Es ist beruhigend zu sehen, dass die Menschheit auch im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz ihre Prioritäten nicht verloren hat.
Jahrzehntelang haben kluge Köpfe an Algorithmen, neuronalen Netzen und maschinellem Lernen gearbeitet, Milliarden wurden investiert, ganze Tech-Konzerne träumten von medizinischen Durchbrüchen, wissenschaftlichen Revolutionen und einer neuen Ära menschlicher Erkenntnis.
Und was macht das Internet daraus?
Eine aggressive Gurke brüllt im Badezimmer eine Aprikose an, weil irgendwo kein Salz mehr da ist, dann vögelt die Aprikose mit einer notgeilen Aubergine und bringt im Krankenhaus Auberginen-Zwillinge zur Welt.
Willkommen im Fortschritt.
Auf TikTok und Instagram kursieren derzeit massenhaft KI-generierte Clips, in denen sprechende Früchte mit Menschenkörpern die ganz großen Themen des Lebens verhandeln: Liebe, Eifersucht, Betrug, Schwangerschaft, Hass, Erniedrigung, Gewalt und medizinische Falschinformationen. Also ungefähr das, was entsteht, wenn man eine Daily Soap, einen Fiebertraum und die Kommentarspalte eines Incel-Forums in einen Mixer wirft.
Das Erfolgsrezept ist stets ähnlich, denn warum kreative Vielfalt, wenn man auch stumpfe Wiederholung mit Reichweite monetarisieren kann?
Eine muskulöse Gurke mit tiefer Stimme tritt auf wie der personifizierte WhatsApp-Status eines toxischen Ex-Freunds.
Daneben eine Aprikose mit Frauenkörper, Kleid und exakt jener erzählerischen Würde, die Frauen in solchen Clips üblicherweise zugeteilt bekommen: keine.
Die Gurke brüllt:
„Haben wir kein Salz mehr oder was?“
Die Aprikose sagt: „Ne.“
Die Gurke kommandiert sie rüber zu Uwe, dem Nachbarn.
Uwe ist – natürlich – eine Aubergine mit langer Zunge.
Weil subtil inzwischen offenbar gegen die Plattformregeln verstößt.
Was folgt, ist digitale Hochkultur:
Die Aprikose will eigentlich nur Salz, fragt dann aber doch lieber nach einem Quickie, wird schwanger, der Gurken-Mann ahnt nichts, dann kommt das große Krankenhausfinale – und zack:
Die Babys sind Auberginen.
Der Gurken-Mann rastet aus.
Die Zuschauer klicken begeistert weiter.
Der Algorithmus flüstert erregt:
„Mehr davon. Vielleicht diesmal mit Banane, Erdbeere und Scheidungsanwalt.“
Und genau da wird es unerquicklich.
Denn diese Clips sind nicht einfach nur komplett verblödeter Internetmüll, wie man ihn sonst mit einem müden Lächeln wegwischt.
Sie sind häufig ein erstaunlich konsequenter KI-generierter Schmutzkanal für Sexismus, Demütigung und Frauenhass, nur eben in Fruchtoptik verpackt.
Die Dramaturgie ist so simpel wie unerquicklich:
- Die Frau betrügt
- Die Frau lügt
- Die Frau ist herzlos
- Die Frau wird sexualisiert
- Der Mann ist laut, verletzt und moralisch sauber geschniegelt
- Am Ende ist die Frau schuld, der Mann Opfer und das Publikum soll sich bestätigt fühlen
Es ist also im Grunde die gute alte Misogynie.
Nur diesmal mit Vitamin C.
Und weil das Netz nie fragt, ob etwas widerlich genug ist, wird selbstverständlich weiter eskaliert.
