Santa Marta oder: Wie man das Klima rettet, indem man noch einen Gipfel veranstaltet

Santa Marta oder: Wie man das Klima rettet, indem man noch einen Gipfel veranstaltet

Veröffentlicht

Sonntag, 26.04.2026
von Red. TB

Die Welt brennt.
Also trifft man sich in Kolumbien.

Genauer gesagt in Santa Marta, einer hübschen Küstenstadt, in der nun mehr als 50 Staaten darüber beraten, wie man endlich ernsthaft aus Kohle, Öl und Gas aussteigt. Das klingt zunächst nach Aufbruch, nach Konsequenz, nach dem späten Erwachen einer Weltgemeinschaft, die den Ernst der Lage erkannt hat.

Dann liest man den entscheidenden Satz:
Es gibt keine Abschlüsse. Keine Verpflichtungen. Keine bindenden Beschlüsse.

Anders gesagt: Es ist ein Klimagipfel im gewohnten Premiumformat. Viel Symbolik, viel Haltung, viel „politischer Raum“ – aber bitte ohne die Zumutung konkreter Folgen.

Das Beste an Santa Marta: Die Störenfriede fehlen

Die Konferenz wird von Kolumbien und den Niederlanden organisiert und versteht sich als Ergänzung zu den stockenden UNO-Klimaverhandlungen. Das ist diplomatisch formuliert. Weniger diplomatisch könnte man sagen: Weil die großen Klimakonferenzen inzwischen zuverlässig an nationalen Egoismen, fossilen Interessen und geopolitischer Realitätsverweigerung zerschellen, schafft man nun ein neues Format, in dem man wenigstens ungestört aneinander Zustimmung verteilen kann.

Denn die ganz großen Emittenten sind gar nicht da.

USA, China, Indien, Russland, Saudi-Arabien, Iran, Japan – fehlen.
Also im Grunde jene Staaten, ohne die ein globaler Ausstieg aus fossilen Energien ungefähr so realistisch ist wie ein Rauchverbot auf einem brennenden Ölfeld.

Doch Kolumbiens Umweltministerin Irene Velez Torres sieht darin ausdrücklich kein Problem. Man wolle keine Boykottierer und Klimaleugner am Tisch.

Das ist politisch nachvollziehbar und psychologisch vermutlich sehr angenehm.
Es ist immer leichter, die Welt zu retten, wenn die Leute, die sie ruinieren, nicht mitreden.

Ein exklusiver Debattierclub gegen die Physik

Das neue Format soll Wege zur Energiewende suchen, Koalitionen schmieden und Impulse für die nächste Weltklimakonferenz liefern. Es soll also genau das tun, was seit Jahren jede zweite Konferenz verspricht: endlich vom Reden ins Handeln kommen.

Nur leider ohne Handeln.

Denn Santa Marta ist kein Verhandlungsformat. Es ist eine Plattform. Ein Raum. Ein Prozess. Eine Initiative. Also all jene schönen Wörter, die in der internationalen Politik meistens dann auftauchen, wenn man sehr beschäftigt wirken möchte, ohne jemanden festzunageln.

Die Erderwärmung dürfte das mit Interesse verfolgen.

Die fossile Schizophrenie der Regierungen

Der Zeitpunkt der Konferenz ist fast poetisch. Während in Santa Marta der Ausstieg aus fossilen Energien diskutiert wird, sorgt der Krieg im Iran für neue Nervosität auf den Energiemärkten. Die Straße von Hormus wackelt, Ölpreise reagieren empfindlich, Regierungen bekommen Schweißausbrüche – und plötzlich erinnert sich die halbe Welt daran, dass sie fossile Energien eigentlich doch noch ganz dringend braucht.

Das ist der Kern des Problems:
Fast alle Regierungen sind für den Ausstieg – solange keine Krise dazwischenkommt.

Und da ständig irgendeine Krise dazwischenkommt, bleibt der Ausstieg ein rhetorisches Fernziel, während man kurzfristig noch schnell neue Förderkapazitäten sichert. Sicherheitspolitisch vernünftig, klimapolitisch verheerend, politisch bequem.

Die Formel ist simpel:
Net Zero in Sonntagsreden, Notfallbohrung am Montag.

Das 1,5-Grad-Ziel: Offiziell sakrosankt, praktisch längst überbucht

Laut WWF planen Regierungen weltweit für 2030 noch immer, mehr als doppelt so viele fossile Brennstoffe zu fördern, wie mit dem 1,5-Grad-Ziel vereinbar wäre.

