Sie wirken auf den ersten Blick harmlos, fast verspielt – wie Szenen aus einem überdrehten Lego-Film. Doch hinter den bunten, rasanten KI-Clips steckt eine neue und erstaunlich wirksame Form digitaler Propaganda. Die Videos zeigen sterbende Kinder, Kampfflugzeuge, Donald Trump, zerstörte Städte und inszenieren den Iran als moralischen Widerstandskämpfer gegen die USA. Experten warnen: Das ist kein Internet-Klamauk, sondern hochmoderne Einflussnahme mit enormer Reichweite.
Im BBC-Podcast Top Comment sprach die Redaktion mit einem Vertreter von Explosive Media, einem der zentralen Accounts hinter den viralen Clips. Der Mann, der sich nur „Mr Explosive“ nennen lassen wollte, behauptete zunächst, sein Unternehmen sei unabhängig. Im weiteren Gespräch räumte er dann ein, dass das iranische Regime sehr wohl ein „Kunde“ sei – ein bemerkenswert offenes Eingeständnis.
Die Videos arbeiten mit einer klaren Erzählung: Der Iran erscheint als Opfer und zugleich als aufrechter Kämpfer gegen einen übermächtigen Unterdrücker – die Vereinigten Staaten. Die Machart ist bewusst plakativ, grell und emotional. Gerade das scheint ihre Wirkung auszumachen. Millionenfach werden die Clips geteilt, kommentiert und weiterverbreitet.
Die Inhalte sind oft drastisch und politisch hoch aufgeladen. Donald Trump stürzt in einem Video durch einen Wirbel aus „Epstein-Akten“, in einem anderen wird George Floyd eingeblendet, um den Iran als Stimme der Unterdrückten zu inszenieren. Die Botschaft ist simpel, aber effektiv: Amerika steht für Gewalt und Verfall, Iran für Wahrheit und Widerstand.
Propagandaexpertin Emma Briant hält den Begriff „Slopaganda“ – also KI-Schrott mit politischer Botschaft – für viel zu harmlos. Aus ihrer Sicht handelt es sich um hochgradig professionelle, kulturell präzise und strategisch wirksame Desinformation. Die Clips sollen im Verlauf des Krieges Hunderte Millionen Aufrufe erreicht haben.
Besonders perfide: Die Videos sind voller Falschinformationen, aber sie wirken vertraut und zugänglich. Ein Beispiel ist ein Clip, in dem das iranische Militär einen abgeschossenen US-Piloten festnimmt. Tatsächlich wurde der Pilot nach US-Angaben längst von Spezialkräften gerettet und nach Kuwait gebracht. „Mr Explosive“ bestreitet das dennoch und verbreitet stattdessen die Behauptung, die Mission habe in Wahrheit dem Diebstahl von Uran gedient.
Genau darin liegt die neue Gefahr: Diese Clips liefern keine klassische Propaganda mehr, sondern alternative Realitäten. Sie schaffen Narrative, die in sozialen Netzwerken sofort Anschluss finden – besonders im englischsprachigen Raum. Einzelne Influencer übernahmen die Darstellung bereits als vermeintliche Wahrheit.
Laut Experten ist das ein Wendepunkt. Autoritäre Staaten wie der Iran können mit Hilfe von KI heute erstmals direkt, schnell und kulturell passgenau westliche Zielgruppen ansprechen. Die Systeme sind mit westlichen Daten trainiert, kennen unsere Bildsprache, unsere Popkultur, unsere Plattformen – und produzieren Inhalte, die sich anfühlen wie Unterhaltung, obwohl sie politische Waffen sind.
Die Cyberkriegsexpertin Tine Munk spricht von einer neuen Form „memetischer Kriegsführung“: Propaganda nicht mehr als plumpe Staatsbotschaft, sondern als flüssiger Strom aus Memes, Clips und emotionalen Mini-Narrativen. Schnell, aggressiv, algorithmisch optimiert.
Seit Beginn des US-Iran-Krieges haben die Videos deutlich an Reichweite und Raffinesse gewonnen. Sie zeigen detailgenau reale Orte in der Golfregion – Flughäfen, Kraftwerke, Industrieanlagen – und stellen sie als völlig zerstört dar, obwohl die tatsächlichen Schäden oft deutlich geringer sind. Die Clips erscheinen teils fast in Echtzeit, manchmal sogar noch vor offiziellen Bestätigungen.
Besonders brisant ist, dass „Mr Explosive“ die Zusammenarbeit mit dem iranischen Staat nicht nur einräumt, sondern offen verteidigt. Es sei „ehrenhaft“, für das Heimatland zu arbeiten, sagt er. Gleichzeitig verharmlost er die brutale Repression im Iran und bezeichnet frühere Massenproteste gegen das Regime als von Trump gesteuerten „Putsch“.
Auch den Vorwurf antisemitischer Motive weist er zurück. Die Videos seien nicht antisemitisch, sondern „anti-zionistisch“. Dass Israels Premier Benjamin Netanjahu darin Blut trinkt, sei lediglich eine Darstellung seiner „Gräueltaten“.
Die Ironie ist offensichtlich: Während die meisten Iranerinnen und Iraner wegen des landesweiten Internet-Shutdowns kaum online gehen können, produziert eine kleine, privilegierte Gruppe professionell inszenierte KI-Propaganda für das Ausland – mit staatlichem Zugang, staatlicher Duldung und offenbar staatlichem Auftrag.
Soziale Netzwerke versuchen zwar, entsprechende Accounts zu sperren. Doch neue Profile tauchen fast sofort wieder auf. Für Experten ist klar: Das ist kein kurzfristiger Trend, sondern eine neue Realität.
Denn diese Form von Propaganda umgeht alles, was früher noch bremsen konnte: Redaktionen, Faktenchecks, journalistische Einordnung, klassische Diplomatie. Stattdessen zählt nur noch, was klickt, emotionalisiert und sich viral verbreitet.
Die eigentliche Pointe ist bitter:
Propaganda kommt heute nicht mehr im grauen Staatsfernsehen daher, sondern in Spielzeugoptik. Sie klingt wie TikTok, sieht aus wie Unterhaltung und verbreitet Lügen schneller, als seriöse Medien sie einfangen können.
Oder anders gesagt:
Was aussieht wie Lego, ist in Wahrheit Kriegsführung mit Kinderzimmerästhetik.

