In Texas zeigt die Republikanische Partei gerade wieder sehr anschaulich, dass sie Politik inzwischen ungefähr so organisiert wie einen Familienbetrieb mit Trump-Stempel: Wenn der eine geht, übernimmt eben der Bruder. Im 22. Kongressbezirk von Texas dürfte der scheidende Abgeordnete Troy Nehls, treuer Trump-Loyalist, Zigarrenfreund und wandelndes Symbol für die MAGA-Dauerschleife, aller Voraussicht nach im Jänner von niemand Geringerem ersetzt werden als von seinem eineiigen Zwillingsbruder Trever Nehls. Ja, richtig gelesen: Nicht nur derselbe Nachname, dieselbe Ideologie, dieselbe Familiengeschichte – praktisch dieselbe Person mit leicht anderer Frisurenführung.
Man muss den Amerikanern lassen: Sie haben ein Talent dafür, politische Absurditäten so zu inszenieren, als wären sie ein patriotisches Disney-Special. Der eine Zwillingsbruder geht aus dem Kongress, der andere kommt rein, und USA Today verkauft das Ganze mit der aufgeregten Frage, ob hier womöglich Geschichte geschrieben wird. Natürlich wird Geschichte geschrieben – nur halt eher in der Kategorie „Dynastie light für Leute, denen Kennedy zu intellektuell und Bush zu elitär war.“ Denn Trever Nehls könnte tatsächlich der erste eineiige Zwilling in der US-Geschichte werden, der seinen Bruder direkt im Kongress beerbt. Das ist formal historisch, politisch aber ungefähr so aufregend wie ein Ersatzreifen vom selben Modell.
Trever selbst beschreibt den Unterschied zwischen sich und Troy mit einer entwaffnenden Offenheit, die fast schon Satire ist. Er sei ein bisschen größer, vielleicht etwas fitter, sagt er, aber politisch seien sie „ziemlich deckungsgleich“. Das ist immerhin ehrlich. Andere Kandidaten reden sich bei solchen Gelegenheiten krampfhaft ein eigenes Profil zusammen. Trever sagt im Grunde: „Ich bin Troy, nur mit leicht veränderter Haartrennlinie.“ In einer normalen Demokratie wäre das ein Grund für skeptische Nachfragen. In MAGA-Amerika gilt es offenbar als Qualitätsmerkmal.
Die Geschichte der beiden Brüder klingt ohnehin wie aus einem schlecht gelaunten Casting für „America’s Most Republican Family“. Gemeinsam beim Militär, Häuser nebeneinander gebaut, als Kinder gleich angezogen, innerhalb eines Tages Abstand in die Armee eingetreten, und bis heute mehrmals täglich telefonischer Bruderabgleich. Das ist weniger politische Karriere als ein lebenslanges Franchise-Modell. Der Vater war Sheriff in Wisconsin, die Söhne gingen ebenfalls in Uniformberufe, dann in die Politik, dann in den Trump-Kosmos – und irgendwo dazwischen hat offenbar niemand mehr die Frage gestellt, ob es vielleicht sinnvoll wäre, wenn wenigstens einer von beiden mal etwas anderes macht als das, was der andere schon probiert hat.
Denn Trever ist ja keineswegs ein politischer Newcomer, der plötzlich aus heiterem Himmel aufgetaucht wäre. Er ist eher der bewährte Zweitversuch. Er folgte seinem Bruder bereits in ein lokales Amt, verlor später ein Rennen um das Sheriff-Amt, verlor 2022 eine Wahl zum County Judge und wird jetzt, nachdem der Bezirk tiefrot ist und Trump seinen Segen gegeben hat, voraussichtlich doch noch nach Washington durchgereicht. Anders gesagt: Nicht jeder politische Misserfolg ist in den USA ein Ende – manchmal ist er nur die Wartehalle, bis ein sicherer Sitz frei wird.
