Infantino denkt über 64er-WM nach – warum eigentlich nicht gleich jedes Jahr?

Infantino denkt über 64er-WM nach – warum eigentlich nicht gleich jedes Jahr?

Veröffentlicht

Montag, 13.07.2026
von Red. TB

Gianni Infantino hat die Tür für eine Fußball-Weltmeisterschaft mit 64 Mannschaften geöffnet.

Das klingt zunächst gewaltig. Andererseits ist die WM gerade erst von 32 auf 48 Teams angewachsen, und wenn etwas größer geworden ist, ohne sofort vollständig zusammenzubrechen, lautet die logische Reaktion im modernen Fußball offenbar: noch größer.

Der FIFA-Präsident möchte die Pläne nach dem Turnier prüfen lassen. Schließlich müsse eine Weltmeisterschaft „für die ganze Welt“ da sein.

Eine nachvollziehbare Idee.

Allerdings stellt sich die Frage: Wenn wirklich möglichst alle teilnehmen, möglichst viele Spiele sehen und möglichst viele Verbände Geld erhalten sollen – warum veranstalten wir die WM dann nicht einfach jedes Jahr?

Jede Nation soll träumen dürfen

Infantino betont, jedes Land müsse davon träumen können, an einer Weltmeisterschaft teilzunehmen.

Bei 64 Teams würde fast ein Drittel aller 211 FIFA-Mitglieder bei der Endrunde dabei sein. Der Traum wäre damit deutlich leichter zu erreichen.

Früher bestand der Traum darin, sich gegen starke Gegner zu qualifizieren.

Künftig könnte er darin bestehen, bei der Auslosung nicht versehentlich übersehen zu werden.

Je mehr Teams teilnehmen, desto inklusiver wird das Turnier. Verfolgt man diese Entwicklung konsequent weiter, müsste irgendwann jedes FIFA-Mitglied eingeladen werden.

Dann wäre die Qualifikation endlich gerecht: Niemand scheidet aus, niemand ist enttäuscht und jeder Verband kann bereits Jahre vorher eine Unterkunft reservieren.

48 Mannschaften waren ein riesiger Erfolg

Die erste WM mit 48 Teams sei laut Infantino ein „großer Erfolg“ gewesen.

Als Beleg verweist er darauf, dass neun von zehn afrikanischen Mannschaften die K.-o.-Runde erreicht hätten. Bei der vorherigen Weltmeisterschaft seien nur fünf afrikanische Teams überhaupt dabei gewesen.

Mehr Startplätze führen also zu mehr Teilnehmern. Diese statistische Erkenntnis dürfte die FIFA in ihren Überlegungen bestärkt haben.

Wenn zehn afrikanische Teams erfolgreich sind, könnten 20 möglicherweise doppelt so erfolgreich sein.

Und wenn alle teilnehmen, erreicht garantiert eine beträchtliche Anzahl die nächste Runde – vorausgesetzt, die nächste Runde ist groß genug.

Qualität steigt überall

Infantino erklärt außerdem, die Qualität des Fußballs steige weltweit.

Das mag stimmen. Ob daraus zwingend folgt, dass eine Weltmeisterschaft künftig 64 Teams und möglicherweise 128 Spiele benötigt, ist eine andere Frage.

Viele Restaurants kochen ebenfalls sehr gut. Trotzdem werden nicht automatisch alle in ein einziges Gebäude verlegt und über sechs Wochen gleichzeitig geöffnet.

Die FIFA betrachtet sportliche Qualität jedoch offenbar wie eine internationale Gästeliste: Wenn viele gut sind, sollten einfach alle kommen.

128 Spiele für ein einziges Turnier

Eine WM mit 64 Mannschaften könnte 128 Spiele umfassen.

Das wären genügend Partien, um selbst begeisterte Fußballfans irgendwann die Frage stellen zu lassen, ob Gruppe Q bereits abgeschlossen ist oder erst nach dem dritten Ruhetag beginnt.

Der Spielplan könnte morgens starten und kurz vor Mitternacht enden.

Wer alles sehen möchte, müsste Urlaub nehmen, seinen Schlafrhythmus aufgeben und familiäre Kontakte auf die Zeit nach dem Finale verschieben.

Vielleicht wäre genau deshalb eine jährliche WM sinnvoll. Dann müsste man sich gar nicht mehr an ein Leben ohne Turnier gewöhnen.

Die WM für die ganze Welt – verteilt über die ganze Welt

Die Weltmeisterschaft 2030 soll hauptsächlich in Spanien, Portugal und Marokko stattfinden. Drei Eröffnungsspiele sind zusätzlich in Argentinien, Uruguay und Paraguay geplant.

Damit wird in sechs Ländern auf zwei Kontinenten gespielt.

Das ist weniger ein Turnier als eine internationale Pauschalreise mit Ball.

Die zusätzlichen Spiele in Südamerika sollen das hundertjährige Jubiläum der Weltmeisterschaft würdigen. Uruguay war 1930 Gastgeber der ersten Austragung.

Statt dort eine Gedenkveranstaltung abzuhalten, fliegt man mehrere Mannschaften und ihren gesamten Begleittross über den Atlantik und anschließend wieder zurück.

Tradition muss schließlich auch ökologisch sichtbar sein.

Saudi-Arabien darf schon einmal nachrechnen

Die Weltmeisterschaft 2034 soll in Saudi-Arabien stattfinden.

