Scott Spiezio stand im Baseball ganz oben. Er gewann zweimal die World Series, verdiente Millionen und wurde mit einem der wichtigsten Homeruns in der Geschichte der Los Angeles Angels zum Helden. Doch nach den sportlichen Höhepunkten folgte ein jahrelanger Absturz, der ihn seine Karriere, sein Vermögen und große Teile seines Familienlebens kostete.
Heute spricht der ehemalige MLB-Profi offen über seine Alkohol- und Kokainabhängigkeit. In seiner Autobiografie „The Hardest Comeback“, die am 28. Juli erscheint, schildert Spiezio, wie aus gelegentlichem Alkoholkonsum eine Abhängigkeit wurde und wie er trotz zahlreicher Entzugsversuche immer wieder rückfällig wurde.
Der inzwischen 53-Jährige beschreibt sich heute als veränderten Menschen. Seine Geschichte soll vor allem anderen zeigen, wohin eine Sucht führen kann – und dass selbst nach einem tiefen Absturz ein Neuanfang möglich ist.
Ein Baseball-Leben wie aus dem Bilderbuch
Lange deutete wenig darauf hin, dass Spiezios Leben eine solche Wendung nehmen würde. Baseball lag in der Familie: Sein Vater Ed Spiezio spielte ebenfalls in der Major League und gewann 1964 mit den St. Louis Cardinals die World Series.
Der Sohn folgte diesem Weg und schaffte es ebenfalls bis an die Spitze. Seinen größten Moment erlebte Scott Spiezio 2002 mit den damaligen Anaheim Angels.
In Spiel sechs der World Series gegen die San Francisco Giants lagen die Angels im achten Inning mit 0:5 zurück und standen unmittelbar vor dem Aus. Spiezio schlug einen Drei-Run-Homerun und leitete damit eine spektakuläre Aufholjagd ein. Die Angels gewannen das Spiel und einen Tag später die erste World Series der Vereinsgeschichte.
Spiezio gehörte zu den prägenden Spielern dieser Postseason. Abseits des Baseballfeldes schien sein Leben ebenfalls perfekt. Er war mit seiner Jugendliebe verheiratet, hatte drei Kinder und stand als Sänger einer Rockband auf der Bühne.
Nach seinen starken Leistungen erhielt er bei den Seattle Mariners einen Vertrag über drei Jahre und 9,15 Millionen Dollar.
Doch ausgerechnet dort begann die Krise.
Eine Verletzung verändert alles
Im Frühjahr 2004 verletzte sich Spiezio am Rücken. Zwei Bandscheiben waren betroffen, er fiel rund zwei Monate aus und fand anschließend sportlich nicht mehr zu seiner vorherigen Form zurück.
Mit den Problemen auf dem Spielfeld verschlechterte sich auch seine psychische Verfassung. Er begann, häufiger mit Teamkollegen auszugehen und Alkohol zu trinken.
Was mit einigen Drinks begann, entwickelte sich zunehmend zu exzessivem Konsum. Aus Whiskey wurde Wodka, der sich leichter verbergen ließ. Schließlich trank Spiezio nach eigenen Angaben morgens, tagsüber und abends.
Selbst während Baseballspielen habe er Wodka in Getränkeflaschen gefüllt.
Etwa ein Jahr später kam Kokain hinzu.
Anfangs verband Spiezio den Konsum sogar mit seinen sportlichen Leistungen. Nachdem er nach einer Nacht mit Kokain am folgenden Tag zwei Homeruns geschlagen hatte, entwickelte sich in seinem Kopf eine Verbindung zwischen der Droge und seinem Erfolg.
Aus einem vermeintlichen Ritual wurde Gewohnheit – und aus der Gewohnheit eine Abhängigkeit.
Zweiter Titel, während die Sucht längst eskalierte
Sportlich gelang Spiezio noch einmal die Rückkehr auf die große Bühne. 2006 spielte er für die St. Louis Cardinals und gewann mit dem Team seine zweite World Series.
Doch während nach außen gefeiert wurde, war sein Leben bereits von Alkohol und Kokain bestimmt. Spiezio konsumierte nach eigener Darstellung selbst während der Feierlichkeiten nach dem Titelgewinn und anschließend im Urlaub weiter.
Sein Alltag drehte sich zunehmend darum, Alkohol und Kokain zu beschaffen. Ohne die Substanzen glaubte er irgendwann nicht mehr funktionieren zu können.
2007 ließ sich die Situation nicht länger verbergen. Die Cardinals setzten ihn auf die Restricted List. Nach einem weiteren Vorfall, bei dem Spiezio alkoholisiert einen Autounfall verursacht haben soll und anschließend mit einem Nachbarn aneinandergeriet, trennte sich der Verein von ihm.
Seine MLB-Karriere war praktisch beendet.
Verhaftungen, Entzugskliniken und immer neue Rückfälle
Mit dem Ende seiner Karriere verschärfte sich der Absturz.
Spiezio durchlief nach eigener Darstellung rund ein Dutzend Einrichtungen zur Behandlung seiner Alkohol- und Drogenprobleme. Doch selbst längere Phasen intensiver Unterstützung führten zunächst nicht zu einer dauerhaften Veränderung.
Einmal verbrachte er einen Monat in einer Entzugseinrichtung in Tucson – und begann bereits auf dem Rückflug wieder zu trinken.
