Im Streit um das Kennedy Center hat Maria Shriver US-Präsident Donald Trump als narzisstisch bezeichnet. Die frühere First Lady von Kalifornien und Nichte des ehemaligen Präsidenten John F. Kennedy reagierte damit auf Trumps Drohung, die geplante Renovierung des Kulturzentrums abzusagen, falls sein Name nicht am Gebäude angebracht werde.
Shriver bezeichnete dieses Verhalten als kleingeistig und narzisstisch. Wirklich große Männer, die sich dem öffentlichen Dienst und dem Gemeinwohl verpflichtet fühlten, handelten ihrer Ansicht nach nicht auf diese Weise.
Das Weiße Haus äußerte sich zunächst nicht zu ihrer Kritik.
Die Auseinandersetzung wirft eine grundsätzliche Frage auf: Was bedeutet Narzissmus eigentlich – und wann wird aus einer umgangssprachlichen Beschreibung eine medizinische Diagnose?
Streit um Trumps Namen am Kennedy Center
Auslöser der Kritik ist Trumps Forderung, bei der Umgestaltung des John F. Kennedy Center for the Performing Arts namentlich gewürdigt zu werden.
Der Präsident hatte damit gedroht, die Renovierungspläne nicht weiterzuverfolgen, sollte sein Name nicht auf der Fassade erscheinen. Der Streit ist politisch und rechtlich aufgeladen, weil das Kulturzentrum durch ein Gesetz aus dem Jahr 1964 ausdrücklich dem Andenken an den ermordeten Präsidenten John F. Kennedy gewidmet wurde.
Für Maria Shriver ist die Forderung auch eine familiäre Angelegenheit. Als Kennedys Nichte kritisiert sie seit Längerem Versuche, Trumps Namen mit dem Kulturzentrum zu verbinden.
Ihre Bezeichnung des Präsidenten als narzisstisch war als politische und persönliche Wertung gemeint. Sie stellt keine medizinische Diagnose dar.
Was Narzissmus bedeutet
Im Alltag wird das Wort „Narzisst“ häufig für Menschen verwendet, die selbstbezogen, manipulativ, arrogant oder übermäßig anspruchsvoll erscheinen.
Psychologen unterscheiden jedoch zwischen einzelnen narzisstischen Eigenschaften, einem ausgeprägten Persönlichkeitsstil und einer diagnostizierbaren narzisstischen Persönlichkeitsstörung.
Narzisstische Züge können grundsätzlich bei vielen Menschen vorkommen. Dazu zählen ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung, Selbstüberschätzung, Anspruchsdenken oder eine geringe Bereitschaft, die Gefühle anderer zu berücksichtigen.
Eine Persönlichkeitsstörung liegt dagegen nur vor, wenn solche Merkmale dauerhaft, in zahlreichen Lebensbereichen und in einer erheblichen Ausprägung auftreten. Zusätzlich müssen sie zu deutlichen Problemen im sozialen, beruflichen oder persönlichen Leben führen.
Eine seriöse Diagnose kann nur durch entsprechend qualifizierte Fachleute nach einer persönlichen Untersuchung gestellt werden.
Narzisstische Persönlichkeitsstörung ist eine klinische Diagnose
Die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist eine anerkannte psychische Erkrankung. Sie betrifft Schätzungen zufolge einen vergleichsweise kleinen Teil der Bevölkerung.
Zu den möglichen Merkmalen gehören ein übersteigertes Gefühl der eigenen Bedeutung, ein starkes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Bewunderung sowie ein Mangel an Empathie.
Betroffene können empfindlich auf Kritik reagieren und versuchen, Verantwortung für Fehler abzuwehren. In zwischenmenschlichen Konflikten können manipulative Verhaltensweisen auftreten. Dazu gehören beispielsweise die Abwertung anderer oder sogenanntes Gaslighting, bei dem die Wahrnehmung des Gegenübers gezielt infrage gestellt wird.
Nicht jeder selbstbewusste, egoistische oder schwierige Mensch erfüllt jedoch die diagnostischen Voraussetzungen. Auch einzelne problematische Aussagen erlauben keine medizinische Beurteilung einer Person.
Trump wird seit Jahren so bezeichnet
Trump wird bereits seit seinem ersten Präsidentschaftswahlkampf 2016 regelmäßig als narzisstisch beschrieben. Politiker, Journalisten und Kommentatoren verwenden den Begriff, um sein Auftreten, sein Bedürfnis nach öffentlicher Anerkennung und seinen Umgang mit Kritik zu charakterisieren.
