Wer alte Kleidung in Sammelcontainer wirft, hofft auf Wiederverwertung. Tatsächlich endet ein Teil der aussortierten Ware in Nordchile – illegal entsorgt in der Atacama-Wüste. Nun soll ein neues Gesetz das ändern.
Altkleider gelten als gutes Gewissen der Fast-Fashion-Ära: spenden statt wegwerfen, recyceln statt vernichten. Doch ein Teil dieser Textilien aus Europa und Nordamerika landet offenbar nicht in neuen Kleiderschränken, sondern in der Atacama-Wüste im Norden Chiles.
Nach Schätzungen werden dort jedes Jahr rund 39.000 Tonnen Kleidung illegal abgeladen. Chile importiert insgesamt etwa 123.000 Tonnen gebrauchte Textilien pro Jahr. Ein Großteil kommt über die Freihandelszone Zofri in der Hafenstadt Iquique ins Land. Dort können Unternehmen Waren zoll- und steuerfrei einführen, lagern und weiterverkaufen – ein Modell, das seit Jahrzehnten auch den Handel mit Secondhand-Kleidung befeuert.
Ein Teil der Ware wird in Chile verkauft oder in andere lateinamerikanische Länder exportiert. Was jedoch übrig bleibt, wird zum Problem. Denn nicht verkaufte Textilien dürfen nicht einfach auf kommunalen Deponien landen, da diese nur für Hausmüll vorgesehen sind. Offiziell müssten Händler die Ware weiterexportieren, versteuern oder fachgerecht entsorgen lassen. Das kostet Geld.
Die Folge: Manche Unternehmen umgehen die Regeln und kippen die Kleidung illegal in die umliegende Wüste oder verbrennen sie. Für die Stadt Alto Hospicio ist das längst ein Dauerproblem. Die Behörden kontrollieren zwar mit Fahrzeugen und Kameras, doch das Gebiet ist weitläufig – und die Ressourcen begrenzt.
Gleichzeitig ist der Altkleiderhandel wirtschaftlich relevant. In der Region schafft er Arbeitsplätze, vor allem für Frauen, die die Ware sortieren und nach Qualität einstufen. Auf Märkten wie La Quebradilla wird ein Teil der aussortierten Kleidung für wenige Cent verkauft – ein informeller Wirtschaftskreislauf, der Nutzen und Umweltbelastung zugleich produziert.
Nun setzt Chile auf strengere Regeln. Seit Juli fallen Textilien unter das Gesetz zur erweiterten Herstellerverantwortung. Künftig sollen Modefirmen, Händler und Importeure dafür mitverantwortlich sein, was am Ende des Lebenszyklus mit Kleidung geschieht – also für Sammlung, Wiederverwendung, Recycling oder fachgerechte Entsorgung zahlen.
Parallel entsteht bei Iquique eine Fabrik, die unverkaufte Kleidung ohne Wasser oder Chemikalien zu Fasern und Filz verarbeiten soll, etwa für Matratzen, Möbel oder Isolierung. Betreiber ist ein großer Textilimporteur, der nach eigenen Angaben bis zu 20 Tonnen pro Tag verarbeiten will.
Der Fall Chile zeigt, wie global die Schattenseite der Modeindustrie geworden ist: Was in Europa als Recycling beginnt, endet oft anderswo als Müllproblem. Der Kleidercontainer löst das Problem nicht – er verlagert es nur.

