Trump sagt: Alles halb so wild – die Weltfinanzelite sagt: Lieber nicht so laut lachen

Trump sagt: Alles halb so wild – die Weltfinanzelite sagt: Lieber nicht so laut lachen

Veröffentlicht

Samstag, 18.04.2026
von Red. TB

Während Donald Trump und seine Regierung bereits wieder den Eindruck erwecken, der Iran-Krieg sei im Grunde nur eine kurze geopolitische Unpässlichkeit mit überschaubarem Beipackzettel, klingt es hinter den Kulissen von IWF und Weltbank deutlich weniger entspannt. In Washington, nur ein paar Straßen vom Weißen Haus entfernt, wurde in dieser Woche ziemlich klar: Die internationale Finanzelite hält die wirtschaftlichen Folgen des Konflikts für alles andere als harmlos.

Im Zentrum der Sorge steht die Straße von Hormus – jener schmale maritime Flaschenhals, durch den ein erheblicher Teil des weltweiten Ölhandels läuft. Wird dort blockiert, stockt nicht nur der Tanker-Verkehr, sondern mit Verzögerung auch die globale Versorgung mit Energie, Gas, Düngemitteln und am Ende Lebensmitteln. Während US-Finanzminister Scott Bessent vor laufenden Kameras beschwichtigte, Märkte und Wirtschaft würden sich schnell erholen, hörte man von G7-Finanzministern, Zentralbankern und Top-Bankern vor allem eines: Unmut, Nervosität und wenig Begeisterung darüber, dass die Welt die Rechnung für einen Krieg präsentiert bekommt, den sie nicht bestellt hat.

Besonders deutlich wurde Großbritanniens Finanzministerin Rachel Reeves. Sie sprach von der „Torheit“ und dem „Fehler“ eines Krieges, „der nicht unserer ist“. Übersetzt ins diplomatische Deutsch heißt das ungefähr: Washington zündelt, der Rest der Welt soll zahlen. Bei internationalen Treffen sei die Stimmung entsprechend frostig gewesen. Teilnehmer berichten, dass eigentlich nur die USA im Raum so taten, als sei das alles eher ein logistisches Missverständnis mit kurzer Laufzeit. Vor allem asiatische Finanzvertreter warnten dagegen vor realen Energieengpässen – also nicht nur vor nervösen Märkten, sondern vor echten Versorgungslücken.

IWF-Chefin Kristalina Georgiewa sprach deshalb von einem „langsamer wirkenden Schock“. Klingt harmlos, ist es aber nicht. Denn genau das ist das Problem: Die schlimmsten Folgen zeigen sich nicht sofort, sondern zeitverzögert. Tanker, die Ende Februar noch ausgelaufen waren, sind inzwischen angekommen – doch neue Lieferungen fehlen. Wer glaubt, man könne so etwas einfach mit einem Truth-Social-Post beschleunigen, hat vermutlich noch nie versucht, einen Tanker nach Fidschi zu schicken. Dort dauert das rund 40 Tage.

Besonders gefährlich wird es bei Lebensmitteln. Der Preis für Harnstoff, einem zentralen Rohstoff für Düngemittel, hat sich bereits verdoppelt. Die Weltbank warnt offen davor, dass daraus in wenigen Monaten ein globales Ernährungsproblem werden kann – nicht sofort in New York oder London, aber in wirtschaftlich schwächeren Staaten, die jetzt schon am Limit laufen. Irak, Bangladesch, pazifische Inselstaaten: Viele Länder hängen an langen, fragilen Lieferketten, die durch die Krise brutal offengelegt wurden. Die Weltbank bereitet deshalb Hilfen von bis zu 100 Milliarden Dollar vor – wohlgemerkt mehr als in Teilen der Corona-Zeit. Das ist keine kleine Vorsichtsmaßnahme. Das ist der institutionelle Versuch, den globalen Kollateralschaden halbwegs einzudämmen.

