Österreich entdeckt die Nebensaison – und mit ihr einen besonders angenehmen Urlaubsgast: älter, gut situiert, ohne schulpflichtige Kinder und erstaunlich unbeeindruckt vom Preis. Jetzt heißt es im Herbst wieder: Servus, hereinspaziert und bitte die Geldbörse nicht vergessen.
Es gibt Nachrichten, bei denen Österreich spontan seine berühmte Gastfreundschaft entdeckt.
Die Deutschen kommen!
Keine Panik.
Diesmal müssen keine Liegestühle verteidigt werden.
Es ist Herbst.
Die Kinder sitzen wieder in der Schule, die Autobahnen werden etwas leerer und jene Urlauber machen sich auf den Weg, die eine ganz besondere Eigenschaft besitzen:
Sie haben Geld.
Hurra, die Piefkes kommen!
Und diesmal kommen sie nicht unbedingt mit drei Kindern, Luftmatratze, Kühlbox und der Frage, ob man das Schnitzel auch mit Tunke bekommen könne.
Nein.
Der neue Herbstgast ist anspruchsvoller.
Älter.
Zeitlich flexibel.
Gut situiert.
Reist gerne zu zweit.
Und bevorzugt das Viersternhotel.
Österreich sagt:
Herzlich willkommen!
Bitte nennen Sie es nicht „abgeschwächten Sommer“
Die Österreich Werbung legt allerdings großen Wert auf sprachliche Feinheiten.
Der Herbst sei keineswegs einfach ein schwächerer Sommer.
Nein, nein.
Es handle sich um ein:
„eigenständiges, hochwertiges Segment“.
Das muss man sich merken.
Wenn im Juli 30 Grad sind und sämtliche Hotelbetten belegt, heißt es Sommer.
Wenn im Oktober zwölf Grad sind, der Nieselregen quer durchs Salzkammergut zieht und trotzdem jemand 198 Euro am Tag ausgibt, heißt es:
hochwertiges Segment.
Tourismusmarketing ist eine wunderbare Wissenschaft.
Der Herbstgast gibt 198 Euro am Tag aus
Und jetzt verstehen wir auch, warum man sich so über ihn freut.
Im Herbst geben Österreich-Urlauber laut Tourismus-Monitor durchschnittlich 198 Euro pro Person und Tag aus.
Im Sommer sind es nur 188 Euro.
Der Frühling schafft sogar 228 Euro.
Wintergäste liegen mit 239 Euro vorne.
Damit ist wissenschaftlich praktisch bewiesen:
Je weniger vernünftige Menschen Urlaub machen wollen, desto interessanter werden diejenigen, die trotzdem kommen.
Besonders angenehm für die Branche:
Der Preis spielt für viele Nebensaisongäste keine entscheidende Rolle.
Nur zehn Prozent der Befragten im Herbst nannten ihn als Grund für die Wahl ihres Reiseziels.
Ein Traumgast!
„Was kostet das Zimmer?“
„280 Euro.“
„Mit Frühstück?“
„Nein.“
„Wunderbar, nehmen wir.“
Kinder? Jetzt doch nicht!
Auch die Zusammensetzung der Gäste ist aus touristischer Sicht ausgesprochen praktisch.
Da Herbst und Frühling weitgehend außerhalb der großen Schulferien liegen, fehlen viele Familien.
Stattdessen kommen Paare und Alleinreisende.
Häufig älter.
Häufig kaufkräftig.
Und vermutlich mit deutlich weniger Diskussionen darüber, warum man jetzt schon wieder in irgendeine Kirche hineinmuss.
Der klassische Herbsturlaub funktioniert anders.
Man steht morgens gemütlich auf.
Frühstückt.
Spaziert.
Schaut einen Berg an.
Trinkt Kaffee.
Besichtigt etwas.
Trinkt wieder Kaffee.
Isst.
Und legt sich anschließend von diesem anstrengenden Programm im Viersternhotel aufs Bett.
Urlaub kann so schön sein, wenn niemand „Action!“ ruft.
Sport? Wir sind doch im Urlaub!
Besonders sympathisch ist die sportliche Leistungsbereitschaft der Nebensaisongäste.
Gut ein Drittel betreibt im Frühling und Herbst laut Studie überhaupt keinen Sport.
Endlich normale Menschen.
