Leichter als ein Stück Seife: Die Schuhe hinter dem Marathon-Weltrekord

Leichter als ein Stück Seife: Die Schuhe hinter dem Marathon-Weltrekord

Veröffentlicht

Dienstag, 28.04.2026
von Red. TB

Als Sabastian Sawe vergangene Woche sagte, es sei „nur eine Frage der Zeit“, bis er den Marathon-Weltrekord des verstorbenen Kelvin Kiptum brechen werde, rechneten nur wenige damit, dass es schon beim London Marathon am Sonntag passieren würde.

Doch was Sawe gelang, war mehr als nur ein neuer Weltrekord. Mit einer Zeit von 1:59:30 Stunden verschob der 31-jährige Kenianer die Grenzen des bisher Vorstellbaren.

Zwar war Eliud Kipchoge bereits 2019 der erste Mensch, der einen Marathon unter zwei Stunden lief – doch diese Leistung war unter kontrollierten Bedingungen erzielt worden und deshalb nicht offiziell rekordfähig.

Nun gelang Sawe Historisches im regulären Wettkampf. Und er war nicht allein: Auch der Äthiopier Yomif Kejelcha, der in 1:59:40 Stunden Zweiter wurde, schrieb Geschichte – als erst zweiter Läufer überhaupt mit einer offiziell gewerteten Zeit unter zwei Stunden.

Auch bei den Frauen fiel ein Rekord: Tigst Assefa aus Äthiopien verbesserte ihre eigene Weltbestmarke um neun Sekunden auf 2:15:41 Stunden.

In einer Disziplin, in der oft kleinste Details über Sieg oder Niederlage entscheiden, richtet sich nun die Aufmerksamkeit auf eine zentrale Frage: Wie war dieser rekordverdächtige Sonntag möglich?

Für viele liegt die Antwort vor allem in einem Detail: dem Schuh.


Welchen Schuh trugen Sawe, Kejelcha und Assefa?

Alle drei Athleten liefen in Adidas’ Adizero Adios Pro Evo 3.

Der Schuh wurde erst am 25. April vorgestellt – also gerade einmal zwei Tage vor dem London Marathon.

Es handelt sich um die dritte Generation eines bereits sehr erfolgreichen Modells. Nach Angaben von Adidas wurde der Schuh in den vergangenen drei Jahren gemeinsam mit Sawe, Kejelcha und Assefa weiterentwickelt.

Bei Sawe zeigte sich die Wirkung eindrucksvoll: Er unterbot den bisherigen Londoner Streckenrekord von Kelvin Kiptum (2:01:25) um fast zwei Minuten.

Nach dem Rennen lobte Sawe den Schuh ausdrücklich und bedankte sich bei Adidas. Besonders hob er hervor, wie leicht und gleichzeitig stabil sich das Modell anfühle.


Was macht den Pro Evo 3 so besonders?

Mit einem Gewicht von nur 99 Gramm ist der Adizero Adios Pro Evo 3 der erste sogenannte „Super-Schuh“, der unter der Marke von 100 Gramm bleibt.

Damit ist er leichter als ein mittelgroßer Apfel, eine Banane – oder eben ein Stück Seife.

In den vergangenen Jahren waren große Fortschritte im Marathon vor allem durch Schuhe mit Carbonplatte in der Mittelsohle möglich geworden.

Der Pro Evo 3 geht jedoch einen etwas anderen Weg: Statt einer klassischen Carbonplatte nutzt Adidas eine Carbon-Konstruktion, die sich um die Mittelsohle legt. Dadurch soll die Laufökonomie erhalten bleiben und gleichzeitig das Gesamtgewicht sinken.

Patrick Nava, Vizepräsident Running bei Adidas, sagte über den Entwicklungsprozess:

„Auf diesem Niveau zählt wirklich jedes Detail – wir haben Dinge bis auf das nächste Nanogramm gemessen.“

Er bezeichnete die Entwicklung als langwierigen Prozess, der aber zu einem Schuh geführt habe, der das Gefühl eines Wettkampfschuhs grundlegend verändere.

Für Freizeitläufer hat diese Spitzentechnologie allerdings ihren Preis: Eine größere Markteinführung ist für später im Jahr geplant – dann soll der Schuh 450 Pfund kosten.

Hat Adidas Nike vom Thron gestoßen?

Als Eliud Kipchoge 2019 mit den Nike Alphafly als erster Mensch die Zwei-Stunden-Marke knackte, galt Nike klar als Maßstab im Marathonbereich.

Dieses Image wurde 2023 weiter gestärkt, als Kelvin Kiptum in Chicago mit den Nike Alphafly 3 den damaligen Weltrekord aufstellte.

Doch der Wettkampf der Marken ist genauso dynamisch wie der auf der Straße.

Nach den Ergebnissen von London kann Adidas nun für sich beanspruchen, dass der schnellste Mann und die schnellste Frau der Marathon-Geschichte ihre Rekorde in Adidas-Schuhen gelaufen sind.

