Eigentlich sollte am 30. September Geschichte geschrieben werden. Christa Pike, heute 50 Jahre alt, sollte als erste Frau seit mehr als 200 Jahren im US-Bundesstaat Tennessee hingerichtet werden.
Doch kurz vor der Vollstreckung passierte etwas, das im amerikanischen Justizsystem fast schon zum festen Bühnenprogramm gehört: Noch ein Antrag, noch ein Gericht, noch eine Runde.
Ein US-Bundesgericht setzte die Hinrichtung vorerst aus.
Begründung: Pike habe Zweifel an der Rechtmäßigkeit früherer Verfahren dargelegt, die zunächst geprüft werden müssten.
Damit lautet der aktuelle Stand nicht „Begnadigung“, sondern eher: Todesstrafe vertagt wegen juristischer Restarbeiten.
Tennessee sagt: Das ist nur Verzögerung
Der Bundesstaat Tennessee ist davon wenig begeistert.
Die zuständige Gefängnisbehörde wandte sich mit einem Eilantrag an den Supreme Court und wirft Pikes Verteidigung vor, in letzter Minute auf Zeit zu spielen.
Die Argumentation des Staates ist deutlich: Der Mord sei so grausam gewesen, dass selbst die heute vorgebrachten Kindheitstraumata am damaligen Strafmaß nichts geändert hätten.
Mit anderen Worten: Tennessee hält den Aufschub für juristisches Theater kurz vor Toresschluss.
Pikes Verteidigung sieht das naturgemäß anders.
Sie argumentiert sinngemäß ziemlich überzeugend: Wenn die Hinrichtung verschoben wird, entsteht dem Staat kein irreparabler Schaden. Wenn sie dagegen sofort vollstreckt wird, ist eine spätere Korrektur eher schwierig.
Diese Logik besitzt zumindest einen gewissen praktischen Charme.
Das Problem: Was wusste das Gericht über ihre Kindheit?
Der entscheidende Streitpunkt betrifft Pikes Kindheit.
Sie macht geltend, schwere Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung erlebt zu haben.
Im früheren Verfahren seien ihre Angaben zunächst als unglaubwürdig oder erfunden behandelt worden. Später habe der Bundesstaat jedoch Teile dieses Missbrauchs anerkannt.
Genau hier setzt ihre Verteidigung an.
Wenn ein wesentlicher Teil ihrer Biografie damals als Lüge abgetan wurde, später aber doch als glaubhaft galt, stellt sich die Frage, ob das Strafverfahren und insbesondere die Entscheidung über die Todesstrafe auf einer ausreichenden Grundlage standen.
Das bedeutet nicht automatisch, dass das Urteil falsch war.
Es bedeutet lediglich, dass ein Gericht nun prüfen will, ob bei einer Strafe, die bekanntlich nicht besonders gut rückgängig gemacht werden kann, tatsächlich alles sauber gelaufen ist.
Eine erstaunlich hohe Messlatte.
Der Mord war grausam
Bei aller juristischen Satire darf eines nicht verharmlost werden: Der Mord an Colleen Slemmer war brutal.
Pike war zum Tatzeitpunkt 18 Jahre alt. Das 19-jährige Opfer wurde 1995 gemeinsam mit anderen Jugendlichen in ein abgelegenes Gebiet nahe der University of Tennessee gebracht, dort gefoltert und getötet.
Der Fall sorgte in den USA für enormes Aufsehen.
Auf dem Körper des Opfers wurde ein Pentagramm gefunden, was damals zusätzlich eine große mediale Debatte über angebliche satanistische Hintergründe auslöste.
Pike wurde 1996 zum Tode verurteilt.
Ihr damaliger Freund war zum Tatzeitpunkt 17 Jahre alt und erhielt lebenslange Haft. Eine weitere beteiligte junge Frau wurde wesentlich milder bestraft.
Pike blieb damit als Einzige der Beteiligten im Todestrakt.
Fast 30 Jahre Todestrakt – und jetzt plötzlich Eile
Seit ihrer Verurteilung sind rund drei Jahrzehnte vergangen.
Fast 30 Jahre.
Das ist bemerkenswert, weil der Bundesstaat nun den Eindruck vermittelt, als sei ein weiterer kurzer Aufschub kaum noch zumutbar.
Nach Jahrzehnten gerichtlicher Verfahren soll es plötzlich auf Tage ankommen.
Der Staat spricht von Verzögerungstaktik.
Die Verteidigung spricht von notwendiger Überprüfung.
Und irgendwo zwischen beiden Positionen steht die relativ simple Tatsache, dass eine Hinrichtung nach ihrer Durchführung nicht mehr zur erneuten gerichtlichen Prüfung zurückgeschickt werden kann.
Amnesty und UN schalten sich ein
Mehrere Menschenrechtsorganisationen versuchten im Vorfeld, die Exekution zu verhindern.
Amnesty International verwies insbesondere auf Pikes traumatische Kindheit. Sie soll Vergewaltigung, sexuelle und körperliche Gewalt, Misshandlung und Vernachlässigung erlebt haben.
Auch Experten der Vereinten Nationen forderten einen Stopp.
Sie argumentieren, Pike habe nicht nur schwere Misshandlungen in ihrer Kindheit erlebt, sondern darüber hinaus fast drei Jahrzehnte unter extremen Bedingungen im Todestrakt verbracht.
Pike selbst formulierte ihren Standpunkt vergleichsweise schlicht:
Sie halte es für widersprüchlich, jemanden zu töten, um zu demonstrieren, dass Töten falsch sei.
