In Memphis, einer der historisch wichtigsten Städte der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, wächst die Wut über neue Pläne republikanischer Politiker zur Neuaufteilung von Wahlkreisen. Kritiker sprechen offen von einem Versuch, den politischen Einfluss schwarzer Wähler gezielt zu schwächen.
Im Zentrum steht Tennessees 9. Kongresswahlbezirk – jener Wahlkreis, der große Teile von Memphis umfasst und bislang die letzte demokratische Hochburg des Bundesstaates ist.
Doch genau dieser Bezirk könnte nun zerschlagen werden.
Republikaner wollen Karten neu zeichnen
Nach einer umstrittenen Entscheidung des Supreme Court Ende April wittern republikanisch regierte Südstaaten neue Chancen, ihre Macht auszubauen.
Das höchste US-Gericht hatte eine Wahlkreisregelung in Louisiana gekippt, die ausdrücklich den politischen Einfluss schwarzer Wähler schützen sollte. Die konservative Mehrheit argumentierte, Rasse dürfe bei der Einteilung von Wahlkreisen nicht zu stark berücksichtigt werden.
Für Republikaner ist das ein politisches Signal.
Bereits wenige Stunden nach dem Urteil begannen mehrere Bundesstaaten mit neuen Redistricting-Plänen – also dem Neuzuschneiden von Wahlkreisen.
Auch Tennessee gehört dazu.
„Cracking“: Stimmen gezielt aufteilen
Kritiker werfen den Republikanern vor, eine bekannte Strategie anzuwenden:
das sogenannte „Cracking“.
Dabei wird eine politisch starke Wählergruppe – in diesem Fall vor allem schwarze und demokratische Wähler in Memphis – auf mehrere Wahlkreise verteilt, damit ihre Stimmen weniger Gewicht haben.
Genau dieses Modell wurde bereits 2022 in Nashville umgesetzt.
Politikwissenschaftler warnen:
Dadurch könnte Memphis künftig keinen einzigen demokratischen Kongressabgeordneten mehr stellen.
Bürgerrechtler schlagen Alarm
Die Symbolkraft ist enorm.
Memphis gilt als Herzstück der amerikanischen Bürgerrechtsgeschichte:
- Hier unterstützte Martin Luther King Jr. den Streik schwarzer Müllarbeiter.
- Hier hielt er seine berühmte „I’ve Been to the Mountaintop“-Rede.
- Und hier wurde er 1968 ermordet.
Für viele Aktivisten ist die aktuelle Debatte deshalb weit mehr als nur ein Streit über Wahlkarten.
„Das ist ein Rückschritt um 50 Jahre“, sagte der Historiker Charles McKinney.
Er sprach von einer neuen Konsolidierung von Segregation, Rassismus und Anti-Blackness.
Auch Martin Luther King III meldete sich ungewöhnlich deutlich zu Wort und warnte Tennessees Regierung davor, „das Werk seines Vaters rückgängig zu machen“.
Trump drängt auf mehr GOP-Wahlkreise
Angetrieben wird die Entwicklung auch von Donald Trump.
Der Präsident fordert republikanische Bundesstaaten offen dazu auf, Wahlkreise neu zuzuschneiden, um bei den Zwischenwahlen zusätzliche Sitze im Kongress zu gewinnen.
Trump sprach sogar davon, auf diese Weise mehr als 20 zusätzliche Republikaner ins Repräsentantenhaus bringen zu können.
Kritiker sehen darin eine weitere Radikalisierung des amerikanischen Wahlsystems.
Denn während beide Parteien seit Jahrzehnten Gerrymandering betreiben, wird die aktuelle Runde von vielen Beobachtern als besonders aggressiv wahrgenommen.
Proteste vor dem Kapitol
In Nashville demonstrierten bereits Hunderte Menschen gegen die Pläne.
Auf Schildern stand:
- „No Jim Crow 2.0“
- „Lee Sold Out Tennessee“
Mehrere demokratische Politiker bezeichneten die Maßnahmen als rassistisch motiviert.
Der demokratische Kongressabgeordnete Steve Cohen sprach sogar davon, die Republikaner wollten das Land „zurück in die Jim-Crow-Ära“ führen – also in die Zeit institutionalisierter Rassentrennung im Süden der USA.
Die größere Gefahr für die Demokratie
Der Streit zeigt ein grundlegendes Problem der amerikanischen Politik:
Immer stärker versuchen Parteien, Wahlergebnisse bereits durch Wahlkreisgrenzen zu beeinflussen – statt durch politische Überzeugungsarbeit.
Das eigentliche Risiko dabei:
Wenn immer mehr Bürger das Gefühl bekommen, dass Wahlsysteme strategisch manipuliert werden, schwindet das Vertrauen in demokratische Institutionen insgesamt.
Und genau dieses Vertrauen gehört eigentlich zu den wichtigsten Grundlagen jeder Demokratie.

