Zwei Beinahe-Zusammenstöße in zwei Wochen, Personalmangel bei der Flugsicherung und jetzt auch noch Suspendierungen: Am Flughafen Sydney scheint derzeit weniger „Ready for Take-off“ und mehr „Wer fährt eigentlich zuerst?“ angesagt zu sein.
Es gibt Flughäfen, da freut man sich beim Rollen zur Startbahn auf den Urlaub.
Und dann gibt es aktuell offenbar Sydney.
Dort könnte die Sicherheitsdurchsage demnächst vielleicht lauten:
„Meine Damen und Herren, bitte bleiben Sie angeschnallt. Nicht wegen Turbulenzen – wir müssen erst einmal schauen, wer uns auf dem Rollfeld entgegenkommt.“
Satire beiseite: Innerhalb von nur zwei Wochen kam es am Kingsford Smith International Airport zu zwei Beinahe-Zusammenstößen. Das ist dann doch eine Häufung, bei der selbst Menschen mit ausgeprägter Flugbegeisterung kurz überlegen dürften, ob Australien nicht vielleicht auch mit dem Tretboot erreichbar ist.
Jetstar trifft Qatar – zum Glück nur beinahe
Beim jüngsten Zwischenfall kamen sich eine Jetstar-Maschine und eine Boeing 777 von Qatar Airways beim Rollen gefährlich nahe.
Der Jetstar-Pilot musste abrupt bremsen, um eine Kollision zu verhindern.
Ein Crewmitglied wurde dabei laut Bericht verletzt, die Passagiere blieben unverletzt.
Das ist die gute Nachricht.
Die weniger gute:
So etwas möchte man auf einem Flughafen eigentlich nicht unter der Rubrik „Diese Woche schon wieder“ lesen.
Die australische Flugsicherheitsbehörde ATSB untersucht den Vorfall.
Ein Fluglotse und ein Bodenmitarbeiter wurden inzwischen vom Dienst suspendiert.
Auch der Chef von Airservices Australia, Rob Sharp, durfte bei Verkehrsministerin Catherine King offenbar zum Gespräch antreten.
Man kann sich ungefähr vorstellen, wie angenehm dieser Termin gewesen sein dürfte.
„Herr Sharp, wie läuft es am Flughafen?“
„Also grundsätzlich rollen die Flugzeuge.“
„Das hatten wir bemerkt.“
Schon Ende Juli gab es beinahe Flugzeug-Billard
Besonders beruhigend ist nämlich nicht, dass es sich um einen einmaligen Ausrutscher handelte.
Ende Juli war es bereits zu einem ähnlichen Zwischenfall gekommen.
Damals sollen die Besatzungen zweier Maschinen widersprüchliche Anweisungen von Fluglotsen erhalten haben.
Widersprüchliche Anweisungen sind im Alltag schon unangenehm.
Im Büro:
„Geh links.“
„Nein, rechts.“
Kann passieren.
Auf einem Rollfeld mit mehreren hundert Tonnen schweren Passagiermaschinen lautet die Wunschvorstellung eher:
Alle bekommen möglichst dieselbe Version.
Auch dieser Fall wird untersucht.
Das eigentliche Problem heißt offenbar: zu wenig Personal
Hinter den Schwierigkeiten steht nach den vorliegenden Informationen auch ein zunehmender Flugverkehr bei gleichzeitigem Personalmangel.
Airservices Australia kämpft bereits seit Jahren mit fehlenden Fluglotsen.
Das klingt ungefähr so, als würde ein Restaurant sagen:
„Wir haben leider zu wenige Kellner.“
Nur dass hier niemand auf eine Pizza wartet.
Hier warten Flugzeuge darauf, möglichst kollisionsfrei durch einen der größten Flughäfen Australiens dirigiert zu werden.
Wenn irgendwo Personal fehlt, sollte ausgerechnet bei der Flugsicherung vielleicht nicht der Gedanke entstehen:
„Ach, Gary macht heute einfach zwei Startbahnen gleichzeitig.“
Starts und Landungen müssen reduziert werden
Die angespannte Personalsituation führte zuletzt zu Verspätungen.
