Frage: Herr Rechtsanwalt Högel, derzeit werben Anbieter mit Modellen wie „Automatisch ein Golddepot aufbauen“, monatlichen Rabatten, automatischem Goldnachkauf und späterer Auslieferung. Für viele Verbraucher klingt das zunächst attraktiv. Wie bewerten Sie solche Angebote?
Maurice Högel:
Mein erster Eindruck ist nicht nur Vorsicht, sondern klare Skepsis.
Solche Modelle sind in vielen Fällen nicht deshalb kompliziert, weil Gold kompliziert wäre, sondern weil die Konstruktion offenkundig darauf angelegt ist, Kosten, Risiken und wirtschaftliche Nachteile hinter Werbesprache und Bonusversprechen zu verstecken.
Ein seriöser Goldkauf ist einfach:
Ich zahle einen Preis, ich erhalte eine klar definierte Menge Gold, ich kenne das Aufgeld und ich kann nachvollziehen, wann und wie ich über mein Eigentum verfüge.
Wenn ein Anbieter stattdessen mit Begriffen wie Premiumgebühr, monatlicher Rabatt, automatischer Nachkauf, Wartezeit, spätere Auslieferung und Rückvergütung über Jahre arbeitet, dann sollte sich jeder Verbraucher fragen:
Warum muss ein angeblich so attraktives Produkt derart kompliziert konstruiert sein?
Aus meiner Sicht lautet die Antwort häufig:
Weil die wirtschaftliche Wahrheit für den Kunden sonst zu schnell erkennbar wäre.
Frage: Ein zentraler Punkt des Angebots ist die Aussage: 75 % Feingold, 25 % Premiumgebühr. Wie bewerten Sie das?
Maurice Högel:
Das ist aus meiner Sicht kein kleines Detail, sondern der Kern des Problems.
Denn im Klartext bedeutet das:
Ein Viertel des eingezahlten Geldes fließt zunächst nicht in Gold, sondern in Kosten, Gebühren, Aufschläge oder vertriebsbezogene Belastungen.
Wenn ein Verbraucher 100 Euro einzahlt und davon nur 75 Euro tatsächlich in Gold investiert werden, dann ist das kein attraktiver Einstieg in den Vermögensaufbau, sondern zunächst einmal ein erheblicher wirtschaftlicher Nachteil.
Natürlich gibt es beim Kauf von physischem Gold immer ein Aufgeld. Aber 25 Prozent sind im Vergleich zu transparenten und marktüblichen Edelmetallkäufen außergewöhnlich hoch. Das muss man sehr deutlich sagen.
Wer Gold kauft, will Gold erwerben – nicht in erster Linie Gebühren finanzieren.
Frage: Der Anbieter wirbt gleichzeitig mit einem „monatlichen Rabatt von 4 %“. Klingt das nicht so, als würde sich die hohe Belastung im Laufe der Zeit wieder ausgleichen?
Maurice Högel:
Genau das ist die typische Verkaufslogik solcher Modelle:
Ein zunächst massiver Nachteil wird durch spätere Rabatte, Gutschriften oder Rückvergütungen optisch relativiert.
Aber Verbraucher müssen hier sehr genau hinschauen:
Diese 4 Prozent beziehen sich nach der Darstellung nicht auf die gesamte Einzahlung, sondern nur auf den Goldanteil, also auf die 75 Prozent. Der tatsächliche Vorteil ist also deutlich kleiner, als es die Werbung auf den ersten Blick suggeriert.
Hinzu kommt:
- Ist dieser „Rabatt“ wirklich sofort frei verfügbar?
- Wird er bar ausgezahlt oder nur intern verrechnet?
- Was passiert bei Kündigung?
- Was passiert bei Unterbrechung?
- Was passiert, wenn der Kunde früher aussteigen will?
- Und: Muss man jahrelang im System bleiben, damit die Rechnung überhaupt irgendwie aufgeht?
Wenn ein Produkt nur dann „attraktiv“ wirkt, wenn man lange genug durchhält und alle Bedingungen erfüllt, dann ist das aus meiner Sicht kein starkes Investment, sondern ein vertriebsgetriebenes Haltesystem.
Frage: Besonders auffällig sind Formulierungen wie „144 % Rabatt gesamt“ oder „200 % Rabatt auf die Premiumgebühr“. Wie beurteilen Sie solche Aussagen?
Maurice Högel:
Solche Aussagen sind aus meiner Sicht ein massives Warnsignal.
Wenn ein Finanz- oder Edelmetallprodukt mit ungewöhnlich hohen Prozentwerten wirbt, dann dient das häufig nicht der Transparenz, sondern der psychologischen Überwältigung des Verbrauchers. Große Zahlen sollen beeindrucken, nicht aufklären.
Juristisch ist dann immer zu prüfen, ob die Werbung
- klar,
- verständlich,
- transparent
und vor allem nicht irreführend ist.
Denn der durchschnittliche Verbraucher könnte annehmen, er erhalte einen außergewöhnlichen Preisvorteil. Tatsächlich kann sich dahinter aber ein rein rechnerischer, an Bedingungen geknüpfter oder zeitlich gestreckter Mechanismus verbergen, der wirtschaftlich etwas ganz anderes bedeutet.
Ich sage es ganz deutlich:
Wer mit komplizierten Prozentversprechen werben muss, statt einfach zu sagen, wie viel Gramm Gold der Kunde für sein Geld erhält, hat ein Transparenzproblem.
Frage: Das Angebot spricht davon, dass das Gold bereits ab Kauf Eigentum des Kunden sei, die Auslieferung aber erst nach 36 Monaten erfolgt. Klingt das nicht wenigstens beruhigend?
Maurice Högel:
Nein, das ist für sich genommen keineswegs beruhigend.
