Großglockner: Wenn der Bergführer auch gleich den Türsteher macht

Großglockner: Wenn der Bergführer auch gleich den Türsteher macht

Veröffentlicht

Samstag, 29.08.2026
von Red. TB

Auf 3000 Metern ist die Luft dünn – offenbar manchmal auch für gute Entscheidungen

Eigentlich wollte ein polnisches Ehepaar nur vom Großglockner heruntersteigen. Ein nachvollziehbarer Plan. Wer auf rund 3000 Metern herumklettert, entwickelt irgendwann eine gewisse Sehnsucht nach Dingen wie Sauerstoff, festem Boden und einem Getränk, das nicht aus der Trinkflasche kommt.

Doch dann begegnete den beiden auf einem schmalen Grat ein österreichischer Bergführer. Und plötzlich wurde aus der Bergtour eine Art „Fast & Furious: Großglockner“.

Schauplatz: der Mürztaler Steig.

Links: Abgrund.

Rechts: Abgrund.

Dazwischen: ein paar Zentimeter Weg und mehrere erwachsene Männer, die offenbar beschlossen hatten, genau hier die Frage zu klären, wer zuerst darf.

„Servus“ – der traditionelle Beginn jeder alpinen Eskalation

Patryk, 42, begrüßt den herannahenden Österreicher zunächst freundlich mit „Servus“.

Keine Reaktion.

Das hätte bereits ein Hinweis sein können, dass die österreichisch-polnische Freundschaft an diesem Nachmittag nicht unbedingt ihren historischen Höhepunkt erreichen würde.

Patryk erklärt sinngemäß, dass er zuerst gehen möchte.

Der Österreicher sieht das anders.

Er hängt sich ins Stahlseil ein und schiebt sich auf dem schmalen Grat an Patryks Frau vorbei.

Patryk fragt: „Bist Du verrückt, oder was?“

Eine Frage, deren Beantwortung in den folgenden Minuten zunehmend leichter geworden sein dürfte.

Darauf folgt jener Satz, der vermutlich in keinem offiziellen Lehrbuch für Bergführer steht:

„Ich bin Bergführer, halt Dein Maul!“

Damit waren die Rollen geklärt.

Der eine war Bergführer.

Der andere sollte das Maul halten.

Und der Berg selbst war vermutlich froh, nicht in die Diskussion einbezogen zu werden.

Der Großglockner bekommt seine eigene Vorfahrtsregel

Nun entwickelt sich eine Debatte darüber, wer auf dem Grat zuerst gehen darf.

Im Straßenverkehr gäbe es dafür Schilder.

Auf dem Großglockner gibt es Stahlseile, Nebel und die Möglichkeit, mehrere hundert Meter herunterzufallen.

Also eigentlich der perfekte Ort für eine spontane Grundsatzdiskussion.

Patryk erklärt, es sei ihm ziemlich egal, ob sein Gegenüber Bergführer sei.

Das wiederum gefällt dem Bergführer offenbar nicht.

Er droht, zu ihm heraufzukommen und ihm „eine“ zu geben.

Man muss diese Konsequenz bewundern.

Andere Menschen sehen einen Abgrund und denken:

„Bloß vorsichtig.“

Hier lautete der Gedanke offenbar:

„Idealer Platz für eine Rangelei.“

Überholen mit Körperkontakt

Zwei weitere Bergsteiger müssen sich inzwischen um die Beteiligten herumbewegen.

Es entsteht Stau.

Auf 3000 Metern.

Damit hatte der Großglockner vermutlich kurzfristig mehr Verkehrsprobleme als manche deutsche Innenstadt.

Als Patryk auf die Blockade hinweist, eskaliert die Situation endgültig.

Der Bergführer bewegt sich an der Frau vorbei, drückt sie gegen die Bergwand und geht auf den 42-Jährigen los.

Wohlgemerkt nicht auf einem Parkplatz.

Nicht vor einer Kneipe.

Nicht einmal auf einer Almwiese.

Sondern auf einem schmalen Grat, neben dem die Landschaft praktisch senkrecht nach unten weitergeht.

Der Mann packt Patryk an den Armen und drängt ihn zurück.

Dazu ruft er mehrfach:

„Benimm Dich!“

Eine bemerkenswerte Aufforderung von jemandem, der gerade auf 3000 Metern einen anderen Menschen am Abgrund herumschubst.

Das ist ungefähr so, als würde jemand im Porzellanladen mit einem Vorschlaghammer stehen und rufen:

„Jetzt seid doch mal vorsichtig!“

Leider lief die Kamera

Was der Bergführer offenbar nicht ausreichend berücksichtigt hatte: Patryk trug eine Helmkamera.

Die gesamte Begegnung wurde aufgenommen.

Ein kleines technisches Detail, das schon so manchen spontanen Anfall von Autorität im Nachhinein erstaunlich schlecht aussehen ließ.

Patryk stellte das Video anschließend auf Instagram und schrieb, Überholen beim Bergsteigen sei selbstverständlich normal. Von einem professionellen Bergführer könne man allerdings Höflichkeit, Urteilsvermögen und Verantwortungsbewusstsein erwarten.

Eine geradezu radikale Forderung:

Der Mann, der andere Menschen sicher durch die Berge führen soll, soll sich sicher verhalten.

Berufsverband entdeckt überraschend ebenfalls Verbesserungspotenzial

Auch beim Kalser Berg- und Skiführerverein war man von der Vorstellung offenbar wenig begeistert, dass alpine Kundenbetreuung künftig nach dem Prinzip „Platz da oder es setzt was“ organisiert wird.

Der betreffende Mann sei zwar kein Vereinsmitglied gewesen, der Verein habe ihm jedoch Aufträge vermittelt.

Damit ist nun Schluss.

Vereinschef Michael Amraser bezeichnete das Verhalten als „katastrophal und absolut inakzeptabel“.

Eine Einschätzung, für die vermutlich keine mehrwöchige Untersuchungskommission notwendig war.

Beim polnischen Bergsteiger entschuldigte man sich ebenfalls.

Und jetzt interessiert sich auch die Justiz für den Ausflug

Patryk selbst erklärte, er habe den Mann nicht angezeigt.

Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass sich damit alle Beteiligten wieder die Wanderschuhe zubinden und nach Hause gehen können.

Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln wegen des Verdachts der Gefährdung der körperlichen Sicherheit.

Dem Bergführer könnten laut Bericht bis zu drei Monate Gefängnis drohen.

Damit endet eine Bergtour, die vermutlich ganz anders geplant war:

Das polnische Ehepaar wollte vom Großglockner herunter.

Der Bergführer wollte offenbar unbedingt zuerst vorbei.

Und am Ende beschäftigt sich die Staatsanwaltschaft damit.

Die wichtigste alpine Erkenntnis dieses Tages dürfte deshalb lauten:

Auf schmalen Graten sollte man Rücksicht nehmen.

Nicht nur, weil neben einem der Abgrund wartet.

Sondern inzwischen möglicherweise auch eine Helmkamera.

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iamaliuyar (CC0), Pixabay

von Autor: Red. TB
am: Samstag, 29.08.2026

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