Cristiano Ronaldo hat die portugiesische Nationalmannschaft verlassen. Und zwar ausgerechnet einen Tag vor dem Nations-League-Spiel gegen Dänemark.
Offiziell klingt alles ausgesprochen gesittet.
Nationaltrainer Jorge Jesus erklärt, Ronaldo werde nicht in der Startelf stehen. Ronaldo spricht mit dem Verbandspräsidenten. Danach steigt der 41-Jährige aus dem Trainingslager aus und fliegt in seinem Privatjet nach Madrid.
Ganz normaler Mittwochabend im Spitzenfußball also.
Noch wenige Stunden zuvor hatte Trainer Jorge Jesus auf einer Pressekonferenz betont, zwischen ihm und Ronaldo gebe es keinerlei Probleme.
„Es gab kein Problem“, erklärte der 72-Jährige sinngemäß.
Das ist im Fußball ungefähr jene Art von Satz, nach der erfahrene Beobachter anfangen, schon einmal die Abflugtafeln der nächstgelegenen Flughäfen zu kontrollieren.
Denn kurz darauf war Ronaldo weg.
Nicht verletzt.
Nicht krank.
Nicht offiziell zurückgetreten.
Einfach weg.
Ronaldo sollte wieder auf die Bank
Der Hintergrund ist sportlich schnell erzählt.
Portugal spielt in der Nations League gegen Dänemark. Ronaldo sollte dabei nicht von Beginn an spielen.
Schon beim 2:1 gegen Norwegen hatte der Superstar auf der Bank gesessen und war überhaupt nicht eingewechselt worden.
Im ersten Spiel gegen Wales durfte er noch starten, wurde allerdings nach 67 Minuten ausgewechselt.
Nun also wieder Bank.
Und irgendwann scheint selbst die bequemste Ersatzbank für einen fünffachen Weltfußballer ihren Reiz zu verlieren.
Ronaldo teilte am Mittwochabend über Instagram mit, er habe nach der Pressekonferenz des Trainers und einem Gespräch mit Verbandspräsident Pedro Proenca beschlossen, das Trainingslager zu verlassen.
Warum genau, verriet er nicht.
Dafür kündigte er an, den portugiesischen Fans zu gegebener Zeit „die Wahrheit über die Gründe meines Abschieds“ zu erklären.
Das klingt jedenfalls nicht nach:
„Ich musste noch dringend zum Zahnarzt.“
Jesus: Ronaldo hätte sogar auf die Tribüne gegangen
Trainer Jorge Jesus hatte kurz zuvor noch ein ausgesprochen harmonisches Bild gezeichnet.
Ronaldo habe sich keineswegs geweigert zu trainieren.
Im Gegenteil.
Nach Angaben des Trainers soll der Superstar sogar erklärt haben:
Wenn er spielen solle, spiele er.
Wenn er auf der Bank sitzen solle, sitze er auf der Bank.
Wenn er auf die Tribüne solle, gehe er eben auf die Tribüne.
Eine beeindruckende Bereitschaft zur Mitarbeit.
Nur offenbar nicht dauerhaft zur Anwesenheit.
Denn nicht viel später meldeten spanische und portugiesische Medien, Ronaldo habe das Teamquartier verlassen und sei mit seinem Privatjet nach Madrid geflogen.
Die Tribüne in Kopenhagen musste also ohne ihn auskommen.
Kein Streit – nur einer ist plötzlich verschwunden
Jesus betonte ausdrücklich, dass er die Entscheidungen treffe.
Das dürfte grundsätzlich auch stimmen.
Trainer stellen Mannschaften auf.
Spieler spielen.
Oder sitzen auf der Bank.
Oder, wie sich nun zeigt, steigen gegebenenfalls in einen Privatjet.
Natürlich bedeutet Ronaldos Abreise nicht automatisch, dass es hinter den Kulissen zum großen Krach gekommen ist.
Weder Ronaldo noch der Verband haben bislang erklärt, dass es einen offenen Konflikt gegeben habe.
Aber die zeitliche Abfolge dürfte zumindest einige Fragen aufwerfen.
Trainer erklärt: Ronaldo spielt nicht von Beginn an.
Trainer erklärt: Zwischen uns ist alles wunderbar.
Ronaldo erklärt kurz darauf: Ich reise ab.
Das könnte man als unglückliche Kommunikation bezeichnen.
Oder als äußerst effiziente Art, eine Pressekonferenz nachträglich interessanter zu machen.
Rücktritt? Noch weiß es niemand
Die große Frage lautet nun, ob Ronaldo überhaupt noch einmal für Portugal spielen wird.
Dazu äußerte er sich zunächst nicht eindeutig.
Seine Abschiedsworte klangen allerdings auffällig endgültig.
Er habe sich stets mit ganzem Herzen der Nationalmannschaft gewidmet, schrieb Ronaldo. Nun sei es an der Zeit, Portugal und seinen Mannschaftskollegen viel Glück zu wünschen.
Solche Formulierungen verwendet man normalerweise nicht, wenn man lediglich einen freien Donnerstagnachmittag plant.
Andererseits handelt es sich um Cristiano Ronaldo.
Bei ihm sollte man mit endgültigen Abschieden grundsätzlich vorsichtig sein.
Der Mann hat im Laufe seiner Karriere schon häufiger Situationen erlebt, in denen andere längst den Abspann erwartet hatten und er anschließend noch ein paar hundert Tore schoss.
Mit 41 Jahren immer noch Mittelpunkt jeder Geschichte
Ronaldo ist inzwischen 41 Jahre alt.
Dass überhaupt noch darüber diskutiert wird, ob er in Portugals Startelf gehört, zeigt bereits, wie außergewöhnlich seine Karriere ist.
Für viele Fußballer wäre es in diesem Alter eine Erfolgsmeldung, ohne fremde Hilfe die Stutzen anzuziehen.
Bei Ronaldo wird dagegen noch immer darüber debattiert, ob der Trainer es wagen darf, ihn gegen Dänemark auf die Bank zu setzen.
Und wenn er es wagt, wird daraus innerhalb weniger Stunden eine internationale Schlagzeile.
Das ist vermutlich auch eine Form von Größe.
Jorge Jesus kennt Ronaldo eigentlich gut
Besonders interessant ist, dass sich Trainer und Spieler keineswegs fremd sind.
Jorge Jesus übernahm die portugiesische Nationalmannschaft nach der Weltmeisterschaft in Nordamerika.
Mit Ronaldo hatte er bereits zuvor in Saudi-Arabien zusammengearbeitet.
Man könnte also davon ausgehen, dass beide ziemlich genau wissen, wie der jeweils andere tickt.
Vielleicht ist genau das das Problem.
Portugal spielt jetzt gegen Dänemark – ohne Ronaldo
Für Portugal geht es sportlich zunächst weiter.
Das Spiel gegen Dänemark findet statt.
Elf Portugiesen werden voraussichtlich auf dem Platz stehen.
Cristiano Ronaldo wird nicht dazugehören.
Ob er nur dieses eine Spiel verpasst oder ob gerade das letzte Kapitel seiner Karriere in der Nationalmannschaft geschrieben wurde, bleibt offen.
Ronaldo selbst hat jedenfalls bereits angekündigt, irgendwann seine Version der Geschichte zu erzählen.
Darauf darf man gespannt sein.
Denn wenn ein Trainer sagt, es gebe keinerlei Problem, und der größte Star wenige Stunden später mit dem Privatjet das Land verlässt, ist zumindest eines ziemlich sicher:
Langweilig wird die Erklärung vermutlich nicht.


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