Damit der Betrieb trotz fehlender Mitarbeiter sicher abgewickelt werden kann, musste die Zahl der Starts und Landungen reduziert werden.
Das ist natürlich die richtige Konsequenz.
Lieber zehn Minuten später starten als zehn Sekunden zu früh irgendwo hineinrollen.
Als Passagier würde ich sogar großzügig anbieten:
Macht ruhig 20 Minuten.
Nehmt euch Zeit.
Trinkt einen Kaffee.
Schaut zweimal auf den Monitor.
Ich habe Urlaub.
Ich bin nicht in Eile.
Sydney sorgt sich um seinen Ruf
Der Regierungschef von New South Wales, Chris Minns, warnt bereits davor, dass die Probleme langfristig Sydneys Ruf als Wirtschaftsmetropole und Touristenziel beschädigen könnten.
Das dürfte stimmen.
Denn für Tourismuswerbung ist der Satz
„Besuchen Sie Sydney – zwei Flugzeuge zur gleichen Zeit am gleichen Ort“
nur bedingt geeignet.
Eigentlich möchte eine Stadt mit Opernhaus, Hafenbrücke, Stränden und Lebensqualität werben.
Nicht mit:
„Unsere Piloten haben hervorragende Reflexe.“
Obwohl das nach den jüngsten Ereignissen offensichtlich ebenfalls ein Qualitätsmerkmal ist.
Eine neue australische Attraktion?
Vielleicht könnte man die Situation touristisch offensiv angehen.
„Sydney Airport Adventure Experience“.
Im Ticket enthalten:
Landung.
Gepäck.
Transfer.
Und die spannende Frage:
„Schaffen wir es bis zum Gate, ohne dass jemand eine Vollbremsung macht?“
Premiumkunden bekommen Fensterplätze.
Aber Spaß beiseite: Genau dafür gibt es Untersuchungen, Sicherheitsverfahren und klare Verantwortlichkeiten.
Zwei Beinahe-Zusammenstöße in zwei Wochen sind kein Grund, pauschal zu behaupten, Fliegen nach Sydney sei grundsätzlich unsicher.
Sie sind aber sehr wohl ein Grund dafür, sehr genau hinzusehen, warum es zu solchen Situationen kommen konnte.
Vielleicht wäre mehr Personal eine originelle Idee
Wenn steigender Flugverkehr auf dauerhaft knappe Personaldecken trifft, gibt es irgendwann einen Punkt, an dem Effizienz nicht mehr das Zauberwort sein sollte.
Dann heißt das Zauberwort:
Personal.
Fluglotsen ausbilden.
Stellen besetzen.
Dienstpläne stabilisieren.
Reserven schaffen.
Denn bei manchen Berufen ist „Wir schaffen das auch mit weniger Leuten“ eine interessante Managementidee.
Bei Fluglotsen möchte ich persönlich lieber hören:
„Wir haben genug.“
Fazit: Don’t fly to Sidney – zumindest nicht ohne Humor
Natürlich ist die Überschrift überspitzt.
Niemand muss wegen zweier untersuchter Zwischenfälle seine Australienreise absagen.
Aber wenn innerhalb von zwei Wochen zweimal Flugzeuge gefährlich nahe zueinander kommen und gleichzeitig über Personalmangel bei der Flugsicherung berichtet wird, darf man schon fragen:
Wie viel Warnsignal braucht ein Flughafen eigentlich, bevor man strukturell nachbessert?
Sydney hat jetzt die Chance, genau das zu tun.
Bis dahin würde ich als Passagier beim Rollen einfach aufmerksam aus dem Fenster schauen.
Nicht aus Angst.
Nur aus Interesse.
Und wenn plötzlich eine Boeing 777 quer durchs Bild fährt:
Bitte dem Piloten nicht reinreden. Der weiß inzwischen offenbar ziemlich gut, wo die Bremse ist.


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