Beim Wiener Marktamt herrscht offenbar Hochbetrieb – zumindest in den Kommentarspalten.

Beim Wiener Marktamt herrscht offenbar Hochbetrieb – zumindest in den Kommentarspalten.

Veröffentlicht

Mittwoch, 22.07.2026
von Red. TB

Nach Recherchen der Wochenzeitung „Falter“ soll Alexander Hengl, Vizechef und Sprecher des Marktamts, mit erfundenen Facebook-Profilen Werbung für Wiens Märkte gemacht haben. Die Stadt Wien prüft die Vorwürfe.

Im Mittelpunkt stehen unter anderem „Edi Talinger“ und „Stefanie Weber“. Beide zeigen sich in sozialen Netzwerken auffallend begeistert von Veranstaltungen des Marktamts. Besonders beliebt scheint die Formulierung „Wird wieder mega“ zu sein.

So viel spontane Begeisterung aus unterschiedlichen Bevölkerungsschichten ist natürlich erfreulich. Etwas weniger erfreulich wäre nur, wenn alle Bevölkerungsschichten von derselben Tastatur stammen.

Begeisterung nach Dienstplan

Die mutmaßlichen Profile kommentierten Beiträge des Marktamts, lobten Veranstaltungen und sorgten damit für jene lebendige Bürgernähe, die sich Behörden normalerweise mühsam mit Informationsständen, Flyern und echten Menschen erarbeiten müssen.

Sollten die Vorwürfe stimmen, hätte das Marktamt einen effizienteren Weg gefunden: Man schafft sich das Publikum einfach selbst.

Das spart Zeit, Kritik und unangenehme Rückfragen. Ein Fake-Account beschwert sich schließlich selten über Standgebühren oder fehlende Toiletten. Er schreibt zuverlässig: „Mega.“

Mehrere Beamte sollen Hengl als möglichen Urheber der Profile genannt haben. Ein solches Vorgehen könnte gegen die Wiener Medienverordnung verstoßen.

Hengl selbst wollte die Vorwürfe zunächst nicht kommentieren. Das ist verständlich. Vielleicht wartet er noch ab, was Edi Talinger dazu auf Facebook schreibt.

Die Stadt prüft – seit Ende Juni

Die Magistratsdirektion bestätigte eine interne Prüfung. Seit Ende Juni beschäftige man sich mit den Vorwürfen.

Während des laufenden Verfahrens wolle die Stadt keine weiteren Angaben machen. Auch das gehört zur bewährten Verwaltungstradition: Online geht alles „mega“, offline wird erst einmal sorgfältig geprüft.

Die Angelegenheit trifft das Marktamt in einer ohnehin unruhigen Phase. Der bisherige Leiter Andreas Kutheil ist zurückgetreten. Gegen ihn wurden Vorwürfe wegen Mobbings und Rassismus erhoben.

Nun geht es zusätzlich um mögliche Scheinprofile und angeblich geschönte Besucherzahlen.

Das Wiener Marktamt entwickelt sich damit zunehmend von einer Behörde zur multimedialen Erlebniswelt: Personaldrama, Zahlenrätsel und digitale Statisten inklusive.

Besucherzahlen womöglich besonders gut gereift

Die Wiener FPÖ wirft dem Marktamt zusätzlich vor, Besucherzahlen wiederholt geschönt zu haben. Ob dabei echte Gäste, digitale Unterstützer oder besonders optimistische Schätzungen gezählt wurden, soll nun geklärt werden.

FPÖ-Chef Dominik Nepp fordert volle Transparenz und eine Sondersitzung des Gemeinderats.

Damit steht fest: Während normale Wienerinnen und Wiener auf dem Markt Gemüse, Käse und Brot kaufen, beschäftigt sich die Politik künftig mit der Frage, ob auch die Kundschaft aus regionalem Anbau stammt.

Auch die Grünen verlangen eine umfassende Aufklärung. Geklärt werden müsse, wer wann was gewusst habe und ob Fälle von Machtmissbrauch, Rassismus oder Sexismus vertuscht worden seien.

Das klingt nach deutlich mehr Arbeit als ein kurzer Kommentar von Stefanie Weber. Aber vielleicht schreibt sie auch dazu noch: „Das wird wieder mega.“

Der perfekte Marktbesucher

Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, hätte das Marktamt den idealen Bürger erfunden.

Er besucht jede Veranstaltung, lobt jeden Beitrag, stellt keine kritischen Fragen und stimmt sprachlich perfekt mit anderen zufriedenen Bürgern überein.

So einen Kunden findet man auf echten Märkten nur selten.

Bis zum Abschluss der Prüfung gilt jedoch die Unschuldsvermutung. Edi Talinger und Stefanie Weber dürfen sich also weiterhin auf die Lange Nacht der Wiener Märkte freuen.

Ob sie dort persönlich erscheinen, bleibt vermutlich die spannendste Frage des Sommers.

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David_Miram (CC0), Pixabay

von Autor: Red. TB
am: Mittwoch, 22.07.2026

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