Im Gazastreifen wächst derzeit etwas, das weder Hoffnung noch Wiederaufbau ist, sondern vor allem Erde: kilometerlange Wälle, aufgeschüttet von der israelischen Armee. Laut Satellitenbildern, über die die Nachrichtenagentur AP berichtete, ziehen sich die Barrieren mittlerweile über rund 23 Kilometer durch ein Gebiet, das insgesamt nur etwa 40 Kilometer lang ist. Anders gesagt: In Gaza wird nicht nur Politik mit Grenzen gemacht, sondern inzwischen auch Geografie.
Die israelische Armee bestätigt den Bau. Man folge der sogenannten gelben Linie, jener Linie also, hinter die sich israelische Truppen nach dem Waffenstillstandsabkommen vom Oktober 2025 zurückgezogen hatten. Nur wirkt es auf Satellitenbildern offenbar so, als sei diese Linie an manchen Stellen ungefähr so flexibel wie ein politisches Versprechen vor der Wahl.
Offiziell dienen die Wälle der Sicherheit. Sie sollen verhindern, dass Personen eindringen, israelische Truppen schützen und auch israelische Ortschaften in Grenznähe absichern. Zusätzlich wurde eine „Sicherheitszone“ eingerichtet, ausgestattet mit nachrichtendienstlichen und technischen Mitteln. Das klingt nach moderner Militärsprache für: Wir bauen einen Erdwall, stellen Sensoren dazu und nennen es Sicherheitsarchitektur.
Für viele Palästinenserinnen und Palästinenser sieht das anders aus. Sie fürchten, dass aus einer angeblichen Übergangslösung ein Dauerzustand wird. Diese Sorge kommt nicht aus dem Nichts. Wer in einem ohnehin winzigen Küstenstreifen lebt und plötzlich sieht, wie Bulldozer Linien in die Landschaft ziehen, fragt sich naturgemäß, ob diese Linien irgendwann wieder verschwinden – oder ob sie demnächst in Beton gegossen und politisch als „Realität vor Ort“ bezeichnet werden.
Die Armee erklärt, man wolle den Verlauf der gelben Linie deutlicher markieren, um Reibungen zu verringern und unbeteiligte Menschen zu schützen. Das klingt vernünftig, wäre da nicht der Umstand, dass in der Vergangenheit zahlreiche Palästinenserinnen und Palästinenser getötet wurden, nachdem sie sich dieser Linie genähert hatten. Unter den Toten waren laut AP auch Kinder und Zivilisten, denen womöglich gar nicht klar war, wo genau diese Linie verläuft.
Man könnte also sagen: Erst wird eine Linie gezogen, dann wird sie nicht richtig sichtbar gemacht, dann werden Menschen erschossen, weil sie ihr zu nahe kommen, und anschließend erklärt man, man werde die Linie nun besser kennzeichnen. Das ist Sicherheitslogik mit Nachlieferung.
Der Bau schreitet jedenfalls zügig voran. Im Süden Gazas wuchs das Wallnetz im Juli innerhalb von nur zwei Wochen um zwei Kilometer. Wenn in diesem Tempo weitergebaut wird, könnte bald die Verbindung zum längsten Wall in Gaza geschlossen werden. Dieser verläuft über rund 17 Kilometer zwischen Chan Junis und Gaza-Stadt, etwa parallel zur israelischen Grenze. Im Norden sind weitere, noch nicht zusammenhängende Wälle nahe der fast vollständig zerstörten Stadt Beit Lahija zu sehen.
Auf der anderen Seite der Wälle ist das Bild nicht weniger drastisch. Satellitenaufnahmen zeigen laut AP, dass die israelische Armee große Teile der Bebauung dem Erdboden gleichgemacht hat. Orte wie Rafah seien praktisch ausgelöscht worden. Landwirtschaftliche Flächen wurden zerstört, neue Straßen und Stützpunkte entstanden auf Trümmern. Das Militär erklärt, man zerstöre Infrastruktur der Hamas. Für die Menschen, deren Häuser, Felder und Straßen dort lagen, dürfte diese Unterscheidung im Alltag allerdings wenig tröstlich sein.
Die gelbe Linie war ursprünglich als Übergangslösung gedacht. Doch Übergangslösungen haben in Konflikten häufig eine erstaunliche Lebensdauer. Was provisorisch beginnt, bleibt gerne so lange stehen, bis es als unvermeidlich gilt. Nach Angaben der „Zeit“ leben im israelisch kontrollierten Teil Gazas nur noch etwa 1.000 Palästinenserinnen und Palästinenser. Die rund zwei Millionen Bewohner des Gazastreifens drängen sich fast vollständig im westlichen, von der Hamas kontrollierten Gebiet. Die humanitäre Lage bleibt prekär.
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte im Frühjahr angeordnet, die Kontrolle über den Gazastreifen auf 70 Prozent auszuweiten. Die „Jerusalem Post“ schrieb, Israels Streitkräfte hätten die Hamas nach und nach auf rund 30 Prozent der Fläche zurückgedrängt. Als Begründung wird angeführt, die Hamas habe ihre vertraglich zugesicherte Entwaffnung nicht begonnen. Die Hamas wiederum erklärt, sie sei erst zu Teilschritten bereit, wenn Israel zumindest einen teilweisen Wiederaufbau zulasse.
So stehen sich beide Seiten gegenüber wie zwei Männer vor einem brennenden Haus, die darüber streiten, wer zuerst den Gartenschlauch anfassen darf.
Die Waffenruhe bleibt brüchig. Beide Seiten werfen einander Verstöße vor. Nach UNO-Angaben starben seit Oktober 2025 rund 1.100 Palästinenserinnen und Palästinenser bei israelischen Angriffen. Der Krieg begann mit dem Hamas-Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023, bei dem offiziellen israelischen Angaben zufolge 1.221 Menschen getötet und 251 als Geiseln verschleppt wurden. Israels anschließende Offensive kostete nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde in Gaza bis April 72.000 Menschen das Leben. Die Behörde unterscheidet dabei nicht zwischen Kämpfern und Zivilisten.
Am Ende bleibt ein bitteres Bild: In Gaza entstehen Wälle, wo eigentlich Wiederaufbau nötig wäre. Linien werden gezogen, wo Menschen ohnehin kaum noch Raum haben. Sicherheit wird versprochen, während Misstrauen wächst. Und eine Übergangslösung sieht aus der Luft immer mehr aus wie ein neuer Grenzverlauf.
Vielleicht ist das die eigentliche Satire dieses Krieges: Selbst Erde wird politisch.


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