Mit Trumps Wahl zum Präsidenten nahm gleichzeitig das öffentliche Interesse am Thema Narzissmus stark zu. Suchanfragen nach dem Begriff stiegen zwischen September 2016 und Januar 2017 deutlich an.
Die klinische Psychologin Ramani Durvasula führt einen Teil dieser Entwicklung darauf zurück, dass Journalisten damals häufiger über Narzissmus und verwandte Begriffe wie Gaslighting berichteten.
Aus der politischen Debatte wanderte das Thema anschließend zunehmend in Alltagsgespräche über Partnerschaften, Familienkonflikte und psychische Gesundheit.
Soziale Netzwerke vereinfachen ein komplexes Thema
Auf Plattformen wie TikTok, Instagram und YouTube gehört Narzissmus inzwischen zu den häufigsten psychologischen Schlagwörtern.
Kurze Videos versprechen, narzisstische Partner, Eltern oder Kollegen anhand weniger Merkmale erkennen zu können. Häufig wird behauptet, Narzissten würden grundsätzlich fremdgehen, lügen oder jede Beziehung zerstören.
Fachleute warnen vor solchen Verallgemeinerungen. Narzissmus ist ein komplexes Spektrum und lässt sich nicht anhand einer kurzen Checkliste zuverlässig feststellen.
Pauschale Ratschläge wie die sofortige Beendigung jeder Beziehung zu einer vermeintlich narzisstischen Person können Betroffene zusätzlich unter Druck setzen. Nicht jeder kann sich ohne Weiteres von Familienmitgliedern, Partnern, Vorgesetzten oder anderen wichtigen Bezugspersonen trennen.
Mehr Aufmerksamkeit hat Vor- und Nachteile
Die wachsende Bekanntheit des Begriffs kann Menschen dabei helfen, manipulative oder schädliche Beziehungsmuster zu erkennen. Betroffene erhalten möglicherweise erstmals Worte für Erfahrungen, die sie zuvor nicht einordnen konnten.
Gleichzeitig droht der Begriff durch seine inflationäre Verwendung an Bedeutung zu verlieren. Wenn jede egoistische Handlung als Narzissmus und jede Meinungsverschiedenheit als Gaslighting bezeichnet wird, verschwimmen die Grenzen zwischen unangenehmem Verhalten und einer psychischen Erkrankung.
Das kann auch Menschen schaden, die tatsächlich unter missbräuchlichen oder manipulativen Beziehungen leiden. Ihre Erfahrungen werden möglicherweise weniger ernst genommen, wenn klinische Begriffe nur noch als allgemeine Beschimpfungen dienen.
Politische Kritik ist keine Ferndiagnose
Maria Shrivers Äußerung über Trump ist als Kritik an dessen Verhalten im Streit um das Kennedy Center zu verstehen. Daraus lässt sich keine psychologische oder psychiatrische Diagnose ableiten.
Es ist legitim, das Auftreten eines Politikers als selbstbezogen, geltungssüchtig oder rücksichtslos zu bewerten. Problematisch wird es, wenn daraus ohne persönliche Untersuchung eine konkrete psychische Erkrankung abgeleitet wird.
Auch bei Personen des öffentlichen Lebens sollten medizinische Begriffe deshalb vorsichtig verwendet werden. Politisches Verhalten kann analysiert und kritisiert werden, ohne eine Erkrankung zu behaupten.
Fazit
Der Streit um das Kennedy Center hat eine alte Debatte über Donald Trump neu belebt. Maria Shriver verwendet den Begriff narzisstisch, um seine Forderung nach einer persönlichen Würdigung an einem nach John F. Kennedy benannten Kulturzentrum zu kritisieren.
Ob Trump tatsächlich eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hat, lässt sich daraus nicht ableiten. Bekannt ist lediglich, dass sein Verhalten seit Jahren mit narzisstischen Eigenschaften in Verbindung gebracht wird.
Der Fall zeigt vor allem, wie schnell ein komplexer psychologischer Begriff zum politischen Schlagwort wird. Narzissmus kann ein Persönlichkeitsmerkmal, ein Verhaltensmuster oder Teil einer diagnostizierbaren Störung sein. Diese Unterschiede sollten auch in hitzigen politischen Debatten nicht verloren gehen.


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