Disney unter Druck: Ex-Kinderstar erhebt schwere Vorwürfe – und wieder geht es um die Frage, wer Kinder am Set eigentlich schützt

Disney unter Druck: Ex-Kinderstar erhebt schwere Vorwürfe – und wieder geht es um die Frage, wer Kinder am Set eigentlich schützt

Veröffentlicht

Montag, 24.08.2026
von Red. TB

Hollywood liebt Geschichten über Kindheit.

Freundschaft. Abenteuer. Familie. Magie.

Nur beim tatsächlichen Schutz von Kindern am Set scheint das Drehbuch gelegentlich erstaunlich dünn zu sein.

Die frühere Kinderdarstellerin Raquel Lee erhebt in einer neuen Klage schwere Vorwürfe gegen einen ehemaligen Disney-Mitarbeiter. Sie wirft ihm vor, sie während der Dreharbeiten zum Disney-Channel-Film „The Poof Point“ im Jahr 2001 sexuell belästigt und vergewaltigt zu haben.

Lee war damals 14 Jahre alt.

Der Beschuldigte wird in der Klage nicht namentlich genannt. Beschrieben wird er als erwachsener, mittelalter Disney-Mitarbeiter, der an der Produktion beteiligt gewesen sei.

Disney selbst äußerte sich gegenüber USA TODAY nicht zu den Vorwürfen.

Angeblich Alkohol für eine 14-Jährige

Nach Darstellung der Klage waren Schauspieler und Crew während der Dreharbeiten gemeinsam in einem Hotel in Utah untergebracht.

Der Mann soll Lee und ihre Betreuungsperson zunächst unter dem Vorwand in sein Hotelzimmer eingeladen haben, mit ihr Texte zu üben.

Dort soll die damals 14-Jährige zum Alkoholkonsum gedrängt worden sein.

Später sei Lee erneut allein in sein Zimmer gekommen. Dort soll der Mann sie vergewaltigt haben.

Er sei laut Klage mindestens doppelt so alt gewesen wie sie.

Man kann an dieser Stelle auf Satire eigentlich verzichten.

Denn eine Produktion, bei der ein erwachsener Mitarbeiter offenbar Zugang zu einem betrunkenen 14-jährigen Kind bekommt, liefert die bitterste Pointe bereits selbst:

Wo waren eigentlich die Erwachsenen?

Laut Klage: Niemand griff ein

Genau diese Frage steht im Zentrum der Klage.

Lees Anwälte behaupten, kein einziger Erwachsener habe den Missbrauch erkannt oder versucht, ihr zu helfen.

Disney habe Lee außerdem während großer Teile des Arbeitstages von ihrer Betreuungsperson getrennt und zugelassen, dass Erwachsene ohne Aufsicht mit Minderjährigen Kontakt hatten.

Die Klage formuliert deshalb einen schweren Vorwurf gegen das Unternehmen: Das Set sei für Kinder nicht sicher gewesen.

Oder anders gesagt:

Während im Hintergrund vermutlich minutiös geregelt wurde, wann Licht, Kamera und Catering einsatzbereit sein mussten, soll beim wichtigsten Punkt erstaunliche Improvisation geherrscht haben:

Wer passt eigentlich auf das Kind auf?

Ein Kind, das plötzlich nicht mehr funktionierte

Die Klage beschreibt eine drastische Veränderung bei Lee.

Vor den Dreharbeiten sei sie ein energiegeladenes, gewissenhaftes Kind gewesen, das seine Texte intensiv vorbereitet habe.

Danach sei sie erschöpft, krank und teilweise alkoholisiert am Set erschienen. Sie habe Schwierigkeiten gehabt, sich zu konzentrieren und Texte auswendig zu lernen, und habe sich regelmäßig übergeben müssen.

Spätestens an diesem Punkt hätte man eigentlich erwarten können, dass jemand sagt:

„Moment mal, mit diesem Kind stimmt etwas überhaupt nicht.“

Doch laut Klage geschah genau das nicht.

Das ist vielleicht eines der verstörendsten Elemente der Vorwürfe.

Nicht nur, dass etwas passiert sein soll.

Sondern dass die Folgen offenbar sichtbar gewesen sein sollen – und trotzdem niemand einschritt.

Willkommen im Kinderfernsehen

Raquel Lee war zuvor unter anderem aus „The Amanda Show“ bekannt.

