Alte Getreidesorten gelten als Superfood aus der Vorzeit: natürlicher, nährstoffreicher, besser für den Körper. Doch der wissenschaftliche Befund fällt deutlich nüchterner aus. Der wahre Gesundheitsvorteil liegt oft nicht im Korn selbst – sondern darin, wie wir es essen.
Quinoa, Dinkel, Emmer, Hirse – kaum ein Bio-Regal kommt noch ohne sie aus. Alte Getreidesorten und sogenannte „ancient grains“ werden gern als ernährungsphysiologische Gegenentwürfe zum industriell gezüchteten Weizen verkauft: ursprünglicher, bekömmlicher, gesünder.
So einfach ist es allerdings nicht.
Fachleute betonen, dass der Hype um Urgetreide nur teilweise berechtigt ist. Zwar gibt es Hinweise, dass einzelne Sorten Vorteile haben können. Quinoa etwa ist glutenfrei und wurde in kleineren Studien mit besseren Blutzuckerwerten in Verbindung gebracht. Auch Hirse oder Fonio sind für Menschen mit Glutenunverträglichkeit interessant.
Ein genereller Gesundheitsvorsprung gegenüber modernen Getreidesorten lässt sich daraus aber nicht ableiten.
Der entscheidende Unterschied liegt oft an anderer Stelle: Viele alte Getreide werden häufiger als Vollkorn gegessen – und genau darin steckt ihr eigentlicher Vorteil. Vollkornprodukte enthalten mehr Ballaststoffe, Vitamine und Mineralstoffe als stark verarbeitete, raffinierte Produkte. Wer also Dinkelvollkornbrot mit Weißmehltoast vergleicht, vergleicht nicht nur zwei Getreidearten, sondern vor allem zwei völlig unterschiedliche Verarbeitungsstufen.
Moderne Getreidesorten wie Weizen oder Mais sind deshalb nicht automatisch schlechter. Zwar deuten einige Studien darauf hin, dass durch jahrzehntelange Züchtung manche Mineralstoffe leicht zurückgegangen sein könnten. Ernährungswissenschaftlich sind moderne Sorten deshalb aber keineswegs entwertet.
Spannend wird das Thema an anderer Stelle: beim Klima. Einige alte Getreidesorten gelten als robuster gegen Trockenheit, brauchen weniger Pestizide und könnten in Zeiten extremer Wetterlagen für die Landwirtschaft wieder attraktiver werden. Ihr Comeback ist also nicht nur ein Lifestyle-Trend, sondern auch eine Frage künftiger Ernährungssicherheit.
Das Fazit fällt dennoch überraschend unspektakulär aus:
Nicht „alt“ gegen „modern“ ist die entscheidende Frage, sondern Vollkorn statt raffiniert – und Vielfalt statt Monokultur auf dem Teller.
Oder anders gesagt:
Das gesündeste Getreide ist am Ende oft nicht das mit der schönsten Urzeit-Geschichte, sondern das, das möglichst wenig verarbeitet wurde.