Natürlich darf bei so einer Geschichte auch der Trump-Faktor nicht fehlen. Trever tingelte 2024 monatelang durch Wisconsin, um für Trump Wahlkampf zu machen – und zwar nicht etwa dezent mit Flyern und Händeschütteln, sondern mit einem 20 Fuß hohen aufblasbaren Donald Trump. Ja, wirklich. Andere Länder schicken Diplomaten. In MAGA-Amerika fährt man mit einem überdimensionalen Luft-Trump über Jahrmärkte. Trever schleppte die Gummiversion des Präsidenten zu County Fairs, zu Hinterhöfen rund um Green Bay Packers-Spiele und offenbar überall dorthin, wo sich noch irgendwer registrieren ließ. Wenn man je ein Bild gebraucht hat, das die komplette intellektuelle Verdichtung der Gegenwartspolitik in einem Motiv zusammenfasst – hier ist es: Ein erwachsener Mann, der mit einem riesigen aufblasbaren Trump über Volksfeste zieht und das ernsthaft für strategische Wählerarbeit hält.
Trump war entsprechend begeistert. Er fragte die Brüder nach seinen Auftritten regelmäßig, wie es in Wisconsin laufe, und Trever versicherte ihm pflichtschuldig, dass er dort natürlich gewinnen werde. Dass Trump ihn dann für den Sitz in Texas unterstützte, überrascht ungefähr so sehr wie Hitze in Arizona. Trever selbst formuliert es fast rührend schlicht: Trump habe genau gewusst, „was er bekommt“. Exakt. Und das ist vermutlich der ehrlichste Satz der ganzen Geschichte. Die MAGA-Bewegung liebt keine originellen Charaktere, keine neuen Ideen, keine komplizierten Persönlichkeiten. Sie liebt Wiedererkennbarkeit, Loyalität und Verlässlichkeit. Wenn der erste Nehls zuverlässig mitlief, warum also nicht den zweiten nachbestellen?
Der scheidende Troy Nehls hinterlässt dabei durchaus eine bemerkenswerte politische Duftspur. Da war die Untersuchung wegen des Verdachts, Wahlkampfgelder für private Zwecke verwendet zu haben. Da waren Vorwürfe rund um seine Militärdarstellung. Da gab es Kritik an seiner früheren Polizeikarriere bis hin zu Fragen wegen seines Umgangs mit Beweismitteln. Also das übliche MAGA-Profil: laut, loyal, umstritten, permanent in irgendeiner Wolke aus Vorwürfen und politischer Selbstviktimisierung unterwegs. Trever wischt das natürlich alles weg und erklärt die Anschuldigungen zur politisch motivierten Kampagne. Auch das gehört längst zum Standard-Handbuch. Wenn Vorwürfe auftauchen, sind sie immer „vom Establishment“, „politisch motiviert“ oder der verzweifelte Versuch, einen wahren Patrioten zu diskreditieren. Es ist das politische Äquivalent zu: „Der Hund hat die Hausaufgaben gefressen – aber deep state.“
Und trotzdem versucht Trever tapfer, eine eigene Identität zu behaupten. Er bewundere seinen Bruder, sagt er, aber er werde „seinen eigenen Weg gehen“. Das klingt schön. Nur ist die Ausgangslage eben etwas unerquicklich: derselbe Name, derselbe Bezirk, dieselbe politische Linie, dieselbe Trump-Nähe, dieselbe Familienlegende, derselbe konservative Stallgeruch. Wenn du dann noch wortwörtlich der identische Zwilling bist, wird das mit der individuellen Note schwierig. Es ist ein bisschen so, als würde Coca-Cola eine neue Dose mit minimal anderer Schrift herausbringen und erklären: „Das ist jetzt ein völlig eigenständiges Geschmackserlebnis.“
Am Ende wird Trever Nehls vermutlich tatsächlich in den Kongress einziehen. Der Bezirk gilt als sicher republikanisch, Trump hat ihn abgesegnet, und in solchen Gegenden reicht das inzwischen fast als demokratischer Lieferauftrag. Die Wähler bekommen dann also keinen echten Wechsel, keine neue Richtung, nicht einmal eine nennenswert andere Verpackung. Sie bekommen im Grunde die Fortsetzung derselben Figur mit leicht modifiziertem Haarscheitel.
Die Bewertung:
Das ist keine politische Erneuerung. Das ist MAGA im Familienpack.
Wenn Troy Nehls geht und Trever Nehls kommt, ist das nicht „Geschichte“. Das ist Austauschbarkeit mit Wahlzettel.
Oder kürzer: In Texas ersetzt man den Abgeordneten jetzt offenbar wie eine Glühbirne – Hauptsache, sie leuchtet weiter orange.