Schon Jahre vor der aktuellen Klage hatte sie öffentlich über ihre Erfahrungen als Kinderstar gesprochen und beschrieben, wie austauschbar und entmenschlicht sie sich damals gefühlt habe.

Ihre Wahrnehmung sei gewesen, dass es weniger darum ging, ob es ihr als Mensch oder als Kind gutging.

Entscheidend sei gewesen, dass die Show funktionierte.

Hollywood nennt so etwas vermutlich Professionalität.

Ein Kind könnte es auch einfach so beschreiben:

Alle wollen, dass ich funktioniere.

Die unangenehme Tradition der Kinderstar-Debatten

Lees Vorwürfe stehen nicht isoliert.

In den vergangenen Jahren haben zahlreiche ehemalige Kinderstars über problematische Arbeitsbedingungen, Ausbeutung und Missbrauch in der Unterhaltungsbranche gesprochen.

Die Dokumentarserie „Quiet on Set: The Dark Side of Kids TV“ brachte viele dieser Geschichten erneut in die Öffentlichkeit.

Lee selbst war daran beteiligt und sprach dort unter anderem über ihre Erfahrungen als schwarze Darstellerin bei „The Amanda Show“.

Nach Ausstrahlung der Dokumentation sagte sie, die Berichte über sexuellen Missbrauch anderer ehemaliger Kinderstars hätten bei ihr eigene Traumata wieder ausgelöst.

Was zeigt:

Man kann traumatische Erfahrungen jahrelang verdrängen.

Man kann Interviews geben.

Man kann erwachsen werden.

Aber das bedeutet nicht automatisch, dass das Erlebte verschwunden ist.

Und wieder dieselbe Frage: Wer kontrolliert die Erwachsenen?

Kinderproduktionen verfügen normalerweise über Regeln.

Aufsichtspflichten.

Arbeitszeitvorschriften.

Betreuungspersonen.

Jugendschutzbestimmungen.

Auf dem Papier sieht das häufig beeindruckend aus.

Das Problem beginnt dort, wo Papier auf Realität trifft.

Denn Schutzbestimmungen funktionieren nur, wenn jemand sie tatsächlich durchsetzt.

Eine Vorschrift, nach der Minderjährige beaufsichtigt werden müssen, hilft wenig, wenn ein Kind trotzdem unbeaufsichtigt mit Erwachsenen allein bleibt.

Ein Regelwerk ist kein Schutzschild.

Es ist zunächst nur ein Dokument.

Disney schweigt

Disney wollte sich zu der Klage nicht äußern.

Das ist bei laufenden Verfahren nicht ungewöhnlich.

Juristisch ist Zurückhaltung verständlich.

Für die öffentliche Debatte bleibt dennoch eine unbequeme Frage zurück:

Wie konnte eine Branche, die seit Jahrzehnten mit Kindern arbeitet, so lange immer wieder mit denselben Vorwürfen konfrontiert werden?

Vielleicht braucht Hollywood weniger Seminare darüber, wie wichtig Kinderschutz ist.

Und mehr Systeme, die tatsächlich verhindern, dass Erwachsene überhaupt die Gelegenheit bekommen, Grenzen zu überschreiten.

Die bittere Pointe

Raquel Lee arbeitete später weiterhin für Disney und kehrte sogar für die Neuauflage von „The Proud Family“ zurück.

Die Klage beschreibt gleichzeitig, dass ihre frühere Arbeit für das Unternehmen ihr Leben auf eine Weise verändert habe, die sie sich niemals gewünscht hätte.

Und genau darin steckt die bitterste Ironie:

Kinderstars sollen vor der Kamera Geschichten erzählen, in denen am Ende meistens alles gut wird.

Im wirklichen Leben gibt es jedoch keinen Abspann, nach dem traumatische Erfahrungen einfach verschwinden.

Deshalb sollte die wichtigste Aufgabe jedes Studios eigentlich ziemlich banal sein:

Kinder sollen nach einem Drehtag sicherer nach Hause gehen, als sie morgens gekommen sind.

Dass man darüber im Jahr 2026 noch immer diskutieren muss, ist die eigentliche Satire.

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Bildnachweis:

qimono (CC0), Pixabay

von Autor: Red. TB
am: Montag, 24.08.2026

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