Der bloße Hinweis „Eigentum ab Kauf“ ist nur dann wirklich etwas wert, wenn dieses Eigentum rechtlich sauber abgesichert und praktisch jederzeit nachvollziehbar ist.
Entscheidend sind Fragen wie:
- Ist das Gold individuell zugeordnet?
- Gibt es ein echtes Aussonderungsrecht im Insolvenzfall?
- Ist die Verwahrung dokumentiert?
- Gibt es Prüfberichte?
- Wer ist Verwahrer?
- Kann der Kunde jederzeit Auslieferung verlangen?
- Oder ist das Gold zwar „sein Eigentum“, aber faktisch über Jahre nicht frei verfügbar?
Wenn ein Verbraucher Gold angeblich bereits besitzt, es aber 36 Monate lang nicht in Händen halten oder frei herausverlangen kann, dann trägt er eben nicht nur das Goldpreisrisiko, sondern zusätzlich ein erhebliches
- Vertragsrisiko,
- Anbieterrisiko,
- Abwicklungsrisiko
und unter Umständen auch ein Insolvenzrisiko.
Das wird in der Werbung regelmäßig verharmlost.
Frage: Was halten Sie von der langen Bindung über 36 Monate und den weiteren Bonusversprechen bis Monat 72?
Maurice Högel:
Aus meiner Sicht ist genau das der Punkt, an dem aus einem angeblichen Goldkauf endgültig ein langfristig gebundenes Vertriebsmodell wird.
Wenn die Wirtschaftlichkeit für den Kunden davon abhängt,
- dass er 36 Monate durchhält,
- dann noch weitere 36 Monate auf zusätzliche Rückvergütungen hofft,
- nicht kündigt,
- keine Liquidität braucht,
- keine Zweifel bekommt
und der Anbieter über Jahre hinweg stabil bleibt,
dann ist das kein einfacher Vermögensaufbau, sondern ein Modell, das in erster Linie auf Vertragsbindung setzt.
Je länger die Laufzeit, desto größer die Risiken:
- wirtschaftliche Entwicklung des Unternehmens
- Auslegungsfragen bei Vertragsklauseln
- Veränderungen in der praktischen Abwicklung
- Probleme bei Auszahlung oder Auslieferung
- und am Ende die ernüchternde Erkenntnis, dass der vermeintliche Vorteil nur auf dem Papier gut aussah
Ein solides Produkt muss nicht erst nach sechs Jahren schön gerechnet werden.
Frage: Ist so ein Modell aus Ihrer Sicht überhaupt noch ein klassischer Goldkauf?
Maurice Högel:
Ganz offen: Es wirkt eher wie ein strukturiertes Vertriebs- und Provisionsmodell mit Goldbezug als wie ein klassischer Goldkauf.
Ein klassischer Goldkauf ist glasklar:
Ich zahle X und bekomme Y Gramm Gold.
Wenn aber stattdessen eine Mischung aus
- Premiumgebühr,
- Rabattmechanik,
- automatischem Reinvestment,
- später Auslieferung,
- Bonusstaffel
und langjähriger Bindung entsteht,
dann wird aus einem einfachen Sachwertkauf ein komplexes Vertragsprodukt.
Und im Verbraucherschutz gilt fast immer:
Je komplizierter das Modell, desto höher das Risiko, dass nicht der Kunde, sondern der Vertrieb profitiert.
Frage: Was sollten Verbraucher vor einer Unterschrift unbedingt prüfen?
Maurice Högel:
Ich würde jedem Verbraucher raten, sich diese Punkte schriftlich und eindeutig bestätigen zu lassen:
- Wie viel meiner Einzahlung fließt tatsächlich und sofort in Gold?
- Wie viele Gramm Gold erhalte ich konkret pro 100, 500 oder 1.000 Euro?
- Wie hoch ist das effektive Aufgeld gegenüber dem Spotpreis?
- Was verliere ich bei Kündigung nach 6, 12 oder 24 Monaten?
- Kann ich jederzeit physische Auslieferung verlangen – ja oder nein?
- Ist mein Gold individuell zugeordnet und insolvenzfest abgesichert?
- Wer verwahrt das Gold konkret und wo?
- Sind die Rabatte garantiert oder an Bedingungen geknüpft?
- Erhalte ich Geld oder nur interne Gutschriften?
- Welche Provision erhält der Vermittler?
Und ich sage es bewusst deutlich:
Wenn ein Anbieter diese Fragen nicht klar, nachvollziehbar und schriftlich beantwortet, sollte man nicht unterschreiben.
Frage: Was ist Ihr abschließendes Fazit zu solchen Goldmodellen?
Maurice Högel:
Mein Fazit ist eindeutig und deutlich kritischer als ein bloßes „vorsichtig sein“:
Solche Modelle sind aus meiner Sicht für viele Verbraucher eher ein Risiko als eine sinnvolle Form des Goldkaufs.
Die Kombination aus
- hoher Premiumgebühr,
- komplizierter Rabattarchitektur,
- langer Bindung,
- zeitlich verzögerter Verfügbarkeit des Goldes
und mehrjährigen Bonusversprechen
spricht nicht für Transparenz, sondern für ein Produkt, das wirtschaftlich vor allem aus Sicht des Anbieters attraktiv erscheint.
Gold kann ein sinnvoller Baustein der Vermögenssicherung sein –
aber nur dann, wenn der Erwerb einfach, transparent, nachvollziehbar und sofort überprüfbar ist.
Oder noch klarer formuliert:
Wenn ein Goldangebot komplizierter ist als „Ich zahle X und bekomme sofort Y Gramm Gold“, dann sollte man sich ernsthaft fragen, ob hier wirklich Gold verkauft wird – oder vor allem ein Geschäftsmodell.
