Harnwegsinfektionen können für Frauen nach den Wechseljahren weit gefährlicher sein als häufig angenommen. Mit sinkendem Östrogenspiegel verändern sich das Gewebe und die Bakterienzusammensetzung in Vagina und Harnwegen. Dadurch können sich schädliche Bakterien leichter vermehren. Vor allem bei älteren Frauen besteht die Gefahr, dass eine Infektion in die Blutbahn gelangt und eine lebensbedrohliche Sepsis verursacht.
Der Fall der 78-jährigen Roselin Shankland zeigt, welche Folgen eine solche Infektion haben kann. Ende Dezember 2023 wurde sie mit Atemproblemen in ein Krankenhaus gebracht. Ihr Puls war stark abgesunken, der Blutdruck eingebrochen. Eine Harnwegsinfektion hatte sich bereits auf ihren Blutkreislauf ausgebreitet und zu einem Organversagen geführt. Nur wenige Stunden später starb die ehemalige Krankenschwester.
Eine Behandlungsmöglichkeit zur Vorbeugung wiederkehrender Harnwegsinfektionen ist niedrig dosiertes vaginales Östrogen. Es wird beispielsweise als Creme, Tablette oder Vaginalring direkt am Gewebe angewendet. Das Östrogen kann dazu beitragen, die durch die Wechseljahre veränderte Schleimhaut und das natürliche Milieu wieder zu stabilisieren. Medizinische Fachgesellschaften empfehlen diese Therapie bereits seit Jahren für Frauen nach der Menopause, die wiederholt unter Harnwegsinfektionen leiden. Trotzdem wird sie nach Angaben des Artikels noch immer vergleichsweise selten eingesetzt.
Eine 2026 veröffentlichte Studie untersuchte Gesundheitsdaten von rund 1,8 Millionen Frauen mit wiederkehrenden Harnwegsinfektionen. Die Daten stammten aus mehr als 2.000 Krankenhäusern und Zehntausenden Arztpraxen in den USA und umfassten den Zeitraum von 2017 bis 2025. Dabei wurden unter anderem Krankenhauseinweisungen, Sepsisfälle und Todesfälle untersucht.
Die Ergebnisse zeigten deutliche Unterschiede zwischen Frauen, denen vaginales Östrogen verschrieben worden war, und solchen ohne diese Therapie. Frauen ab 55 Jahren mit vaginalem Östrogen mussten laut der Untersuchung etwa halb so häufig wegen einer Harnwegsinfektion ins Krankenhaus. Auch Sepsis und Todesfälle wurden in dieser Gruppe deutlich seltener dokumentiert. Bei Frauen zwischen 55 und 69 Jahren starben in den untersuchten Daten 1,5 Prozent der Frauen mit vaginaler Östrogentherapie, verglichen mit 7,3 Prozent in der Vergleichsgruppe.
Allerdings handelte es sich nicht um eine kontrollierte klinische Studie, sondern um eine rückblickende Auswertung vorhandener Patientendaten. Deshalb lässt sich daraus nicht eindeutig ableiten, dass vaginales Östrogen allein für die niedrigeren Erkrankungs- und Sterberaten verantwortlich war. Andere Faktoren, beispielsweise Unterschiede in der medizinischen Betreuung, könnten ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Dennoch ergänzen die Ergebnisse frühere Untersuchungen, nach denen vaginales Östrogen wiederkehrende Harnwegsinfektionen nach der Menopause reduzieren kann.
Ein Grund für die geringe Nutzung der Behandlung liegt laut dem Bericht in der jahrzehntelangen Verunsicherung rund um Östrogentherapien. Nach der Veröffentlichung der Women’s Health Initiative im Jahr 2002 wurden Risiken einer Hormontherapie stark diskutiert. Die US-Arzneimittelbehörde FDA versah daraufhin auch niedrig dosierte vaginale Östrogenpräparate mit einem besonders deutlichen Warnhinweis, obwohl diese Form der Behandlung in der damaligen Studie nicht untersucht worden war.