Auch mit dem Gesetz geriet er mehrfach in Konflikt. Insgesamt wurde er fünfmal festgenommen. In einem Fall verlor er nach einem Vorfall unter Alkoholeinfluss für mehrere Jahre seine Fahrerlaubnis.
2015 kam es während eines Streits mit seiner damaligen Freundin zu einer weiteren Festnahme. Spiezio beschädigte dabei unter anderem eine Tür und einen Fernseher und schlug mit der Faust durch ein Fenster.
Die Situation eskalierte bei der Ankunft der Polizei weiter. Spiezio befand sich zu diesem Zeitpunkt nach eigener Schilderung in einer der dunkelsten Phasen seines Lebens.
Familie und Vermögen gingen verloren
Die Folgen der Abhängigkeit beschränkten sich längst nicht mehr auf Baseball und Gesundheit.
Spiezio verlor Häuser, Autos und die Kontrolle über seine Finanzen. Seine Eltern übernahmen zeitweise seine Rechnungen und versorgten ihn mit Lebensmitteln. Kreditkarten, Bankkarten und Führerschein hatte er nicht mehr.
Besonders schwer traf ihn der Zerfall seiner familiären Beziehungen.
Er heiratete zweimal und ließ sich zweimal scheiden. Das Verhältnis zu seinen Kindern litt massiv unter seiner Sucht. Wichtige Ereignisse verpasste er, darunter den Highschool-Abschluss eines Sohnes. Bei anderen Veranstaltungen erschien er alkoholisiert oder unter Drogeneinfluss.
Auch zu seinen Eltern brach der Kontakt zeitweise nahezu vollständig ab.
Für seinen Vater Ed war die Situation besonders belastend. Über Jahre lebte die Familie mit der Sorge, jederzeit einen Anruf erhalten zu können, dass Scott etwas zugestoßen sei.
Heute sagt Ed Spiezio, er sei auf seinen Sohn wegen dessen Entwicklung nach der Sucht sogar stolzer als auf dessen sportliche Erfolge.
Selbst eine lebensbedrohliche Diagnose reichte zunächst nicht
Wie weit die Abhängigkeit fortgeschritten war, zeigte sich spätestens 2018.
Nach Spiezios Darstellung teilten Ärzte ihm mit, dass er eine Lebertransplantation benötige. Voraussetzung dafür sei unter anderem, sechs Monate keinen Alkohol zu trinken.
Doch bereits am folgenden Tag trank er wieder.
Spiezio beschreibt rückblickend eine Abhängigkeit, bei der Alkohol und Kokain nicht mehr dem Vergnügen dienten. Er hatte vielmehr das Gefühl, die Substanzen zu benötigen, um überhaupt durch den Alltag zu kommen.
Gleichzeitig verschlechterte sich seine psychische Verfassung erheblich. In besonders schweren Phasen glaubte er, seine Familie wäre ohne ihn besser dran.
Heute will Spiezio andere vor seinem Weg warnen
Mittlerweile blickt der ehemalige Baseballstar anders auf sein Leben.
Er übernimmt nach eigener Aussage Verantwortung für viele Entscheidungen, die zu seinem Absturz geführt haben. Gleichzeitig hat sich seine Sicht auf Menschen mit Suchterkrankungen verändert.
Früher habe er geglaubt, Betroffene seien schlicht zu schwach oder würden sich nicht genügend bemühen. Erst durch seine eigene Erfahrung habe er verstanden, wie stark eine Abhängigkeit Denken, Verhalten und Entscheidungen verändern kann.
Heute tritt Spiezio bei Baseballveranstaltungen auf und spricht vor Gruppen über seine Erfahrungen. Besonders Jugendlichen möchte er vermitteln, welche Folgen Alkohol- und Drogenmissbrauch haben können.
Seine Autobiografie versteht er als weiteren Teil dieser Aufgabe.
Die Vergangenheit könne er nicht rückgängig machen. Vor allem den Schmerz, den er seinen Kindern, Eltern und anderen Menschen zugefügt habe, würde er gerne ungeschehen machen. Gleichzeitig glaubt er, seine Erfahrungen heute nutzen zu können, um anderen Menschen Hoffnung zu geben.
Ein anderes Verständnis von Erfolg
Die Unterschiede zwischen seinem früheren und seinem heutigen Leben könnten kaum größer sein.
Spiezio war World-Series-Champion, MLB-Star und Millionär. Er besaß Immobilien, Autos und konnte große Summen ausgeben. Zeitweise schien ihm nahezu alles offenzustehen.
Von diesem materiellen Wohlstand ist nach seiner Darstellung kaum etwas geblieben.
Doch seine Maßstäbe haben sich verändert. Geld, Ruhm und sportliche Erfolge hätten für ihn nicht mehr dieselbe Bedeutung wie früher. Entscheidend sei, nach allem, was passiert ist, überhaupt noch hier zu sein und seine Geschichte nutzen zu können.
Seinen berühmtesten sportlichen Moment wird Spiezio wohl für immer mit dem Homerun in Spiel sechs der World Series 2002 verbinden. Sein schwierigstes Comeback fand jedoch nicht auf einem Baseballfeld statt.
Heute geht es für ihn darum, sein Leben neu aufzubauen und anderen zu zeigen, wie zerstörerisch eine Abhängigkeit werden kann. Er bezeichnet sich dabei nicht als perfekten Menschen – sondern als einen Menschen, der sich verändert hat.


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