In Kiew scheint man derzeit eine neue politische Disziplin zu erproben: Wie verwandle ich einen loyalen Mitarbeiter möglichst schnell in einen populären Gegner?
Wolodymyr Selenskyj hat dafür offenbar das Lehrbuch gleich selbst geschrieben. Man nehme einen jungen, erfolgreichen und bei vielen Ukrainern beliebten Verteidigungsminister, entlasse ihn überraschend und wundere sich anschließend, dass die Menschen auf die Straße gehen. Wer einen politischen Rivalen sucht, muss ihn schließlich nicht mühsam aufbauen – man kann ihn auch einfach selbst produzieren.
Mychajlo Fedorow war jahrelang einer der engsten Mitstreiter Selenskyjs. Er organisierte dessen digitalen Wahlkampf, modernisierte staatliche Dienstleistungen und stand als Verteidigungsminister für Drohnen, Technologie und Reformen. Doch dann war plötzlich Schluss. Die Begründungen blieben nebulös, die Proteste dafür umso sichtbarer.
72 Prozent der Befragten lehnten Fedorows Entlassung ab, nur fünf Prozent begrüßten sie. Seine Vertrauenswerte stiegen auf 65 Prozent und lagen damit sogar über Selenskyjs 59 Prozent. Bei einer hypothetischen Präsidentenwahl führte Selenskyj allerdings weiterhin mit 22,3 Prozent vor Fedorow mit 13,4 Prozent. Von einer geschlossenen ukrainischen Absetzbewegung gegen Selenskyj kann also keine Rede sein. Aber politische Begeisterung sieht sicherlich anders aus.
Hat das ukrainische Volk Selenskyj langsam satt?
Diese Frage muss erlaubt sein. Nicht, weil Demonstrationen gegen eine Ministerentlassung automatisch bedeuten, dass ein ganzes Land seinen Präsidenten loswerden möchte. Aber weil Selenskyj inzwischen nicht mehr nur als Kriegspräsident, sondern auch an seinen innenpolitischen Entscheidungen gemessen wird.
Die Menschen in der Ukraine haben Tote zu beklagen, Familien sind getrennt, Städte zerstört, Millionen mussten ihre Heimat verlassen. Nach mehr als vier Jahren Krieg dürfte die Geduld vieler Bürger ungefähr so belastbar sein wie eine Fensterscheibe nach einem Drohnenangriff.
Da ist es verständlich, wenn irgendwann gefragt wird:
Warum werden erfolgreiche und populäre Personen ausgetauscht? Warum entstehen immer neue Machtkämpfe? Warum wird ausgerechnet während eines Krieges der Eindruck vermittelt, persönliche Loyalität könne wichtiger sein als Kompetenz? Und warum gelingt es der politischen Führung nicht, einen nachvollziehbaren Weg zu einem Ende des Krieges aufzuzeigen?
Selenskyj darf sich daher nicht darüber wundern, dass sein politischer Kredit nicht unbegrenzt ist. Das Präsidentenamt ist schließlich kein lebenslanges Abonnement, nur weil der Gegner im Kreml Wladimir Putin heißt.
Und was ist mit Friedensverhandlungen?
Hier wird es komplizierter – und damit leider ungeeignet für einfache Stammtischparolen.
Es stimmt nicht, dass überhaupt keine Friedensverhandlungen stattgefunden hätten. Nach Gesprächen in Istanbul 2025 fanden Anfang 2026 weitere Verhandlungsrunden in Abu Dhabi und Genf statt. Diese Gespräche wurden im Februar unterbrochen. Ende Juli bemühten sich die USA und die Ukraine erneut darum, die festgefahrene Diplomatie wiederzubeleben.
Man kann Selenskyj durchaus fragen, ob er jede diplomatische Möglichkeit ausreichend genutzt hat. Man kann fragen, ob Maximalforderungen auf allen Seiten einen Kompromiss verhindern. Und selbstverständlich dürfen Ukrainer wissen wollen, welche Opfer noch verlangt werden und welches realistische politische Ziel verfolgt wird.
Aber Selenskyj allein die fehlende Friedenslösung anzulasten, wäre zu bequem. Nach einer Umfrage des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie sahen im April 2026 60 Prozent der Ukrainer Russland als größtes Hindernis für den Frieden. Nur sieben Prozent gaben primär der Ukraine die Schuld. Gleichzeitig wollen viele Ukrainer Verhandlungen, lehnen aber Bedingungen ab, die sie als Kapitulation oder als Einladung für den nächsten russischen Angriff betrachten.
Das ist die unangenehme Wahrheit: Friedensverhandlungen benötigen mindestens zwei Seiten, die tatsächlich zu einem tragfähigen Kompromiss bereit sind. Man kann keinen Frieden unterschreiben, wenn der Vertragspartner unter „Kompromiss“ versteht, dass er bekommt, was er militärisch bislang nicht vollständig erobern konnte.
Selenskyjs gefährlichster Gegner sitzt vielleicht nicht in Moskau
Politisch gefährlich wird für Selenskyj deshalb weniger eine einzelne Personalentscheidung als der Eindruck, er entferne populäre Reformer, sobald diese zu eigenständig oder zu erfolgreich werden.
Mit Fedorow könnte er sich tatsächlich einen Konkurrenten geschaffen haben. Der ehemalige Minister lehnte angebotene Ersatzposten ab und erklärte, nur drei Funktionen ermöglichten einen echten Einfluss auf den Krieg: Verteidigungsminister, Oberbefehlshaber oder Präsident.
Deutlicher kann man kaum sagen: „Danke für die Entlassung – wir sehen uns möglicherweise auf dem Stimmzettel.“
Selenskyj wollte womöglich einen Machtfaktor beseitigen. Stattdessen lieferte er ihm kostenlos eine Protestbewegung, mediale Aufmerksamkeit und das Image eines politisch Verfolgten. Andere Parteien müssen jahrelang Wahlkampf machen. Fedorow brauchte dafür offenbar nur seine Entlassungsurkunde.
Fazit
Nein, aus den Protesten lässt sich nicht seriös ableiten, dass „das ukrainische Volk“ Selenskyj geschlossen satt hat. Seine Vertrauenswerte sind weiterhin beachtlich, und bei einer hypothetischen Wahl lag er zuletzt vor Fedorow. Gleichzeitig zeigen die Demonstrationen, dass der Präsident nicht mehr über der Kritik steht.
Die Ukrainer wollen nicht nur militärisch überleben. Sie wollen auch wissen, wie ihr Staat geführt wird, warum wichtige Entscheidungen getroffen werden und wie ein realistischer Weg zum Frieden aussehen könnte.
Selenskyj muss sich deshalb Fragen gefallen lassen – auch unbequeme. Ob er Chancen für Verhandlungen vertan hat, ob persönliche Machtinteressen seine Entscheidungen beeinflussen und ob er nach dem Krieg überhaupt noch der richtige Präsident ist, gehört zu einer demokratischen Debatte.
Nur eines sollte man dabei nicht vergessen: Den Krieg hat nicht Selenskyj begonnen. Und wer Frieden fordert, sollte mindestens ebenso laut denjenigen fragen, der ihn jederzeit durch den Rückzug seiner Truppen ermöglichen könnte.


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