In Österreich nähert sich die große Wehrpflichtreform offenbar dem Moment, in dem aus politischem Nebel endlich amtlicher Dunst wird. Schon am Montag könnte die Regierung beim Sommerministerrat in der Schwarzenbergkaserne in Salzburg präsentieren, wie der künftige Dienst am Vaterland aussehen soll. Also zumindest ungefähr. Denn wie immer, wenn mehrere Parteien dasselbe Thema anfassen, entsteht zunächst keine Lösung, sondern ein Verhandlungszustand mit Uniformkragen.
ÖVP und SPÖ scheinen sich weitgehend einig zu sein. Das allein ist in Österreich bereits eine Nachricht mit Seltenheitswert. Schwieriger wird es bei den NEOS. Die hätten lieber ein Freiwilligenmodell. Das klingt moderner, freundlicher und irgendwie nach Start-up-Präsentation: „Bundesheer 2.0 – jetzt auch ohne verpflichtendes Onboarding.“
Die Wehrpflichtkommission sieht das weniger locker. Sie empfiehlt die Variante „Österreich plus“. Der Name klingt wie ein Streamingabo für Staatsbürgerpflichten: acht Monate Grundwehrdienst, dazu zwei Monate verpflichtende Milizübungen. Wer also bisher dachte, sechs Monate seien lang genug, darf sich künftig womöglich über ein erweitertes Premium-Paket freuen. Mehr Zeit in Tarnfarbe, mehr Struktur im Leben, mehr Gelegenheit, den Unterschied zwischen Befehl und höflicher Empfehlung zu verinnerlichen.
Analog dazu soll auch der Zivildienst ausgeweitet werden. Das ist politisch nur konsequent. Wenn die einen länger marschieren, dürfen die anderen auch länger Betten schieben, Essen ausgeben oder Rettungsautos von innen kennenlernen. Gleichbehandlung muss schließlich sein, auch wenn sie sich anfühlt wie eine Verlängerung der Wartezeit im Amt.
Aus dem Verteidigungsapparat selbst werden die Stimmen inzwischen lauter. Der burgenländische Militärkommandant Gernot Gasser bekräftigte seine Forderung nach acht plus zwei Monaten. Das Bundesheer sagt also sinngemäß: Wir brauchen mehr Zeit mit den jungen Leuten. Die jungen Leute sagen vermutlich: Wir hätten da auch noch Studium, Lehre, Job, Leben und vielleicht irgendwann Urlaub.
Natürlich lässt sich die Debatte auch sicherheitspolitisch begründen. Europa ist unruhiger geworden, die Landesverteidigung wieder ein Thema, und das Bundesheer möchte nicht erst dann über Personal nachdenken, wenn der Ernstfall schon mit Navi vor der Kaserne steht. Gleichzeitig weiß die Politik: Eine längere Wehrpflicht verkauft sich bei jungen Männern ungefähr so leicht wie ein Handyvertrag mit Mindestlaufzeit bis zur Pension.
Deshalb wird nun gefeilscht. Freiwilligkeit gegen Pflicht, sechs Monate gegen acht plus zwei, Bundesheer gegen Lebensplanung. Am Ende dürfte ein Modell herauskommen, das alle irgendwie mittragen können und niemand so richtig liebt. Das ist in Koalitionen bekanntlich die höchste Form der Einigung.
Vielleicht heißt es dann tatsächlich „Österreich plus“. Vielleicht aber auch „Kompromiss klassisch“, „Dienstpflicht medium“ oder „Bitte nicht vor der nächsten Wahl darüber reden“.
Sicher ist nur: Die Reform soll bald stehen. Und wenn sie steht, wird vermutlich sofort darüber gestritten, ob sie auch hält.


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