Kaum hatte die Fußball-WM begonnen, fühlten sich manche Zuschauer an einen Sommerschlussverkauf erinnert. Nur wurden diesmal keine Rabattmarken verteilt, sondern rote Karten.
Gleich im Eröffnungsspiel zwischen Mexiko und Südafrika zog Schiedsrichter Wilton Sampaio dreimal Rot. Drei Platzverweise in einem Spiel! Das gab es bei einer WM zuletzt vor 20 Jahren. Die Fans fragten sich bereits, ob sie versehentlich auf die Übertragung einer Rugby-Weltmeisterschaft umgeschaltet hatten.
Zur Erinnerung: Bei den Turnieren in Russland 2018 und Katar 2022 wurden insgesamt gerade einmal vier rote Karten gezeigt. Die aktuelle WM hat diese Marke nach 90 Minuten beinahe eingestellt. Der Rekord dürfte also ungefähr so sicher sein wie ein Eiswürfel in der Sahara.
Collina entdeckt seine innere Verkehrspolizei
FIFA-Schiedsrichterchef Pierluigi Collina predigt seit Jahren Fairness und Gerechtigkeit. Spieler sollen nur dann vom Platz fliegen, wenn sie es wirklich verdient haben.
Offenbar lautet die neue Definition von „wirklich verdient“ inzwischen: „Wir schauen uns das lieber nochmal in Zeitlupe aus 17 Perspektiven an.“
Besonders die rote Karte gegen Südafrikas Themba Zwane sorgte für Verwunderung. Nach minutenlangen VAR-Studien wirkte die Szene am Ende ungefähr so eindeutig wie ein modernes Kunstwerk. Die einen sahen eine Tätlichkeit, die anderen eine unglückliche Armbewegung, und wieder andere suchten noch nach dem eigentlichen Kontakt.
Der VAR sieht alles. Wirklich alles.
Früher konnte man als Spieler hoffen, dass eine kleine Unsportlichkeit unbemerkt blieb. Heute überwachen Kameras jede Augenbrauenbewegung.
Wenn das so weitergeht, gibt es bei der nächsten WM rote Karten für:
- übertriebenes Augenrollen,
- passiv-aggressives Klatschen,
- verdächtiges Grinsen nach einem Foul,
- und das Tragen eines beleidigten Gesichtsausdrucks.
Fußball oder Escape Room?
Manchmal hatte man den Eindruck, die Spieler versuchten weniger, Tore zu erzielen, als herauszufinden, welche Aktion als Nächstes mit Rot bestraft wird.
Ein falscher Zweikampf? Rot.
Ein ungeschickter Arm? Rot.
Zu lange Diskussion mit dem Schiedsrichter? Vermutlich demnächst Rot mit Bonuspunkt.
Die FIFA arbeitet schließlich konsequent daran, die sogenannten „dunklen Künste“ aus dem Fußball zu verbannen. In einigen Jahren könnte das Spiel dann komplett konfliktfrei sein. Elf Spieler stehen sich gegenüber, entschuldigen sich gegenseitig und reichen nach jedem Ballkontakt Blumensträuße über den Mittelkreis.
Keine Panik – noch nicht
Trotz aller Aufregung sollte man die Schiedsrichter nicht vorschnell zum Hauptdarsteller dieser WM erklären. Zwei der drei Platzverweise waren durchaus vertretbar, auch wenn die Fans bei manchen Entscheidungen vermutlich noch immer die Wiederholung suchen.
Vielleicht war das Eröffnungsspiel einfach ein statistischer Ausreißer.
Vielleicht.
Oder die FIFA hat beschlossen, dass die wahre Trophäe dieser WM nicht der goldene Pokal ist, sondern die rote Karte.
Die nächsten Spiele werden es zeigen. Schiedsrichter und Kartenhersteller dürften jedenfalls bestens vorbereitet sein.


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