Gen Z trägt wieder Uhren – obwohl viele nicht mal mehr wissen, wie man sie liest

Gen Z trägt wieder Uhren – obwohl viele nicht mal mehr wissen, wie man sie liest

Veröffentlicht

Sonntag, 26.04.2026
von Red. TB

Es ist eine jener herrlichen Absurditäten der Gegenwart: Eine Generation, die mit iPhone, Apple Watch und permanenter Bildschirmzeit aufgewachsen ist, entdeckt plötzlich die Armbanduhr wieder. Nicht als Werkzeug. Nicht aus Notwendigkeit. Sondern als Lifestyle-Objekt, als Nostalgie-Requisite, als tragbares Moodboard.

Die Generation Z, also jene Alterskohorte, die sich die Uhrzeit auf dem Handy, Laptop, Herd, Fernseher, Thermostat, Auto-Display und notfalls auf dem Kühlschrank anzeigen lassen kann, gibt plötzlich vierstellige Summen für Vintage-Uhren aus. Für Gegenstände also, deren ursprünglicher Zweck längst von jedem beliebigen Bildschirm erledigt wird. Wer heute 22 ist, braucht keine Uhr. Gerade deshalb will er eine.

Das ist nicht nur ein Modetrend. Es ist ein Symptom.

Der Amerikaner Evan Fry, Jahrgang 2003, besitzt nach eigenen Angaben mehr als 35 Uhren. Viele davon kosten zwischen 1000 und 2000 Dollar. Sein Lieblingsstück: eine Tag Heuer Carrera mit magentafarbener Lünette, rund 3500 Dollar teuer. Später hätte er gern eine H. Moser, manche Modelle liegen bei etwa 50.000 Dollar. Das ist bemerkenswert für jemanden, der in einer Welt aufgewachsen ist, in der das Anzeigen der Uhrzeit ungefähr so exklusiv ist wie Leitungswasser.

Aber genau das macht die Uhr für Gen Z so attraktiv: Sie ist nutzlos genug, um bedeutungsvoll zu wirken.

Das Comeback des überflüssigen Gegenstands

In einer Kultur, in der fast alles sofort verfügbar, digital reproduzierbar und algorithmisch vorgeschlagen wird, wird das Physische wieder zum Fetisch. Eine Uhr ist schwer, kalt, mechanisch, sichtbar gealtert. Sie lädt nicht. Sie vibriert nicht. Sie aktualisiert sich nicht. Sie verlangt nichts. Sie ist einfach da. Für eine Generation, die ihr halbes Leben in Interfaces verbringt, ist das fast schon erotisch.

Die Plattform Bezel berichtet, dass Käufer unter 30 inzwischen rund ein Drittel aller Transaktionen ausmachen. Und ausgerechnet diese Jüngeren geben im Schnitt besonders viel für einzelne Uhren aus. Das ist mehr als Konsum. Es ist kuratierter Konsum. Oder, wie man heute sagen würde: Identitätsmanagement am Handgelenk.

Die Uhr wird nicht getragen, um pünktlich zu sein. Sie wird getragen, um eine Geschichte zu behaupten.

Nostalgie ohne Erinnerung

Besonders hübsch wird es bei der Begründung. Viele junge Käufer lieben ausgerechnet klassische Dresswatches: kleine, elegante Modelle mit schlichtem Zifferblatt, Gold- oder Silbergehäuse, Lederband, Großeltern-Aura. Laut Chrono24 ist die Nachfrage in dieser Altersgruppe seit Jahren deutlich gestiegen.

Mit anderen Worten: Die Generation, die in Oversize-Hoodies und Baggy Jeans auf TikTok tanzt, schiebt sich plötzlich Uhren ans Handgelenk, die aussehen, als würde gleich jemand „Bitte nicht im Salon rauchen“ sagen.

Vintage-Händlerin Dahyn Lee berichtet, dass viele junge Kunden Modelle kaufen, weil sie „genau so eine“ von ihrer Großmutter kennen. Man kann das rührend finden. Oder als eine der reinsten Formen moderner Sehnsucht: Nostalgie für eine Zeit, in der man nicht gelebt hat. Erinnerung als ästhetisches Accessoire. Geschichte als Filter.

Manche Käufer, erzählt Lee, wissen nicht einmal, wie man die Uhrzeit auf einer analogen Uhr richtig liest.

Das ist fast schon perfekte Gegenwartskunst.

Die Uhr als Armband mit Story

Noch besser: Für manche spielt es offenbar nicht einmal eine Rolle, ob die Uhr funktioniert. Hauptsache, sie sieht gut aus. Dann wird aus der Uhr ein Armband mit Vergangenheitssimulation. Ein kleines, rundes Objekt, das so tut, als hätte es ein Leben hinter sich – und dem Träger gleich mit eine Art Tiefe verleiht.

Das passt hervorragend in eine Zeit, in der Produkte nicht mehr nur gekauft, sondern inszeniert werden. Die Uhr ist kein Gebrauchsgegenstand mehr, sondern Content mit Schließe.

Sie sagt nicht: Es ist 14.37 Uhr.
Sie sagt: Ich habe Geschmack, vielleicht sogar eine alte Seele, und wenn du Glück hast, erzähle ich dir gleich etwas über japanische Händler, Schweizer Handaufzugswerke und meinen Großvater, auch wenn ich eigentlich keinen meine.

Gender? Ach, bitte

Fast zwangsläufig räumt Gen Z auch die alten Geschlechtergrenzen im Uhrenregal ab. Kleine „Damenuhren“ landen an Männerhandgelenken, größere Modelle an Frauenarmen. Die klassischen Kategorien lösen sich auf, weil sie für diese Generation ohnehin nur noch eine weitere Schublade sind, die man dekorativ ignoriert.

Der Sammler Fry erzählt, dass er sich erst traute, kleinere, femininere Modelle zu tragen, nachdem Timothée Chalamet mit einer Cartier Panthère auf dem roten Teppich erschien. Das ist vielleicht die ehrlichste Beschreibung moderner Stilbildung überhaupt: Individualismus durch Promi-Erlaubnis.

Auch Händler bestätigen, dass rote Teppiche heute mehr Uhren verkaufen als manche Fachzeitschrift. Junge Käufer kommen mit Screenshots von Oscar-Looks in die Läden und wollen „so etwas in der Art“. Das klingt nach Emanzipation vom Mainstream – ist aber oft nur ein eleganterer Mainstream.

Gen Z will nicht die Uhrzeit. Gen Z will Aura.

Am Ende ist dieser Trend weniger irrational, als er wirkt. Die Armbanduhr erfüllt heute nicht mehr ihre alte Funktion. Genau deshalb kann sie eine neue übernehmen. Sie ist langsam in einer schnellen Welt. Analog in einer digitalen. Dauerhaft in einer Wegwerfökonomie. Und sie erlaubt eine Form von Luxus, die sich intimer anfühlt als das nächste Smartphone.

Früher zeigte eine Uhr, wie spät es ist.
Heute zeigt sie, dass jemand verstanden hat, wie Stil in Zeiten totaler Verfügbarkeit funktioniert.

Oder noch einfacher:

Gen Z trägt keine Uhren, weil sie wissen will, wie spät es ist.
Gen Z trägt Uhren, weil sie aussehen will, als hätte sie eine Vergangenheit.

Bildnachweis:

Pexels (CC0), Pixabay

von Autor: Red. TB
am: Sonntag, 26.04.2026

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