Indie-Spiele lieben derzeit Extreme: Entweder flüchtet man aufs virtuelle Land, pflanzt Karotten und streichelt Hühner – oder man versinkt in neonbeleuchteten Großstädten voller Gewalt, Korruption und moralischem Totalschaden. „Dosa Divas“ versucht etwas Drittes: ein Spiel über Essen, Familienkonflikte, Kapitalismuskritik und einen lebenden Riesenroboter. Und erstaunlicherweise funktioniert das.
Die Prämisse klingt wie ein Fiebertraum aus einem besonders kreativen Entwicklermeeting: Zwei Schwestern ziehen gemeinsam mit einem lebenden Mech-Roboter los, um das Fast-Food-Imperium ihrer dritten Schwester zu stoppen. Die Waffen: selbstgemachte Dosas, Küchenutensilien und eine gehörige Portion Trotz.
Was nach Gag klingt, ist in Wahrheit eines der originelleren Indie-Spiele des Jahres.
Kochen als Widerstand
„Dosa Divas“, entwickelt von Outerloop Games, macht von Beginn an klar, worum es geht: um den Gegensatz zwischen industrieller Massenverpflegung und selbstbestimmter, lokaler Küche. Während die böse Schwester mit ihrer Convenience-Food-Maschinerie Menschen abhängig macht, sammeln die Heldinnen Zutaten, kochen frische Gerichte und erfüllen die kulinarischen Wünsche der Dorfbewohner.
Das Spiel romantisiert das jedoch nicht blind. Zwar steckt viel Wärme in der Idee des gemeinsamen Kochens und Versorgens, doch „Dosa Divas“ bleibt klug genug, nicht einfach nur die übliche Indie-Fantasie vom heilen Landleben nachzuerzählen. Stattdessen wird Essen hier zum Ausdruck von Identität, Fürsorge und Widerstand – aber eben auch zum Ausgangspunkt familiärer Spannungen.
Küchenutensilien als Kampfansage
Spielerisch setzt „Dosa Divas“ auf eine Mischung aus Erkundung, Dialogen, Koch-Minispielen und rundenbasierten Kämpfen. Wer Zutaten gesammelt oder auf einem mobilen Bauernmarkt eingekauft hat, bereitet daraus Fladen, Wraps und andere Gerichte zu – in kleinen Minispielen, bei denen Timing und Präzision gefragt sind.
Wirklich eigen wird das Spiel aber in den Kämpfen. Dort wird die Küche zur Waffenkammer: Der Wok fliegt wie ein Frisbee, der Pfannenwender wird zur Nahkampfwaffe, und der lebende Roboter Goddess darf ebenfalls kräftig austeilen. Gegner sind unter anderem die lakonisch überspitzten Handlanger des Fast-Food-Konzerns – etwa geschniegelt-gefährliche Anwälte der Bequemlichkeitsindustrie.
Das alles ist absurd, aber nie beliebig. Der Humor sitzt, weil das Spiel seinen eigenen Ton konsequent durchhält.
Mehr als ein Gag mit Dosas
Die größte Stärke von „Dosa Divas“ liegt allerdings nicht in seinem schrägen Konzept, sondern darin, dass es sich nicht darauf ausruht. Hinter der bunten Oberfläche entfaltet sich eine überraschend fein erzählte Geschichte über Familie, Kränkungen, Sehnsüchte und Missverständnisse.
Die scheinbar klare Frontstellung zwischen „gutem“ selbstgekochtem Essen und „bösem“ Fast Food wird im Verlauf zunehmend brüchig. Rückblicke und Gespräche zeigen, dass die Konflikte tiefer reichen als bloße Lebensstilfragen. Die Figuren gewinnen an Kontur, die Motive werden ambivalenter, und die einfache Gut-Böse-Ordnung beginnt zu kippen.
Auch der Mech-Roboter Goddess bleibt nicht bloß ein skurriler Sidekick. Nach und nach deutet das Spiel an, dass es weitere Maschinen seiner Art gibt – Wesen irgendwo zwischen Technik, Mythos und mechanischer Gottheit. Damit erhält die Geschichte eine zusätzliche, fast märchenhafte Ebene.
Vielseitig, aber angenehm überschaubar
In weniger geschickten Händen könnte ein Spiel wie dieses leicht zum überladenen Ideenbuffet werden. Doch „Dosa Divas“ bleibt bemerkenswert fokussiert. Die Mischung aus Rollenspiel, Story-Abenteuer, Kochsimulation und Taktik-Kämpfen sorgt für Abwechslung, ohne je in Arbeit auszuarten.
Es gibt keine ausufernden Nebenquest-Listen, keine frustrierenden Schwierigkeitswände, kein ermüdendes Grinding. Stattdessen setzt das Spiel auf eine moderate Länge, leichte Herausforderungen und einen Rhythmus, der eher einlädt als erschlägt.
Gerade darin liegt ein Teil seines Charmes: „Dosa Divas“ will unterhalten, nicht dominieren.
Das bessere Soul Food unter den Indie-Spielen
Nach dem bereits auffälligen Vorgänger „Thirsty Suitors“ bestätigt Outerloop Games einmal mehr, dass das Studio ein Händchen für ungewöhnliche Themen, stilistische Eigenständigkeit und spielerische Mischformen hat. Auch „Dosa Divas“ wirkt wie ein bewusst komponiertes Potpourri – ein bisschen Rollenspiel, ein bisschen Kochspiel, ein bisschen Familiendrama, ein bisschen Satire.
Und doch bleibt es stets erstaunlich geschlossen.
Fazit
„Dosa Divas“ ist kein Spiel, das man wegen maximaler Spieltiefe oder technischer Perfektion spielt. Man spielt es, weil es Charakter hat.
Weil es einen eigenen Ton trifft.
Weil es absurd genug ist, um aufzufallen – und klug genug, um mehr zu sein als nur eine schräge Idee.
Ein Spiel über Essen als Widerstand, Familie als Schlachtfeld und Küchenutensilien als Mittel der Emanzipation.
Oder einfacher gesagt:
Eines der charmantesten Indie-Spiele des Jahres.

