Die Welt atmet auf. Die Börsen steigen. Der Ölpreis fällt. Donald Trump erklärt den Konflikt mit dem Iran praktisch für gelöst. Und die Experten?
Die schauen sich das Ganze an, blättern durch die wenigen bekannten Details des Abkommens und stellen fest: Die schwierigsten Fragen wurden offenbar erfolgreich auf später verschoben.
Historischer Durchbruch oder gut verpackte Vertagung?
Die USA und der Iran haben sich auf ein Rahmenabkommen geeinigt. Das klingt zunächst nach Weltfrieden, Nobelpreis und Sonderangeboten an den Tankstellen.
Beim genaueren Hinsehen zeigt sich allerdings, dass viele zentrale Streitpunkte weiterhin ungelöst sind.
Das iranische Atomprogramm? Später.
Die Rolle der Hisbollah? Später.
Raketen und Drohnen? Später.
Regionale Konflikte? Ebenfalls später.
Diplomaten sprechen von einem ersten Schritt. Kritiker sprechen von einem Dokument, das vor allem regelt, worüber man künftig noch streiten wird.
Trump verkündet Frieden – und droht gleichzeitig mit Krieg
Besonders elegant wirkt die amerikanische Strategie.
Einerseits wird ein Friedensabkommen gefeiert.
Andererseits erklärt Trump bereits vorsorglich, dass neue Militärschläge drohen könnten, falls es kein endgültiges Abkommen gibt.
Politische Beobachter sprechen hier von einer innovativen Mischung aus Diplomatie und Erinnerungshilfe.
Der Libanon: Das ungeladene Familienmitglied
Während die USA und der Iran über Frieden sprechen, sitzt der Libanon weiterhin wie ein ungeladener Verwandter am Tisch.
Iran verknüpft die Einigung mit einem Ende der Kämpfe zwischen Israel und der Hisbollah.
Israel wiederum signalisiert, dass man militärisch bleiben möchte, wo man militärisch ist.
Die Hisbollah hat ihre eigene Meinung.
Kurz gesagt: Die Beteiligten haben sich auf Frieden geeinigt. Jetzt fehlt nur noch die Zustimmung der Beteiligten.
Niemand kann sich den Krieg leisten – außer vielleicht die Schlagzeilen
Der österreichische Iran-Experte Walter Posch sieht dennoch einen wichtigen Fortschritt.
Seiner Ansicht nach könne sich mittlerweile niemand mehr diesen Konflikt leisten.
Das gilt insbesondere für die Weltwirtschaft, die zuletzt nervös auf jede Bewegung in der Straße von Hormus reagierte.
Ölhändler entwickeln mittlerweile vermutlich Herzrasen, sobald jemand im Iran das Wort „Blockade“ auch nur buchstabiert.
Der Gewinner heißt ausgerechnet Iran?
Während viele Beobachter den Krieg ursprünglich als Niederlage Teherans betrachteten, kommt Iran-Experte Ali Vaez zu einem überraschenden Schluss.
Seiner Ansicht nach hat der Konflikt einen stärkeren und gefährlicheren Iran hervorgebracht.
Das Regime habe gelernt, dass es die Weltwirtschaft mit der Straße von Hormus in Geiselhaft nehmen könne.
Außerdem habe die Führung festgestellt, dass sie selbst einen militärischen Schlag der USA und Israels überstehen kann.
Anders formuliert:
Man wollte den Iran einschüchtern.
Am Ende verlor möglicherweise der Iran seine Angst.
Hardliner freuen sich
Besonders erfreulich verlief der Konflikt offenbar für die Hardliner in Teheran.
Neue Machtzentren rund um die Revolutionsgarden gewannen an Einfluss.
Moderate Stimmen wurden schwächer.
Das Ergebnis erinnert ein wenig an einen Hausbrand, bei dem man eigentlich die Küche retten wollte und anschließend feststellt, dass nun die Feuerwehr das Wohnzimmer übernommen hat.
Börsen feiern schon mal vorsorglich
Während Experten warnen, Politiker diskutieren und Analysten skeptisch bleiben, haben die Finanzmärkte ihre Entscheidung bereits getroffen.
Die Börsen legten zu.
Der Ölpreis fiel.
Anleger verhalten sich derzeit ungefähr wie Kinder, die schon den Geburtstagskuchen essen, obwohl noch niemand weiß, ob die Party überhaupt stattfindet.
Fazit
Das neue Iran-Abkommen wird von Optimisten als historischer Durchbruch gefeiert.
Pessimisten sehen darin eine diplomatische Version von „Wir reden später darüber“.
Und Realisten stellen fest:
Der Krieg ist vielleicht vorbei.
Die Probleme sind es nicht.
Aber immerhin haben jetzt alle etwas Zeit gewonnen, um darüber zu diskutieren, wer eigentlich gewonnen hat.


0 Kommentare