Der dritte Tag des NFL Draft ist traditionell das Reich der Ernüchterung. Hier sterben Träume nicht mehr im Rampenlicht, sondern leise zwischen Pick 112 und dem Ende des Wochenendes. Keine große Bühne mehr, kein Glamour, nur noch Resteverwertung, Hoffnung auf Entwicklung – und die brutale Wahrheit der Liga.
Auch 2026 war das nicht anders.
Die Gewinner: Willkommen im Bereich „Vielleicht wird das was“
Jermod McCoy: Vom freien Fall direkt zu den Raiders
Der Cornerback von Tennessee musste lange zusehen, wie Team für Team an ihm vorbeizog. Knieprobleme, medizinische Fragezeichen, schlechte Vibes in den War Rooms – die übliche NFL-Mischung aus Panik und Risikoaversion. Am Ende griffen die Raiders als erste am dritten Tag zu. In Las Vegas gilt ja traditionell: Wenn schon Unsicherheit, dann bitte mit maximalem Potenzial. Für McCoy könnte das tatsächlich ein Glücksfall sein. Für die Raiders wäre es fast revolutionär, wenn ein solcher Zock aufgeht.
Die Chargers: Jim Harbaugh trifft Fast & Furious
Los Angeles draftete am Samstag, als hätte jemand Mike McDaniel kurz Zugriff auf Harbaughs Whiteboard gegeben. Brenen Thompson, mutmaßlich schneller als so mancher Team-Bus, soll Justin Herbert eine neue Tiefendrohung geben. Dazu mehrere schwere Jungs für die Line. Übersetzt: Erst Straße freiräumen, dann Vollgas. Eine seltene Mischung aus Silicon-Valley-Speed und Big-Ten-Beton.
Tyler Shough: Die Saints tun so, als hätten sie einen Plan
New Orleans scheint sich entschlossen zu haben, den jungen Quarterback Tyler Shough nicht sofort im Chaos zu versenken. Nach Verstärkungen in der Free Agency legten die Saints am Samstag mit Receivern und Line-Hilfe nach. Bryce Lance bringt Tiefe, Jeremiah Wright Stabilität, Barion Brown Tempo. Fast wirkt es, als wolle man tatsächlich eine Umgebung schaffen, in der ein Quarterback wachsen kann. In New Orleans ist das bereits ein bemerkenswerter Fortschritt.
Patrick Mahomes: Der Mann bekommt wieder neues Spielzeug
Die Chiefs haben das getan, was die Chiefs eben tun: Sie geben Patrick Mahomes weitere Optionen und tun dabei so, als sei das nur Kaderpflege. Emmett Johnson soll dem lahmen Laufspiel Beine machen, Cyrus Allen könnte als schneller Slot-Receiver interessant werden. Kansas City baut weiter an einer Offense, die selbst im Umbau noch elitär aussieht. Andere Teams suchen nach Identität – die Chiefs suchen nach zusätzlicher Unterhaltung.
Tight Ends: Die stillen Stars eines eher unsexy Drafts
22 Tight Ends wurden gezogen. Zweiundzwanzig. Offenbar haben genug General Manager Sean McVay-Videos geschaut und beschlossen, dass drei Tight Ends auf dem Feld jetzt plötzlich Vision statt Verzweiflung sind. Der Trend ist klar: mehr Vielseitigkeit, mehr schwere Formationen, mehr Matchup-Fantasien. Oder anders gesagt: Die Liga will wieder clever wirken, ohne zugeben zu müssen, dass sie eigentlich einfach nur wieder größer werden will.
Die Verlierer: Der Markt ist kalt, und er hat keine Gefühle
Garrett Nussmeier: Vom möglichen Starter zum Chiefs-Projekt
Der LSU-Quarterback galt als jemand, der zumindest irgendwo hätte starten können – vielleicht nicht heute, aber bald. Die NFL sah das offensichtlich anders. Nussmeier fiel bis in die späte siebte Runde und landete bei den Chiefs. Klingt auf dem Papier glamourös. In Wahrheit heißt das: Clipboard, dritte Reihe, und Andy Reid vielleicht mal beim Denken zuschauen. Hinter Mahomes lernt man viel – vor allem Geduld.
Taylen Green: Combine-Helden sind im April oft größer als im Draft
6 Fuß 6, 227 Pfund, 4,36 Sekunden über 40 Yards – ein wandelndes Laborergebnis. Taylen Green sah beim Combine aus wie ein Cheatcode. Nur leider spielt die NFL immer noch Football und nicht „Madden Create-a-Player“. Der Quarterback fiel bis in Runde sechs zu den Browns, wo sich bereits mehrere junge Quarterbacks gegenseitig die Entwicklung blockieren. Athletik verkauft sich gut. Präzision und Struktur noch immer besser.
Diego Pavia: Heisman-Finalist, aber bitte nicht anrufen
Manche Geschichten schreibt nur die NFL – und sie sind selten nett. Diego Pavia, Heisman-Finalist, ging komplett undrafted. Damit ist er der erste Finalist seit 2014 ohne Draft-Auswahl und der erste Runner-up seit 2003, der gar nicht gezogen wurde. Das ist die Sorte Statistik, die man später in Quizshows hört und sich fragt: Wie bitte? Die Antwort ist simpel: Die NFL liebt Prototypen. Pavia war keiner.
Harold Perkins Jr.: Früher Star, später Suchfall
Harold Perkins Jr. begann seine College-Karriere wie ein kommender Unterschiedsspieler. Am Ende landete er erst in Runde sieben bei Atlanta. Zu klein für manche Rollen, zu undefiniert für andere, zu wenig klare Position für eine Liga, die Etiketten liebt. Vielleicht wird er als Hybrid-Waffe doch noch wertvoll. Vielleicht ist er aber auch nur das nächste Beispiel dafür, wie schnell College-Ruhm in der NFL zu einem Randnotiz-Status schrumpft.
Fazit: Tag 3 ist die Stunde der Demütigung
Der dritte Draft-Tag ist kein Ort für große Reden. Er ist die nüchterne Abrechnung nach Monaten voller Mock Drafts, Hype-Clips und „Sleeper“-Debatten. Hier entscheidet sich, wer als cleverer Steal gilt – und wer plötzlich als Mahnung durchgeht.
Einige Teams haben ihre Kader klug ergänzt. Einige Spieler haben gute Landing Spots erwischt. Andere wurden von der Liga einmal komplett durchgescannt und mit einem kollektiven Schulterzucken abgelegt.
Willkommen in der NFL.
Hier ist selbst ein Heisman-Finalist manchmal nur ein Name auf der Warteliste.