In der Folge sank die Nutzung von Östrogen deutlich. Nach im Artikel genannten Daten verwendeten 1999 noch 27 Prozent der Frauen in den Wechseljahren Östrogen, während es 2020 nur noch fünf Prozent waren. Gleichzeitig stieg dem Bericht zufolge die Zahl der Todesfälle durch Sepsis infolge von Harnwegsinfektionen bei Frauen zwischen 45 und 64 Jahren von 1999 bis 2023 deutlich an. Diese zeitliche Entwicklung allein beweist jedoch keinen direkten ursächlichen Zusammenhang.
Im November 2025 entfernte die FDA den bisherigen Warnhinweis für vaginale und weitere Östrogenprodukte. Trotzdem ist die Behandlung nach Angaben des Artikels noch nicht weit verbreitet. Nur etwa jede zehnte Frau in den Wechseljahren mit Medicare-Versicherung verwendet demnach vaginales Östrogen.
Auch mangelndes Wissen aufseiten der Ärzte könnte eine Rolle spielen. Viele Mediziner erhielten während ihrer Ausbildung nur wenig Unterricht über die Behandlung der Wechseljahre. Laut einer im Artikel zitierten Untersuchung gab weniger als ein Drittel der befragten Leiter gynäkologischer Weiterbildungsprogramme an, während der eigenen Facharztausbildung ausreichend über die Behandlung von Wechseljahresbeschwerden gelernt zu haben.
Hinzu kommt, dass Beschwerden der Harnwege nicht immer sofort mit den hormonellen Veränderungen der Menopause in Verbindung gebracht werden. Durch den Östrogenmangel wird das Vaginalgewebe dünner und das Mikrobiom verändert sich. Das Milieu wird weniger sauer, wodurch sich bestimmte krankmachende Bakterien leichter vermehren können. Diese Veränderungen können bereits Jahre vor der eigentlichen Menopause beginnen und dauerhaft bestehen bleiben.
Bei älteren Frauen können Harnwegsinfektionen außerdem ungewöhnliche Symptome verursachen. Dazu gehören beispielsweise Verwirrtheit oder Delirium. Dadurch können Infektionen übersehen oder die Symptome irrtümlich anderen Erkrankungen zugeschrieben werden. Gleichzeitig kann die Verwirrtheit das Risiko für Stürze und Knochenbrüche erhöhen.
Mehrere im Artikel geschilderte Fälle zeigen, dass Betroffene häufig wiederholt Antibiotika gegen ihre Infektionen erhielten, ohne über Möglichkeiten zur Vorbeugung informiert zu werden. Eine Patientin, die nach mehreren Harnwegsinfektionen eine schwere Sepsis entwickelte und fünf Tage auf der Intensivstation behandelt werden musste, erhielt erst später vaginales Östrogen. Nach ihrer Aussage trat danach keine weitere Harnwegsinfektion mehr auf. Ein einzelner Fall kann allerdings nicht belegen, dass dies bei jeder Patientin in gleicher Weise funktioniert.
Fachgesellschaften wie die American Urological Association, die Menopause Society und das American College of Obstetricians and Gynecologists empfehlen laut dem Artikel vaginales Östrogen insbesondere für Frauen nach der Menopause mit wiederkehrenden Harnwegsinfektionen. Systemisch angewendetes Östrogen, beispielsweise über ein Pflaster, ist davon zu unterscheiden und erfüllt nach Angaben der zitierten Forscher nicht dieselbe Funktion bei der Vorbeugung von Harnwegsinfektionen.
Der Bericht macht damit auf ein Gesundheitsproblem aufmerksam, das viele ältere Frauen betrifft und dennoch häufig wenig Beachtung findet. Wiederkehrende Harnwegsinfektionen sind nicht immer harmlos. Besonders im höheren Alter können sie schwere Komplikationen verursachen. Gleichzeitig gibt es mit vaginalem Östrogen eine Behandlungsoption, die von mehreren medizinischen Fachgesellschaften empfohlen wird und nach den bislang vorliegenden Daten das Risiko erneuter Infektionen senken kann.
Ob eine solche Behandlung im individuellen Fall geeignet ist, sollte jedoch mit einer Ärztin oder einem Arzt besprochen werden. Die Entscheidung hängt unter anderem von den persönlichen Beschwerden, bestehenden Erkrankungen und weiteren medizinischen Faktoren ab.


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