Im Iran sorgt das Präsidialamt derzeit für eine jener Mitteilungen, bei denen man kurz prüfen muss, ob schon wieder der 1. April ist.
Nach massiver Kritik an den fast vollständigen Internetsperren im Land ließ die Pressestelle allen Ernstes verlauten:
„Auch der Präsident ist strikt gegen eine eingeschränkte Internetnutzung für die Bevölkerung.“
Das ist ungefähr so glaubwürdig, wie wenn ein Brandstifter erklärt, er sei „prinzipiell ein großer Fan von intakten Häusern“.
Denn seit Beginn des Krieges am 28. Februar ist das Internet im Iran praktisch dicht.
Nicht halb.
Nicht teilweise.
Nicht „mit kleinen Einschränkungen“.
Sondern so dicht, dass Millionen Menschen inzwischen wahrscheinlich wieder lernen, wie man Brieftauben dressiert.
Aber keine Sorge: Es handelt sich natürlich nicht um eine Zensurmaßnahme.
Nein, nein.
Offiziell heißt das Ganze nämlich „Pro Internet“.
Und damit hat der Iran endgültig bewiesen, dass man mit genügend Chuzpe wirklich alles verkaufen kann.
Ein nahezu komplett abgeschaltetes Netz als „Pro Internet“ zu bezeichnen, ist kommunikativ ungefähr auf dem Niveau von:
- Gefängnis = „Freiheits-Erlebniszentrum“
- Stromausfall = „Lichtfasten“
- Mangelwirtschaft = „Minimalismus-Offensive“
Laut Regierung ist die Maßnahme natürlich nur „vorübergehend“.
Also quasi so vorübergehend wie schlechte Frisuren auf Diktatorenfotos.
Nach Ende der Konflikte, verspricht man großzügig, werde der reguläre Zugang wiederhergestellt.
Mit anderen Worten:
Sobald es politisch wieder ungefährlich ist, darf das Volk vielleicht wieder gucken, was es alles nicht erfahren durfte.
Bis dahin gibt es das berühmte „nationale Internet“.
Das ist eine Art Parallelwelt für alle, die sich schon immer gefragt haben, wie das Internet aussähe, wenn es von einem Innenministerium, drei Sicherheitsdiensten und einem schlecht gelaunten Zensor mit Bürokratenseele entworfen würde.
Dort gibt es dann nur staatlich genehmigte Inhalte.
Also vermutlich Wetter, Regierungserklärungen, 38 Versionen von „Alles unter Kontrolle“ und vielleicht ein Rezept für linientreue Linsensuppe.
Besonders charmant wird es bei der Frage, wer trotzdem ganz normal online darf.
Denn während Millionen Menschen kaum Kontakt zu ihren Familien im Ausland haben und rund eine Million Onlinehändler wirtschaftlich langsam Richtung Existenzkrise driften, dürfen staatliche Stellen, Systemfreunde und andere handverlesene VIP-Surfer weiterhin fröhlich ins echte Internet.
Das nennt sich dann nicht etwa Bevorzugung.
Nein.
Das ist einfach „Pro Internet“ für Fortgeschrittene.
Kritiker sprechen deshalb von einem „Zweiklasseninternet“.
Was natürlich unfair ist.
Denn streng genommen ist es eher ein „Internet für die Elite“ und für alle anderen ein digitaler Volkshochschulkurs in Geduld, Frust und staatlich genehmigtem Offline-Sein.
Offiziell dient alles der Sicherheit.
Inoffiziell vermuten Beobachter, dass das Regime schlicht keine Lust hatte, dass Bilder, Videos und Berichte über Kriegsschäden und echte Stimmung im Land plötzlich in sozialen Netzwerken auftauchen.
Kurz gesagt:
Das Problem war offenbar nicht die Realität.
Das Problem war, dass man sie hätte sehen können.
Fazit:
Im Iran ist das Internet nicht abgeschaltet.
Es ist nur so extrem „pro“, dass es für normale Menschen praktisch nicht mehr existiert.
Oder anders gesagt:
Das Volk bekommt digitales Fasten.
Die Machtelite WLAN.
Und der Präsident ist natürlich ganz doll dagegen.