Während der Winterurlauber morgens um 6.30 Uhr bereits Skischuhe anzieht und der Sommergast mit dem Mountainbike einen Berg bezwingen möchte, sagt der kultivierte Herbsturlauber:
„Wir könnten doch ein bisschen flanieren.“
Flanieren!
Eine Sportart, die dringend olympisch werden sollte.
Dazu kommen Spaziergänge, Sehenswürdigkeiten und regionale Kulinarik.
Mit anderen Worten:
Man läuft 2.000 Schritte durch Salzburg und gleicht den Kalorienverbrauch anschließend mit Sachertorte, Schnitzel und zwei Achterln wieder zuverlässig aus.
Das nennen wir Kreislaufwirtschaft.
Österreich möchte Ganzjahresdestination werden
Dahinter steckt natürlich ein ernstes wirtschaftliches Ziel.
Österreich möchte sich zunehmend von der klassischen Aufteilung verabschieden:
Winter = Skifahren.
Sommer = Wandern.
Dazwischen = Hotel zusperren und renovieren.
Stattdessen soll möglichst das ganze Jahr Geschäft sein.
Und dafür sind Frühling und Herbst ausgesprochen interessant.
Denn die Infrastruktur steht ohnehin da.
Hotels stehen da.
Restaurants stehen da.
Museen stehen da.
Berge stehen sowieso da.
Man muss jetzt nur noch jemanden finden, der im Oktober dafür bezahlt.
Deutschland, übernehmen Sie!
Besonders schön: Es kommen neue Gäste
Noch eine Zahl dürfte Touristiker erfreuen.
Im Herbst sind laut Studie 14 Prozent Erstbesucher, im Frühling 13 Prozent.
Im Winter dagegen nur sechs Prozent.
Die Nebensaison lockt also vergleichsweise viele Menschen an, die Österreich erstmals ausprobieren.
Und vielleicht feststellen:
Es funktioniert erstaunlicherweise auch ohne Schnee und 30 Grad.
Man kann im Oktober tatsächlich nach Österreich fahren.
Die Alpen werden nach dem 31. August nicht eingelagert.
Mozart bleibt in Salzburg.
Wien hat weiterhin Kaffeehäuser.
Und auch der Kaiserschmarrn besitzt keine gesetzliche Winterpause.
Allerdings ein kleiner wissenschaftlicher Warnhinweis
Bevor jetzt sämtliche Hotels ihre Preise erhöhen:
Die Untersuchung basiert zwar auf stolzen 42.200 Interviews, wurde aber ausschließlich online durchgeführt.
Der Tourismus-Monitor weist deshalb selbst darauf hin, keinen Anspruch auf Repräsentativität zu erheben.
Sehr vernünftig.
Wir wissen also nicht mit letzter wissenschaftlicher Gewissheit, ob der ideale Herbstgast tatsächlich ein wohlhabender älterer Deutscher ist, der vier Nächte im Viersternhotel wohnt, nicht auf den Preis schaut, keinen Sport macht und stattdessen Kaffee trinkt.
Aber falls es ihn gibt:
Bitte sofort an die österreichische Grenze durchwinken.
Hurra, die Piefkes kommen!
Jahrzehntelang wurden deutsche Österreich-Urlauber liebevoll bis weniger liebevoll als „Piefkes“ verspottet.
Sie seien laut.
Sie reservierten Liegen.
Sie bestellten sonderbare Dinge zum Schnitzel.
Aber plötzlich schaut die Tourismusbranche auf ihre Zahlen und entdeckt:
Moment einmal – die haben Geld dabei!
Und schon klingt „Piefke“ fast wie ein touristisches Qualitätssiegel.
Also:
Herzlich willkommen in Österreich!
Bitte flanieren Sie.
Besichtigen Sie unsere Sehenswürdigkeiten.
Genießen Sie unsere Landschaft.
Besuchen Sie unsere Restaurants.
Übernachten Sie möglichst im Viersternhotel.
Und machen Sie sich wegen des Wetters keine Gedanken.
Regen heißt bei uns im Herbst nicht Regen.
Das ist ein eigenständiges, hochwertiges Niederschlagssegment.
Hurra, die Piefkes kommen!
Und Österreich hat vorsichtshalber schon einmal die Rechnung vorbereitet.


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