Man muss sich diesen Satz auf der Zunge zergehen lassen.

Die Staaten wissen also ziemlich genau, was notwendig wäre.
Sie kennen die Zahlen.
Sie kennen die Kipppunkte.
Sie kennen die Risiken.
Und planen trotzdem exakt das Gegenteil.

Das ist keine politische Unschärfe mehr. Das ist organisierte Selbsttäuschung mit PowerPoint-Begleitung.

„Fossilfreie Zonen“ – bis jemand den Boden scannt

Besonders hübsch klingt die Debatte über „fossilfreie Zonen“. Regionen also, in denen Öl, Gas und Kohle gar nicht erst mehr gefördert werden sollen – vor allem dort, wo Natur, Klima und indigene Lebensräume besonders sensibel sind.

Das ist tatsächlich einer der wenigen Vorschläge, die den Charme echter Konsequenz besitzen. Denn er übersetzt das abstrakte „Wir müssen raus aus Fossilen“ endlich in eine konkrete Frage:
Wo wird künftig nicht mehr gebohrt?

Und genau deshalb wird es heikel.

Solange Klimapolitik aus Appellen besteht, sind fast alle dabei.
Sobald auf der Landkarte ein roter Kreis erscheint und jemand sagt: „Hier nicht“, beginnt das übliche Schauspiel aus wirtschaftlicher Vernunft, nationalem Interesse, sozialer Verantwortung, Versorgungssicherheit und plötzlich wieder ganz viel Liebe zum Industriestandort.

Die Konferenzindustrie läuft, das Klima leider auch

Santa Marta ist kein Skandal.
Es ist eher ein Symptom.

Ein Symptom dafür, dass die internationale Klimapolitik längst eine eigene Parallelindustrie hervorgebracht hat: Gipfel, Vor-Gipfel, Sonderforen, Allianzen, Dialogräume, Transformationsplattformen, Ministerrunden, Stakeholder-Formate. Das alles produziert Papiere, Panels, Pressefotos und Hoffnungssätze.

Was es nur selten produziert:
schnell sinkende Emissionen.

Natürlich ist Diplomatie wichtig. Natürlich braucht es Vorreiter-Koalitionen. Natürlich ist es sinnvoll, wenn sich Staaten zusammentun, die wenigstens noch den Ehrgeiz haben, nicht völlig offen in die Klimakatastrophe zu marschieren.

Aber irgendwann muss man auch aussprechen, was diese Szene so gern umkurvt:
Ohne die großen Emittenten, ohne die großen Förderländer und ohne echte Verbindlichkeit bleibt das alles politisch elegant – aber physikalisch weitgehend egal.

Die traurige Pointe

Die vielleicht bitterste Pointe von Santa Marta lautet nicht, dass dort zu wenig passiert.
Sondern dass selbst dieses Treffen schon als Fortschritt gilt.

Weil wir uns längst daran gewöhnt haben, dass in der Klimapolitik schon als Erfolg verkauft wird, wenn Staaten es schaffen, sich in einem Raum zu versammeln, ohne dass Saudi-Arabien das Wort „Ausstieg“ aus dem Papier streicht oder irgendeine Großmacht den Laden blockiert.

Die Messlatte liegt inzwischen so tief, dass schon ein halbwegs konfliktfreies Gespräch unter Gleichgesinnten als mutiger Schritt gefeiert wird.

Dabei ist die Wahrheit unerquicklich schlicht:
Die Atmosphäre verhandelt nicht.
Sie kennt keine Kompromissformeln, keine Abschlusserklärungen, keine „wichtigen Impulse für COP31“.

Sie reagiert nur auf Emissionen.

Und davon gibt es weiterhin reichlich.

Fazit

Santa Marta ist die perfekte Klimakonferenz unserer Zeit:

  • moralisch richtig
  • politisch verständlich
  • kommunikativ wertvoll
  • strukturell zu schwach
  • und vor allem: unverbindlich

Die Staaten reden über den Ausstieg aus fossilen Energien, während sie gleichzeitig neue Öl- und Gasrealitäten absichern. Sie feiern „politische Räume“, während draußen die physikalische Realität längst den Sitzungssaal übernommen hat.

Oder noch kürzer:

Die Welt will raus aus Öl, Gas und Kohle.
Nur bitte nicht jetzt.
Und bitte nicht zuerst.
Und bitte nicht dort, wo es weh tut.

Bildnachweis:

Tama66 (CC0), Pixabay

von Autor: Red. TB
am: Sonntag, 26.04.2026

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