Streit nach geplatztem Clancy-Prozess: Einzelner Geschworener widerspricht seinen Kollegen

Streit nach geplatztem Clancy-Prozess: Einzelner Geschworener widerspricht seinen Kollegen

Veröffentlicht

Samstag, 19.09.2026
von Red. TB

Nach dem ohne Urteil beendeten Mordprozess gegen Lindsay Clancy sorgt ein Streit innerhalb der Jury für neue Aufmerksamkeit. Der Geschworene Michael Péguy Desronvil, dessen Stimme eine einstimmige Entscheidung verhindert hatte, weist die Darstellung anderer Jurymitglieder zurück, er habe während der Beratungen Zweifel an Clancys strafrechtlicher Verantwortung geäußert.

Der Prozess gegen die 36-jährige Lindsay Clancy war am 4. September 2026 mit einem sogenannten „Mistrial“ beendet worden. Die Geschworenen konnten sich trotz langer Beratungen nicht einstimmig darauf verständigen, ob Clancy für den Tod ihrer drei kleinen Kinder im Januar 2023 strafrechtlich verantwortlich war.

Die Verteidigung hatte im Verfahren nicht bestritten, dass Clancy ihre Kinder im Haus der Familie in Duxbury im US-Bundesstaat Massachusetts stranguliert hatte. Ihr Anwalt Kevin Reddington argumentierte jedoch, seine Mandantin habe zum Tatzeitpunkt unter einer postpartalen Psychose gelitten und sei deshalb strafrechtlich nicht verantwortlich gewesen.

Nach dem Abbruch des Prozesses berichteten mehrere Mitglieder der Jury öffentlich, ein einzelner Geschworener habe trotz eigener Zweifel eine Entscheidung zugunsten der Verteidigungsposition abgelehnt. Genau dieser Darstellung widerspricht Desronvil nun.

In einer von seinem Anwalt Edward Paltzik veröffentlichten Erklärung erklärte Desronvil, er habe keine Zweifel gehabt. Nach seiner Bewertung hätten die körperlichen Beweise, Zeugenaussagen und die von der Staatsanwaltschaft vorgelegten Informationen ausgereicht, um ihn davon zu überzeugen, dass Clancy gewusst habe, was sie tat. Dabei handelt es sich um Desronvils persönliche Einschätzung der im Prozess vorgelegten Beweise, nicht um ein gerichtliches Urteil.

Andere Jurymitglieder schildern die Beratungen anders. Der 25-jährige Geschworene Nick Dargie erklärte gegenüber ABC News, Desronvil habe Unsicherheit darüber erkennen lassen, ob Staatsanwaltschaft oder Verteidigung ihre jeweilige Position ausreichend bewiesen hätten. Auf Nachfragen habe er seine Entscheidung jedoch nicht anhand konkreter Beweise oder Zeugenaussagen erläutern können.

Auch die Juryvorsitzende Roni Carlson sagte nach dem Verfahren, der betreffende Geschworene habe während der Beratungen Zweifel eingeräumt. Eine weitere Geschworene äußerte ebenfalls deutliche Kritik an seinem Verhalten. Diese Aussagen stehen somit im direkten Widerspruch zu Desronvils eigener Darstellung.

Die Spannungen waren bereits während der Beratungen sichtbar geworden. Die Juryvorsitzende informierte Richter William Sullivan in einer Mitteilung darüber, dass ein Jurymitglied nach ihrer Darstellung die gerichtlichen Anweisungen zum Thema „reasonable doubt“, also zu vernünftigen Zweifeln, nicht ausreichend berücksichtige. Clancys Verteidiger beantragte daraufhin erfolglos, den betreffenden Geschworenen aus der Jury auszuschließen.

Richter Sullivan schickte die Jury mehrfach zurück zu weiteren Beratungen. Doch auch nach mehr als 38 Stunden gelang keine Einigung. Schließlich erklärte der Richter das Verfahren für gescheitert.

Seitdem steht Desronvil nach Angaben seines Anwalts unter erheblichem öffentlichen Druck. Edward Paltzik erklärte, sein Mandant halte sich wegen der Kritik anderer Geschworener und der Aufmerksamkeit in sozialen Netzwerken derzeit an einem nicht genannten sicheren Ort im Norden Neuenglands auf. Der Anwalt forderte Öffentlichkeit und Medien dazu auf, die Privatsphäre seines Mandanten zu respektieren.

Paltzik kündigte zugleich an, Desronvil werde sich vorerst nicht selbst gegenüber den Medien äußern. Zu einem späteren Zeitpunkt solle jedoch dessen vollständige Darstellung des Prozesses bekannt gemacht werden.

Der Streit zeigt, wie unterschiedlich die Beratungen innerhalb einer Jury nach einem gescheiterten Verfahren wahrgenommen werden können. Rechtlich entscheidend bleibt: Die Jury erzielte kein einstimmiges Urteil. Damit endete der Prozess ohne abschließende Entscheidung über Lindsay Clancys strafrechtliche Verantwortung.

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WilliamCho (CC0), Pixabay

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