Es gibt Momente, da fragt man sich wirklich, ob an der Börse überhaupt noch irgendein Rest Schamgefühl existiert.
Da brennt der Nahe Osten, die Straße von Hormus ist faktisch dicht, Ölpreise schießen durch die Decke, Lieferketten zerlegen sich wie ein IKEA-Regal ohne Anleitung – und was macht die Finanzwelt?
Natürlich.
Sie veröffentlicht Listen mit der Überschrift:
„10 Aktien, die Sie kaufen sollten, solange die Straße von Hormus geschlossen bleibt.“
Man muss das einmal wirken lassen.
Nicht:
- Wie verhindern wir eine globale Versorgungskrise?
- Wie schützen wir Verbraucher vor Inflation?
- Wie stoppen wir den wirtschaftlichen Flächenbrand?
Nein.
Welche Aktien profitieren davon, dass die Welt gerade lichterloh brennt?
Willkommen im Spätkapitalismus mit Dividendenrendite.
Wenn Panzer rollen, rollen an der Börse die Kaufempfehlungen
Die Logik ist herrlich unerquicklich:
- Öl wird knapp? → Kauf Ölaktien!
- Gas kommt nicht durch? → Kauf LNG-Werte!
- Dünger wird knapp? → Kauf Düngemittelhersteller!
- Schiffe müssen Umwege fahren? → Kauf Reedereien!
Anders gesagt:
Wenn die Weltwirtschaft Schnappatmung bekommt, soll Ihr Depot wenigstens ruhig schlafen.
Da wird aus einem geopolitischen Schock ganz schnell ein „taktisches Exposure“.
Aus einer Versorgungskrise wird ein „interessantes Marktumfeld“.
Und aus globalem Schaden ein „selektives Chancenfenster“.
Man möchte fast applaudieren. Oder kotzen. Je nach Depotgröße.
Die große Gewinnerliste des Elends
Besonders beliebt: US-Ölkonzerne.
Warum? Ganz einfach:
Wenn im Persischen Golf Chaos herrscht, freut sich der amerikanische Produzent im Permian Basin wie ein Kind an Weihnachten.
Die Rechnung ist simpel:
- Weltmarkt unter Stress
- Ölpreis steigt
- US-Produzenten pumpen weiter
- Aktionäre nicken zufrieden
Krieg? Tragisch. Cashflow? Fantastisch.
Dann kommen die Raffinerien.
Ein Begriff macht plötzlich Karriere: Crack Spread.
Klingt nach einer neuen Netflix-Serie, ist aber nur die elegante Art zu sagen:
Zwischen Rohöl und Benzin/Diesel lässt sich gerade absurd viel Geld verdienen.
Früher erklärte man Kindern, wie Brot gebacken wird.
Heute erklärt man Anlegern, wie man an explodierenden Spritpreisen partizipiert.
Fortschritt nennt man das wohl.
LNG: Wenn Gas knapp wird, wird Gier flüssig
Natürlich darf auch Flüssigerdgas (LNG) nicht fehlen.
Denn wenn 20 Prozent des weltweiten LNG-Handels durch die Straße von Hormus laufen und plötzlich nicht mehr laufen, dann ist das für die einen ein Problem.
Für andere ist es ein Investment-Case.
Australien liefert mehr.
Die USA liefern mehr.
Norwegen liefert mehr.
Und irgendwo sitzt ein Analyst und schreibt begeistert:
„Hier entsteht eine Angebotslücke.“
Ja.
Eine Angebotslücke.
Andere nennen das:
Versorgungsrisiko für ganze Volkswirtschaften.
Aber an der Börse klingt „Angebotslücke“ einfach hübscher. Fast schon sexy.
Wenn selbst Dünger zur Krisenrakete wird
Besonders zynisch wird es beim Thema Düngemittel.
Denn auch davon läuft ein erheblicher Teil durch die Region.
Wenn also weniger Dünger ankommt, wird Landwirtschaft teurer, Nahrung womöglich knapper – und irgendwo jubelt ein US-Hersteller, weil seine Fabrik plötzlich strategisch wertvoller ist.
Das ist die moderne Version von:
Wenn der Nachbar hungert, verkaufen wir ihm Saatgut mit Aufschlag.
Nur eben börsennotiert.
Die Moral von der Geschichte: Krisen sind schlecht – außer fürs Depot
Natürlich ist das alles nicht neu.
Börsen lieben Gewinner – egal, warum sie gewinnen.
Aber es bleibt bemerkenswert, wie schmerzfrei Teile der Finanzindustrie inzwischen formulieren:
- Krieg = Rotation in Energie
- Lieferkettenchaos = Chance im Transportsektor
- Rohstoffschock = Outperformance in Spezialwerten
Es fehlt eigentlich nur noch das passende ETF-Produkt:
„Global Conflict & Supply Chain Breakdown UCITS ETF – thesaurierend“
Mit Positionen in:
- Öl
- Gas
- Dünger
- Tanker
- Krisengewinn
- moralischer Verwahrlosung
Unser Fazit: Die Börse kennt keine Betroffenheit, nur Bewertung
Die Wahrheit ist brutal einfach:
Während Verbraucher an der Zapfsäule bluten, basteln Analysten an Kaufempfehlungen.
Während Unternehmen unter Kostenexplosionen ächzen, rechnet man auf CNBC aus, welcher LNG-Wert am meisten vom Elend profitiert.
Und während Regierungen über Notfallpläne reden, fragt sich der Kapitalmarkt längst nur noch:
„Wo ist hier der Hebel?“
So funktioniert Börse.
Man muss das nicht mögen.
Aber man sollte es verstehen.
Denn eines zeigt diese Liste ziemlich deutlich:
Für viele an den Märkten ist eine geschlossene Straße von Hormus kein globales Problem – sondern einfach nur ein Themenkorb mit Renditechance.
Oder, noch ehrlicher formuliert:
Wenn die Welt brennt, will Wall Street wenigstens am Feuer grillen.