Da gibt es Clips, in denen mehrere Bananen eine Erdbeer-Frau bedrängen, ihr Geld für Sex anbieten oder sie in Situationen bringen, bei denen selbst ein kaputter Kühlschrank noch mehr ethisches Feingefühl hätte. Dazu kommen rassistische Klischees, Bodyshaming, Demütigungen, Gewalt – und als Bonus manchmal noch medizinischer Unsinn, etwa wenn irgendwelche Fruchtfiguren behaupten, Obst könne Medikamente ersetzen oder Krankheiten heilen.
Mit anderen Worten:
Die Aprikose ist untreu, die Banane übergriffig und die Wassermelone ersetzt den Hausarzt.
Jugendschützer schlagen deshalb Alarm, und das ist in diesem Fall keine hysterische Kulturpanik, sondern schlicht gesunder Menschenverstand. Denn was wie alberner KI-Klamauk aussieht, ist oft ein erstaunlich effizienter Weg, besonders jungen Nutzerinnen und Nutzern immer dieselbe Botschaft einzutrichtern:
- Frauen sind problematisch
- Frauen sind schuld
- Frauen sind lächerlich
- Frauen sind körperlich da, moralisch aber verdächtig
- Männer dürfen schreien, leiden, dominieren und sich trotzdem als Opfer fühlen
Eine internationale Studie unter Leitung der Universität Bern zeigt, was ohnehin jeder mit funktionierendem Frontallappen vermuten würde: Wer regelmäßig frauenfeindliche Medieninhalte konsumiert, entwickelt eher negative Einstellungen gegenüber Frauen. Mehr als 250 Studien mit über 130.000 Teilnehmenden bestätigen das.
Man muss dafür kein Professor sein.
Es reicht eigentlich, fünf Minuten in diesen Frucht-Höllenschlund zu schauen und festzustellen:
Wenn man jungen Menschen täglich erzählt, dass die Aprikose fremdgeht, die Erdbeere selbst schuld ist und die Gurke immer im Recht, dann wird daraus kein aufgeklärter Medienkonsum, sondern emotionaler Biomüll.
Das eigentlich Geniale – oder Abscheuliche – an diesem Zeug ist seine Tarnung.
Weil alles so absurd aussieht, wirkt es erstmal wie harmloser Quatsch.
„Haha, guck mal, eine Wassermelonenfrau schmeißt einen Orangenmann raus.“
„Haha, eine Gurke schreit.“
„Haha, eine Aubergine ist der Vater.“
Und während alle noch über den Obst-Irrsinn lachen, läuft darunter ganz klassisch ein Programm, das schon vor KI unerquicklich war:
Frauen abwerten, sexualisieren, entmenschlichen, lächerlich machen.
Nur dass jetzt eben kein schmieriger Forenbeitrag mehr reicht – jetzt übernimmt das Ganze ein Algorithmus mit Stimmen, Gesichtern, Bewegung und maximaler Reichweite.
Man muss es sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen:
Die Menschheit hat Maschinen beigebracht, Sprache zu verstehen, Bilder zu erzeugen und komplexe Muster zu erkennen.
Und das Ergebnis lautet:
„Gurke rastet aus, weil Aprikose bei Aubergine fremdging – Krankenhaus-Schock! Babys keine Gurken!“
Das ist nicht die Zukunft.
Das ist eine kollektive Hirnkrise mit WLAN.
Fazit:
Diese Clips sind nicht „nur albern“.
Sie sind oft sexistisch, entwürdigend, manipulierend und gezielt auf maximale Empörung und maximale Klicks gebaut.
Der Witz mit den sprechenden Früchten ist nur die Tarnkappe.
Darunter steckt dieselbe alte Brühe aus Frauenfeindlichkeit, Gewaltfantasien und digitaler Verrohung – diesmal nur dekoriert wie ein schlecht gelaunter Obstkorb.
Oder noch einfacher gesagt:
Wenn selbst die KI nach fünf Minuten Internet lernt, dass die Gurke brüllt, die Aprikose schuld ist und die Aubergine pervers, dann ist nicht die Maschine kaputt – sondern das, was wir ihr beigebracht haben.