Allerdings bleibt der Konkurrenzkampf offen. Auch Marken wie Asics, Saucony, Hoka, Brooks und New Balance waren beim London Marathon an den Füßen zahlreicher Spitzenläufer vertreten.

Adidas-Manager Nava sagt dazu:

„Wir sind alle sportliche, leidenschaftliche Menschen. Natürlich gibt es diesen Wettbewerbsgeist und den Wunsch zu gewinnen.“

Gleichzeitig betonte er, dass letztlich vor allem eines zähle: den Athleten die bestmöglichen Bedingungen zu bieten.

Welche Regeln gelten für „Super-Schuhe“?

Die internationalen Verbände versuchen seit Jahren, mit der rasanten Entwicklung der Laufschuh-Technologie Schritt zu halten.

World Athletics überarbeitete seine Regeln zuletzt im Januar 2022.

In einem 18-seitigen Regelwerk wurde festgelegt, dass Wettkampfschuhe nur dann zugelassen sind, wenn sie grundsätzlich allen Athleten in entsprechenden Wettbewerben zugänglich sind.

Außerdem gelten technische Grenzen:

  • Die maximale Sohlenhöhe („Stack Height“) darf 40 Millimeter nicht überschreiten
  • Ein Schuh darf nicht mehr als eine Carbonplatte enthalten

Athleten dürfen zwar auch in Schuhen mit höherer Sohle starten, doch ihre Zeiten werden dann nicht offiziell anerkannt, weil das Modell als regelwidrig gilt.

Da die Hersteller immer neue Vorteile suchen, dürften die Regulierungsbehörden auch in Zukunft gefordert bleiben.

Patrick Nava deutete bereits an, dass die Entwicklung längst nicht abgeschlossen sei:

„Es gibt schon ein paar Dinge, an denen wir weiter feilen.“


Liegt es wirklich nur an den Schuhen?

So spektakulär die Schuhe auch sind – sie erklären nicht alles.

In den vergangenen 20 Jahren haben sich nicht nur die Materialien im Laufsport verändert, sondern auch die Sportwissenschaft enorme Fortschritte gemacht.

Heute weiß man viel genauer, wie man den berühmten „Mann mit dem Hammer“ vermeidet – also den Punkt, an dem die Energie im Marathon einbricht.

Ein entscheidender Faktor ist dabei die gezielte Versorgung mit Kohlenhydraten, um die Glykogenspeicher möglichst lange gefüllt zu halten.

Im Fall von Sawe arbeitete ein Forschungsteam des Sporternährungsunternehmens Maurten intensiv mit ihm zusammen.

Die Experten, spezialisiert auf sogenannte Hydrogele, verbrachten im vergangenen Jahr an sechs verschiedenen Terminen insgesamt 32 Tage mit dem Kenianer.

Ziel war es, seinen Körper darauf zu trainieren, innerhalb einer Stunde 90 bis 120 Gramm Kohlenhydrate aus Energiegels aufzunehmen – ohne Magenprobleme zu bekommen.

Wenn die Glykogenspeicher stabil bleiben, kann der Körper länger auf Kohlenhydrate als bevorzugte Energiequelle zurückgreifen, statt frühzeitig auf Fettreserven umzuschalten. Das spart Kraft – und Zeit.

Auch Dopingfragen spielen eine Rolle

Wie so oft bei historischen Bestzeiten bleiben auch kritische Fragen nicht aus.

Nachdem Ruth Chepngetich, Siegerin des Chicago Marathons 2024 mit Weltrekordzeit, 2025 wegen Dopings für drei Jahre gesperrt wurde, ist das Thema erneut sensibel.

Vor diesem Hintergrund baten Sawe und Adidas die Athletics Integrity Unit, die Dopingkontrollen für den Kenianer zu intensivieren.

Bereits 2025 zahlte Adidas nach BBC-Angaben 50.000 US-Dollar (rund 36.800 Pfund), um vor dem Berlin-Marathon zusätzliche Tests bei Sawe zu finanzieren.

Fazit: Ein Weltrekord aus Technik, Wissenschaft und Talent

Der Marathon unter zwei Stunden im regulären Rennen war lange eine Grenze, die als kaum erreichbar galt.

Doch Sabastian Sawe hat sie nun durchbrochen – nicht allein durch außergewöhnliches Talent, sondern durch das Zusammenspiel aus:

  • herausragender körperlicher Leistung
  • modernster Schuhtechnologie
  • präziser Ernährungsstrategie
  • sportwissenschaftlicher Optimierung
  • und engmaschiger Kontrolle

Der Adidas Adizero Adios Pro Evo 3 mag nicht der einzige Grund für diesen historischen Lauf sein – aber er ist zweifellos eines der sichtbarsten Symbole dafür, wie sich der Marathon gerade neu erfindet.

Bildnachweis:

qimono (CC0), Pixabay

von Autor: Red. TB
am: Dienstag, 28.04.2026

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