Das ist vermutlich einer jener Sätze, über die amerikanische Strafrechtspolitiker seit Jahrzehnten diskutieren könnten, ohne sich auch nur einen Zentimeter näherzukommen.
Die Mutter des Opfers sieht die Sache völlig anders
Auf der anderen Seite steht die Familie von Colleen Slemmer.
Ihre Mutter reagierte empört darüber, wie viel öffentliche Aufmerksamkeit Pike vor der geplanten Hinrichtung erhielt.
Sie glaubt nicht daran, dass sich Pike grundlegend verändert habe.
Und ihre Perspektive ist ebenso nachvollziehbar wie bitter:
Während über die Rechte, Traumata und Lebensumstände der Täterin gesprochen wird, ist ihre Tochter seit 1995 tot.
Gerade darin liegt die enorme emotionale Schwierigkeit solcher Fälle.
Ein Rechtsstaat muss die Rechte eines verurteilten Täters auch dann prüfen, wenn die Tat abscheulich war.
Für Angehörige eines Opfers kann genau diese notwendige Prüfung jedoch wie eine endlose Verlängerung des eigenen Leids wirken.
Frauen werden in den USA nur extrem selten hingerichtet
Der Fall ist auch deshalb außergewöhnlich, weil Hinrichtungen von Frauen in den Vereinigten Staaten selten sind.
Pike ist derzeit die einzige Frau im Todestrakt von Tennessee.
Wäre die Exekution durchgeführt worden, wäre sie nach den vorliegenden Angaben die erste Frau seit 1819 gewesen, die der Bundesstaat hingerichtet hätte.
Seit der Wiedereinführung der Todesstrafe in den USA im Jahr 1976 wurden insgesamt nur 18 Frauen exekutiert.
Gemessen an sämtlichen Hinrichtungen beträgt ihr Anteil ungefähr ein Prozent.
Pike wäre damit nicht einfach nur eine weitere Hinrichtung gewesen.
Sie wäre ein historischer Fall geworden.
Nicht unbedingt die Art von Geschichte, für die ein Bundesstaat später eine Gedenkplakette aufstellt.
Todesstrafe: Amerikanischer Föderalismus in seiner konsequentesten Form
Die Todesstrafe zeigt besonders deutlich, wie unterschiedlich die Vereinigten Staaten politisch und rechtlich funktionieren.
Einige Bundesstaaten haben sie abgeschafft.
Andere behalten sie im Gesetz, vollstrecken aber praktisch keine Todesurteile.
Wieder andere setzen sie regelmäßig um.
Und selbst bei der Methode herrscht die typisch amerikanische Vielfalt.
Giftspritze?
Elektrischer Stuhl?
Gas?
Erschießungskommando?
Historisch sogar Erhängen?
In kaum einem anderen westlichen Staat existiert eine derart umfangreiche Auswahl staatlich organisierter Todesarten.
Tennessee gehört zu den Bundesstaaten, in denen die Todesstrafe weiterhin grundsätzlich vollstreckt werden kann.
Die Statistik hat ihren eigenen makabren Charakter
Seit 1976 wurden in den USA insgesamt 1.683 Menschen hingerichtet.
Die überwältigende Mehrheit starb durch Giftspritze.
163 Menschen wurden auf dem elektrischen Stuhl getötet.
19 durch Gas.
Sechs durch ein Erschießungskommando.
Drei wurden erhängt.
Man könnte sagen, das amerikanische Strafrecht verfügt über eine bemerkenswert breite technische Tradition.
Ob das unbedingt ein Qualitätsmerkmal eines modernen Rechtssystems ist, darf jeder selbst entscheiden.
Eine Mehrheit unterstützt die Todesstrafe – und hält sie gleichzeitig für wenig abschreckend
Besonders interessant ist die öffentliche Meinung.
Nach einer aktuellen repräsentativen Umfrage unterstützen rund zwei Drittel der amerikanischen Erwachsenen die Todesstrafe für Menschen, die wegen Mordes verurteilt wurden.
Gleichzeitig glaubt eine Mehrheit nicht daran, dass die Todesstrafe schwere Straftaten wirksam abschreckt.
Das führt zu einer bemerkenswerten Kombination:
Viele Amerikaner wollen die Todesstrafe behalten, obwohl viele von ihnen nicht glauben, dass sie ihren häufig genannten kriminalpolitischen Zweck erfüllt.
Vielleicht ist sie damit weniger Instrument der Abschreckung als Ausdruck eines bestimmten Verständnisses von Vergeltung.
Jetzt entscheidet möglicherweise wieder der Supreme Court
Der Fall liegt nun beim obersten US-Gericht.
Tennessee möchte erreichen, dass der Hinrichtungsstopp aufgehoben wird.
Pikes Anwälte wollen dagegen Zeit für eine gründlichere Prüfung.
Damit entscheidet sich möglicherweise innerhalb kurzer Zeit, ob die 50-Jährige weiter im Todestrakt bleibt oder ob Tennessee seine historische Hinrichtung doch noch vollziehen kann.
Und genau darin liegt die Absurdität dieses Falles:
Nach rund drei Jahrzehnten Haft, zahllosen Gerichtsverfahren und einer Hinrichtung, die längst vorbereitet war, diskutiert die amerikanische Justiz nun darüber, ob ein paar zusätzliche Wochen oder Monate zu viel verlangt sind.
Bei einer gewöhnlichen Strafe wäre das vielleicht eine akademische Frage.
Bei der Todesstrafe ist es die letzte Frage überhaupt.


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