Wie das Land ein Turnier mit 64 Teams und 128 Spielen ausrichten könnte, ist derzeit unklar.

Vermutlich wird sich eine Lösung finden. Im internationalen Spitzenfußball gelten infrastrukturelle Probleme meist nur so lange als Probleme, bis genügend Geld in ihre Richtung bewegt wird.

Eine größere WM benötigt mehr Stadien, mehr Hotels, mehr Trainingsplätze, mehr Flüge, mehr Sicherheitskräfte und mehr Klimatisierung.

Die FIFA nennt das Herausforderung.

Andere könnten es Größenwahn mit Spielplan nennen.

Europa findet die Idee schlecht

UEFA-Präsident Aleksander Čeferin hält eine WM mit 64 Mannschaften für eine schlechte Idee. Sie könne sowohl das Turnier als auch die Qualifikation beschädigen.

Auch der Präsident des asiatischen Verbandes warnt vor Chaos.

Der Chef des nord- und mittelamerikanischen Verbandes meint, die Idee fühle sich nicht richtig an und könne das gesamte Fußballsystem belasten.

Damit lehnen mehrere führende Funktionäre die Erweiterung ab.

Die FIFA wird den Vorschlag deshalb selbstverständlich gründlich prüfen.

Im internationalen Fußball bedeutet breite Kritik schließlich nicht automatisch das Ende einer Idee. Manchmal bedeutet sie nur, dass noch nicht alle Beteiligten von den finanziellen Vorteilen überzeugt wurden.

Größere WM, größere Einnahmen

Eine WM mit mehr Teilnehmern bringt mehr Spiele.

Mehr Spiele bringen mehr Fernsehrechte.

Mehr Fernsehrechte bringen mehr Werbung.

Mehr Werbung bringt mehr Einnahmen.

Und mehr Einnahmen können an die Mitgliedsverbände verteilt werden.

Damit besitzt die 64er-WM ein Argument, das in der FIFA erfahrungsgemäß besonders aufmerksam gehört wird.

Mehr Ländern die Teilnahme zu ermöglichen, ist eine schöne Vorstellung.

Mehr Geld an mehr Verbände zu verteilen, ist offenbar eine noch schönere.

Der perfekte Wahlkampf

Für Infantino wäre eine Erweiterung politisch attraktiv.

Viele Verbände würden zusätzliche Startplätze erhalten und damit eine realistischere Chance auf eine WM-Teilnahme bekommen.

Wer über die Zukunft des FIFA-Präsidenten mitentscheidet, könnte sich an diese Großzügigkeit erinnern.

Es handelt sich natürlich nicht um Stimmenkauf.

Es ist lediglich eine weltweit gerechtere Verteilung sportlicher Hoffnung – mit angenehmen organisatorischen Nebeneffekten.

Was kommt nach 64?

Die Entwicklung ist klar:

1998 wurde die Weltmeisterschaft auf 32 Teams erweitert.

2026 sind es 48.

Nun werden 64 diskutiert.

Bleibt dieses Wachstum stabil, könnten in einigen Jahren 80, 96 oder 128 Mannschaften antreten.

Bei 128 Teams wären mehr als die Hälfte aller FIFA-Mitglieder dabei.

Die Qualifikation könnte auf eine kurze Überprüfung reduziert werden:

Existiert das Land?

Besitzt es einen Fußballverband?

Kann es rechtzeitig anreisen?

Herzlichen Glückwunsch zur WM-Teilnahme.

Warum nicht jedes Jahr?

An diesem Punkt drängt sich die eigentliche Frage auf:

Warum findet die Fußball-Weltmeisterschaft noch immer nur alle vier Jahre statt?

Wenn die WM für die ganze Welt sein soll, wenn mehr Spiele mehr Einnahmen bringen und wenn nahezu jedes Land regelmäßig teilnehmen darf, wäre ein jährlicher Wettbewerb doch nur konsequent.

2026 die normale WM.

2027 die Jubiläums-WM.

2028 die Sommer-WM.

2029 die Zwischen-WM.

2030 die Sechs-Länder-WM.

2031 die WM zur Erholung von der letzten WM.

Dazwischen könnten weiterhin Europameisterschaft, Copa América, Nations League, Klub-WM, Champions League und nationale Wettbewerbe stattfinden.

Die Spieler bräuchten dann möglicherweise neue Beine, aber auch dafür dürfte sich ein Sponsor finden.

Fußball ohne Pause

Die FIFA spricht gerne davon, den Fußball globaler zu machen.

Doch der Fußball ist längst global. Er wird überall gespielt, verfolgt und vermarktet.

Die größere Herausforderung besteht inzwischen nicht darin, noch mehr Fußball anzubieten, sondern gelegentlich einen Moment zu finden, in dem keiner stattfindet.

Eine 64er-WM wäre größer, länger und lukrativer.

Ob sie dadurch auch besser würde, bleibt offen.

Aber vielleicht ist „besser“ längst nicht mehr das entscheidende Kriterium.

Vielleicht lautet das eigentliche Motto der FIFA:

Nach der WM ist vor der größeren WM.

Und irgendwann ist während der WM bereits wieder vor der nächsten.

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planet_fox (CC0), Pixabay

von Autor: Red. TB
am: Montag, 13.07.2026

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