Und was sagt Washington dazu? Im Wesentlichen: Der Krieg ist bald vorbei – und der Schmerz lohnt sich.
US-Finanzminister Scott Bessent brachte diese Haltung bemerkenswert unverblümt auf den Punkt. Auf die Frage nach den Risiken für die Weltwirtschaft konterte er sinngemäß, man solle sich lieber fragen, was ein nuklearer Treffer auf London für das globale BIP bedeuten würde. Das ist natürlich eine elegante Art, jede ökonomische Kritik mit einem apokalyptischen Vergleich zu erschlagen. Nach dem Motto: Beschwert euch nicht über Benzinpreise, es könnte ja auch schlimmer sein.

Frankreichs Finanzminister Roland Lescure formulierte es nüchterner – und realistischer. Die Straße von Hormus sei der Knoten dieser Krise, und der müsse gelöst werden. Denn die wirtschaftlichen Schäden träfen alle. Selbst die USA spürten die Folgen über höhere Benzinpreise. Der Iran nutze die ökonomischen Verwerfungen als Druckmittel. Genau darin liegt das strategische Problem: Die wirtschaftliche Verwundbarkeit der Welt wird zur Waffe.

Immerhin gibt es in Europa erste politische Konsequenzen. Frankreich nutzt die Krise, um den Ausbau von Kernkraft und Erneuerbaren noch stärker voranzutreiben. Großbritannien will bestehende Nordsee-Felder besser ausschöpfen und den Strommarkt reformieren, damit Strompreise weniger direkt an teures Gas gekoppelt bleiben. Mit anderen Worten: Trump bremst zu Hause Windräder – und liefert Europa unfreiwillig die nächste Begründung, schneller aus fossiler Abhängigkeit auszusteigen. Man könnte fast sagen: Ausgerechnet der Mann, der mit Öl spricht wie andere mit Haustieren, wird international zum unfreiwilligen Werbeträger der Energiewende.

Auch die Geldpolitik bleibt vorsichtig. Der Chef der Bank of England, Andrew Bailey, machte klar, dass man kriegsbedingte Inflation nicht reflexhaft mit Zinserhöhungen beantworten sollte. Die beste Antwort auf steigende Preise sei Deeskalation, nicht Aktionismus. Eine bemerkenswert klare Botschaft in Richtung jener politischen Schule, die auf jede Krise zuerst mit Härte, dann mit Pathos und erst viel später mit Mathematik reagiert.

Und als wäre das alles nicht genug, war der Iran-Krieg in Washington nicht einmal die einzige Sorge. Viele Finanzpolitiker und Banker blicken gleichzeitig auf Private Credit, mögliche Übertreibungen im KI- und Technologiesektor sowie neue Cyberrisiken durch leistungsfähige KI-Modelle. Selbst der Barclays-Chef stufte den Nahost-Konflikt zuletzt nur als drittgrößte Gefahr ein. Das ist fast schon beruhigend – oder eben besonders beunruhigend, je nach Blickwinkel.

Die gute Nachricht: Die vorübergehende Öffnung der Straße von Hormus hat die Märkte zuletzt beruhigt. Energiepreise fielen, ebenso Kreditkosten, Benzinpreise und Hypothekenzinsen. In Washington wagt man nun zu hoffen, dass der Höhepunkt der Krise überschritten ist.

Die schlechte Nachricht:
Fast alle dort wissen, dass diese Hoffnung auf einem sehr schmalen Seeweg basiert.

Denn wenn Hormus erneut zum geopolitischen Würgegriff wird, dann endet die Krise nicht an der Tankstelle. Dann landet sie im Supermarkt, auf der Stromrechnung, bei Düngemitteln, in Lieferketten – und am Ende in der Weltkonjunktur.

Oder noch kürzer gesagt:
Trump verkauft „kurzen Schmerz für langfristige Sicherheit“. Der Rest der Welt sieht vor allem die Rechnung – und ist sich nicht sicher, ob er den Verkäufer überhaupt bestellt hat.

Bildnachweis:

MIH83 (CC0), Pixabay

von Autor: Red. TB
am: Samstag, 18.04.2026

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