Dong Guangping wollte China verlassen. Da ihm der reguläre Weg offenbar zu unkompliziert erschienen wäre, entschied sich der 68-Jährige für die staatlich indirekt empfohlene Alternative: ein 3,3 Meter langes Schlauchboot, mehr als 300 Kilometer offenes Meer und ein Handy-Akku mit ungefähr derselben Lebenserwartung wie politische Kritik in einem autoritären System.
Vierzig Stunden lang trieb Dong über das Gelbe Meer. Er hatte kaum geschlafen, war sonnenverbrannt und orientierte sich mit einem digitalen Kompass. Ein erstaunlich zuverlässiges Navigationssystem – zumindest im Vergleich zu einem Staat, der seine Bürger zwar überall überwachen kann, aber offenbar große Schwierigkeiten damit hat, ihnen eine legale Ausreise zu ermöglichen.
„Ich musste in die freie Welt“, erklärte Dong später. Eine nachvollziehbare Entscheidung, schließlich hatte er bereits mehrfach Gelegenheit bekommen, das chinesische Gefängnissystem von innen kennenzulernen.
Vom Polizisten zum Staatsfeind durch Unterschrift
Dong arbeitete 13 Jahre lang als Polizist. 1999 verlor er seine Stelle, nachdem er eine Petition zum Gedenken an die Niederschlagung der Tiananmen-Proteste unterschrieben hatte. Damit hatte er offenbar gegen eine zentrale Dienstvorschrift verstoßen: Geschichte darf erinnert werden – allerdings nur in der offiziell genehmigten Version.
2001 wurde er wegen „Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt“ zu drei Jahren Haft verurteilt. Ein bemerkenswert belastbarer Staat, der sich bereits durch eine Unterschrift existenziell bedroht fühlt.
2014 folgte eine weitere Haftstrafe, erneut wegen einer Gedenkveranstaltung. Die chinesischen Behörden bewiesen damit Konsequenz: Wer aus der Vergangenheit nicht die staatlich vorgesehenen Lehren zieht, darf sie offenbar mehrfach im Gefängnis wiederholen.
Vier Fluchtversuche, mehrere Abschiebungen und keinerlei Kundenservice
Dong versuchte wiederholt, China zu verlassen. 2015 gelangte er mit seiner Familie nach Thailand, wurde von den Vereinten Nationen als Flüchtling anerkannt und sollte nach Kanada ausreisen.
Kurz vor dem Abflug wurde er jedoch nach China abgeschoben. Dort erhielt er dreieinhalb Jahre Haft – vermutlich als staatliches Bonusprogramm für besonders reisefreudige Bürger.
Später versuchte er, schwimmend eine taiwanische Insel zu erreichen. Chinesische Fischer griffen ihn auf und übergaben ihn der Polizei. Auch ein zweijähriger Aufenthalt im vietnamesischen Untergrund endete mit seiner Rückführung und einer weiteren Gefängnisstrafe.
Man könnte sagen: Dong verfügte über außergewöhnliche Ausdauer. Die Behörden allerdings auch.
Mit wenigen Stunden Übung über das Meer
Im Mai wagte Dong schließlich seinen bislang riskantesten Versuch. Mit nur wenigen Stunden Erfahrung im Bootfahren startete er von der Provinz Shandong aus über das Gelbe Meer.
Ursprünglich wollte er bis nach Japan gelangen. Wegen des schlechten Wetters entschied er sich jedoch für Südkorea – eine spontane Kurskorrektur, die im Gegensatz zur chinesischen Innenpolitik tatsächlich funktionierte.
Während der Fahrt schlief er kurz ein und entging nur knapp dem Zusammenstoß mit einem Frachtschiff. Nach eigener Aussage hätten weitere 20 Sekunden Schlaf tödlich enden können.
Damit war das Frachtschiff nach Jahren der Verfolgung vermutlich die erste Gefahr, die Dong nicht wegen seiner politischen Überzeugungen bedrohte.
Rettung in Südkorea, Freiheit in Kanada
Nachdem Dong ein Fischerboot entdeckt hatte, rief er um Hilfe. Er wurde schließlich in südkoreanischen Gewässern gerettet, kurzzeitig festgehalten und später nach Kanada gebracht, wo seine Familie lebt.
Als er sein Flugticket nach Toronto erhielt, war er tief bewegt. Nach mehreren Gefängnisaufenthalten, Abschiebungen und gescheiterten Fluchtversuchen genügte am Ende ein kleines Stück Papier, um ihn in die Freiheit zu bringen.
Es war allerdings kein chinesisches Ausreisedokument.
Besonders schwer fällt Dong der Abschied von seiner 95-jährigen Mutter. Er hatte ihr nichts von seinem Plan erzählt und fürchtet, seine Pflichten als Sohn nicht mehr erfüllen zu können.
So endet seine Flucht mit einem bitteren Widerspruch: Um endlich frei leben zu können, musste er alles zurücklassen, was ihm vertraut war.
Die chinesische Regierung erklärte unterdessen, sie behandle Ein- und Ausreisen „im Einklang mit dem Gesetz“. Das dürfte stimmen. Die entscheidende Frage ist nur, für wen dieses Gesetz eigentlich gemacht wurde.


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