationen beteiligt gewesen sein.

Politisch ist das fast schon ein internationales Gemeinschaftsprojekt.

Normalerweise findet man Russland und Israel derzeit eher selten gemeinsam auf einer politischen Weihnachtskarte.

Aber wenn es um Spanien geht, scheint laut dieser Darstellung plötzlich Teamarbeit möglich zu sein.

Geopolitik verbindet eben manchmal auf erstaunliche Weise.

Die EU soll Hinweise gefunden haben

Sánchez beruft sich dabei auf Untersuchungen des Europäischen Auswärtigen Dienstes.

Diese sollen Hinweise auf entsprechende Akteure ergeben haben.

Das Motiv?

Russland und Israel hätten die Situation genutzt, um Spanien wegen seiner Positionen zum Ukraine-Krieg beziehungsweise zum Krieg im Gazastreifen unter Druck zu setzen oder politisch zu diskreditieren.

Wenn diese Analyse zutrifft, wäre die Botschaft ungefähr:

„Uns gefällt eure Außenpolitik nicht, deshalb sorgen wir jetzt für Chaos auf TikTok.“

Diplomatie 2026.

Und Marokko schaut nur zu?

Ganz anders sehen das allerdings Teile der spanischen Opposition und verschiedene Menschenrechtsorganisationen.

Sie hatten Marokko vorgeworfen, die große Bewegung in Richtung Ceuta zumindest bewusst zugelassen zu haben.

Sánchez hält davon wenig.

Für ihn gibt es offenbar keinen ausreichenden Grund, Rabat verantwortlich zu machen.

Das führt zur interessanten politischen Lage:

Die einen sagen: Marokko.

Sánchez sagt: Russland und Israel.

Rechtsextreme Netzwerke spielen ebenfalls mit.

Instagram und TikTok sind auch dabei.

Fehlt eigentlich nur noch, dass jemand behauptet, der Algorithmus persönlich habe die Grenze geöffnet.

Willkommen im Zeitalter der Desinformation

Natürlich ist das eigentliche Thema ernst.

Gezielte Falschinformationen können Menschen zu gefährlichen Entscheidungen verleiten. Gerade wenn behauptet wird, bestimmte Grenzübertritte hätten keine rechtlichen Konsequenzen, können solche Meldungen erhebliche Auswirkungen haben.

Deshalb müssen entsprechende Hinweise untersucht werden.

Aber ebenso wichtig ist, sauber zwischen belegten Erkenntnissen, politischen Bewertungen und Spekulationen zu unterscheiden.

Denn in Zeiten, in denen praktisch jede Krise innerhalb weniger Stunden zur Desinformationsschlacht wird, funktioniert politische Kommunikation inzwischen häufig nach einem einfachen Prinzip:

Irgendjemand war es – und wahrscheinlich hatte er einen Social-Media-Account.

Ob Russland, Israel, Marokko, rechtsextreme Gruppen oder eine Mischung aus mehreren Akteuren tatsächlich welchen Anteil an den Ereignissen hatten, müssen belastbare Untersuchungen zeigen.

Bis dahin bleibt zumindest eine Erkenntnis:

Früher war Ceuta eine komplizierte Grenzfrage. Heute braucht man dafür zusätzlich noch Cyberexperten, Social-Media-Analysten und vermutlich jemanden, der den TikTok-Algorithmus versteht.

Viel Erfolg dabei.

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stux (CC0), Pixabay

von Autor: Red. TB
am: Dienstag, 01.09.2026

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