Jahrelang galt der Minivan als rollende Kapitulation vor dem Familienalltag. Wer einen fuhr, hatte offenbar drei Kinder, sieben Trinkflaschen, Krümel in jeder Ritze und endgültig aufgehört, sich für ein aufregendes Leben zu interessieren. Nun entdecken ausgerechnet Millennials das ungeliebte Familienmobil neu – und erklären es auf TikTok zum fahrenden Wohnzimmer.
Dort werden Lounge-Sitze mit ausklappbaren Fußstützen präsentiert, 14-Zoll-Bildschirme vorgeführt und 18 Getränkehalter gefeiert. Der Kia Carnival, der Toyota Sienna oder der Chrysler Pacifica wirken plötzlich weniger wie „Mama-Taxis“ und mehr wie mobile Kommandozentralen für übermüdete Eltern.
Die Verkaufszahlen bestätigen den Trend. 2025 stieg der Absatz von Minivans in den USA um 21 Prozent auf fast 400.000 Fahrzeuge. Besonders gefragt ist der Toyota Sienna: Seine Verkäufe legten um 35 Prozent zu, und bei den Händlern bleibt er durchschnittlich nur etwa 18 Tage stehen.
Der Grund für die Wiederentdeckung ist erfreulich unspektakulär: Minivans sind praktisch. Schiebetüren verhindern, dass Kinder auf engen Parkplätzen das Nachbarauto neu gestalten. Die dritte Sitzreihe bietet auch größeren Kindern ausreichend Platz, und Gepäck verschwindet im Innenraum, ohne dass vorher ein Studium in Logistik erforderlich wäre.
Kelsey Spencer aus Illinois wollte nach eigener Aussage niemals einen Minivan fahren. Heute kann sich die Mutter von drei Töchtern ein Leben ohne ihren Kia Carnival Hybrid kaum vorstellen. Statt abfälliger Kommentare höre sie nun häufig die Frage, was das denn für ein cooles Auto sei.
Auch finanziell spricht einiges für die einstige Familienkutsche. Vergleichbare Minivans kosten im Durchschnitt rund 4.000 Dollar weniger als große SUV mit drei Sitzreihen. Im Juni 2026 lag der durchschnittliche Kaufpreis bei 48.908 Dollar. Ein großer SUV kostete dagegen im Schnitt beinahe 80.000 Dollar.
Trotzdem machen Minivans bislang nur rund 2,4 Prozent des amerikanischen Automarktes aus. Das liegt auch daran, dass Familien heute weniger Kinder haben und nicht jeder einen Kleinbus braucht, um zwei Personen und einen Einkauf nach Hause zu bringen.
SUV hatten den Minivan einst verdrängt, weil sie in der Werbung durch Wälder, Wüsten und Gebirge fuhren. Dass ihre Besitzer in der Realität hauptsächlich zwischen Supermarkt, Schule und Fußballtraining pendelten, störte offenbar niemanden. Abenteuer verkauft sich eben besser als eine elektrische Schiebetür.
Nun scheint die Vernunft zurückzuschlagen. Millennials romantisieren den Minivan, richten ihn gemütlich ein und genießen den Platz. Vielleicht ist das Fahrzeug also gar nicht plötzlich cool geworden. Vielleicht sind seine Käufer nur alt genug, um zu erkennen, dass Beinfreiheit, niedriger Verbrauch und 18 Getränkehalter manchmal interessanter sind als der Eindruck, jederzeit spontan durch einen Gebirgsfluss fahren zu können.


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